Debatte über Umgestaltung:Soll die Forstenrieder Allee ein Shared Space werden?

Lesezeit: 3 min

Debatte über Umgestaltung: Die Bürger wünschen sich eine Umgestaltung des Dorfkerns in Forstenried.

Die Bürger wünschen sich eine Umgestaltung des Dorfkerns in Forstenried.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Bürger wünschen sich für ihren Dorfkern mehr Aufenthaltsqualität. Nur über ein besonderes Verkehrskonzept auf der Hauptverkehrsader gibt es im Bezirksausschuss Streit.

Von Jürgen Wolfram

In Forstenried stehen die Zeichen auf Veränderung. Nach einem Workshop im Herbst 2021 mit der Stadtplanerin Andrea Gebhard sind die Anregungen zur Verkehrsentlastung und zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität nun auf der politischen Ebene angekommen. In Einzelanträge zerlegt hat das "Paket von Bürgerwünschen" die SPD-Fraktion im Bezirksausschuss (BA) Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln.

Auf Gegenliebe stießen mehrheitlich fast alle Vorschläge aus der Mitte der Bevölkerung, vor allem jene, die den Erhalt des denkmalgeschützten Dorfkern-Ensembles zum Ziel haben. Heiß diskutiert und mit 18 zu 15 Stimmen nur knapp befürwortet wurde hingegen die Idee, die Forstenrieder Allee in einen Shared Space zu verwandeln, in einen Verkehrsraum also, in dem alle Verkehrsteilnehmer bei geringem Tempo gleichberechtigt unterwegs sind. Auf regulatorische Eingriffe, etwa durch Ampeln, würde bei diesem Modell weitestgehend verzichtet.

Jenseits der Fraktionen von SPD und Grünen hielten viele BA-Mitglieder diesen Einfall für inakzeptabel. Claudia Küng, Sprecherin der CSU-Fraktion, kann sich auf einer Hauptverkehrsader wie der Forstenrieder Allee ein "Gleichgewicht aller Verkehrsteilnehmer" schlicht nicht vorstellen. Zu stark werde diese Achse vom Auto dominiert, was aller Voraussicht nach langfristig so bleiben werde. Unter dieser Voraussetzung sei es unverantwortlich, ein Experiment zu starten, das vor allem zu Lasten von Kindern ginge, die in Forstenried die Schule besuchen, sagte Küng. Ähnlich äußerten sich der BA-Vorsitzende Ludwig Weidinger (CSU) sowie Loraine Bender-Schwering (FW), die ebenso auf Probleme für die Forstenrieder Feuerwehr hinwies, sollte der Verkehr vor deren Ausfahrt vollends unübersichtlich werden.

In die Phalanx der Antragsgegner reihte sich auch Anke Sponer (CSU) ein. Sie habe in Niedersachsen erlebt, welche Auswirkungen ein Shared Space mit sich bringe. Ihr Fazit: "Wir sollten das Geld lieber in Schulen investieren." Ähnlich deutlich wurde ein Sprecher der Polizei: "Dieser Ort ist aus Sicherheitssicht für eine derartige Lösung nicht geeignet." Schon gar nicht hilfreich wäre eine angedachte Einbahnregelung. "Dann kämen die MVG-Busse da nicht mehr durch", gab der Vertreter der Polizeiinspektion zu bedenken.

Denkverbote überwinden

Auf der anderen Seite warb SPD-Fraktionssprecherin Dorle Baumann nachdrücklich dafür, "Denkverbote" zu überwinden und zumindest mit der Stadtverwaltung über eine Gestaltung der Ortsmitte als Shared Space zu reden. Denn man könne nicht ignorieren, dass sich viele Forstenrieder vom massiven Verkehr in ihrem "heiß geliebten Dorfkern" überrollt fühlten und eine bessere Aufenthaltsqualität forderten. "Die Verkehrswende darf nicht vor dem Forstenrieder Dorfkern halt machen", resümierte Baumann. Wenigstens den Versuch zu starten, die Verkehrsführung neu zu organisieren, empfahl auch der stellvertretende BA-Vorsitzende Peter Sopp (Grüne): "Es wird sicher ein langer Weg, aber wir sollten unsere Möglichkeiten ausschöpfen."

Einen alten Wunsch vieler Forstenrieder wird der Bezirksausschuss auf jeden Fall weiter verfolgen: die Schaffung eines Dorfangers, einer Grünanlage auf der Westseite der Forstenrieder Allee zwischen dem Eingang zur Kirche Heilig Kreuz und der Liesl-Karlstadt-Straße. Erleichtert würden entsprechende Planungen dadurch, dass die fraglichen Grundstücke weitgehend der Stadt gehörten, erläuterte Hannelore Prechtel (SPD), man müsse sie nur noch ansprechend gestalten. Durch Verhandlungen ließen sich möglicherweise weitere Flächen beim Kriegerdenkmal in das Konzept integrieren.

Die Option auf Korrekturen oder die Verhinderung von Bausünden wollen sich die Stadtteilvertreter durch die Aufstellung von Bebauungsplänen sichern. Unterm Strich diene dies dem Erhalt des Ensemblecharakters, hieß es. Henriette Holtz (Grüne) warnte allerdings davor, übers Ziel hinaus zu schießen: "Historisierende Bauten" zu erzwingen, sei in einer Großstadt nicht gerade zeitgemäß. Auf die historische Bedeutung des Forstenrieder Dorfkerns soll künftig ein Schild hinweisen, über dessen Gestaltung noch beraten wird.

Schließlich griff der BA den Wunsch von Bürgern auf, die Bushaltestelle auf der Ostseite der Forstenrieder Allee beim alten Feuerwehrhaus durch eine Überdachung und ein paar Sitzgelegenheiten fahrgastfreundlicher zu gestalten. Da es vor allem beim 132er-Bus öfter zu längeren Wartezeiten komme, wäre dies eine echte Verbesserung, betonte die SPD. Für ein komplettes Wartehäuschen reiche der Platz leider nicht aus. Dies jedenfalls hätten Polizei und Feuerwehr mitgeteilt.

Ob und wann der Wunschkatalog aus Forstenried realisiert werden könnte, ist offen. Einstweilen ist die Hoffnung, dass nicht alle Denkansätze im Sande verlaufen, so wie frühere Verkehrskonzepte für den Münchner Süden.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusExklusivPlanungsdesaster in München
:Bahnvorstand Pofalla soll bei Stammstrecken-Problemen abgewiegelt haben

Beim Streit um Verzögerungen und Kostenexplosion beim Bau der zweiten S-Bahn-Stammstrecke rückt nun auch Ronald Pofalla in den Blick. Der Ex-Kanzleramtsminister und spätere Bahnvorstand soll die Berechnungen der eigenen Experten heruntergespielt haben.

Lesen Sie mehr zum Thema