Rettungsmission für den sozialen Wohnungsbau in München: Nach dem dramatischen Einbruch der Fördermittel im Jahr 2025 will der neue Oberbürgermeister Dominik Krause „so rasch wie möglich das persönliche Gespräch mit der Staatsregierung suchen“. Das teilt der Grünen-Politiker auf eine Anfrage der SZ hin mit und kündigt an, dabei diplomatisch vorzugehen: „Es gilt, nicht nur Kritik zu äußern, sondern auch Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten.“
Hintergrund von Krauses Vorhaben sind unter anderem neue Zahlen zu Wohnungsfördermitteln, die das Planungsreferat im April veröffentlicht hat. Demnach konnte die Stadt im Jahr 2025 nur noch über 28,6 Millionen Euro für die Einkommensorientierte Förderung (EOF) verfügen. Von 2020 bis 2024 lagen die EOF-Mittel zwischen 80,3 und 229,3 Millionen Euro pro Jahr.
Die EOF, für die der Freistaat verantwortlich ist, dient dem Bau von Sozialwohnungen für Haushalte mit niedrigem Einkommen. Die Monatsmiete für neue EOF-Wohnungen liegt in München bei zwölf Euro pro Quadratmeter.
Krause sieht im aktuellen Rückgang „einen gravierenden Rückschritt für den Wohnungsbau“. Und er betont: „Wenn der Freistaat hier nicht genügend Mittel zur Verfügung stellt, trifft das genau die Menschen, die ohnehin am stärksten unter steigenden Mieten leiden.“
Mit den knapp 29 Millionen Euro hat die Stadt im vergangenen Jahr insgesamt 83 EOF-Wohnungen gefördert. Beantragt gewesen seien „deutlich mehr“, teilt das Planungsreferat mit, ohne genaue Zahlen zu nennen.
Auslöser der Fördermittelkrise war ein bayernweiter Ansturm auf EOF-Gelder in den vergangenen Jahren. Insbesondere private Investoren, die mit ihren frei finanzierten Wohnbauprojekten nicht mehr vorankamen, suchten plötzlich ihr Glück im geförderten Wohnungsbau. Das führte zu einer Überzeichnung der Fördermittel und einem zeitweiligen Förderstopp.
In dieser Zeit habe man „einige dringende Projekte“ mit der „Kommunalen EOF“ gefördert, teilt das Planungsreferat mit. Diese umfasste 144 Millionen Euro, von denen vor allem genossenschaftliche Wohnbauprojekte profitierten, die sonst womöglich vor dem Aus gestanden hätten. Der neue OB Dominik Krause bezeichnet die „Kommunale EOF“ aber als „einmalige Kraftanstrengung“, dauerhaft sei das wegen der städtischen Haushaltslage nicht möglich.
Inzwischen hat die Staatsregierung mehr Mittel für die EOF bereitgestellt, im Doppelhaushalt 2026/2027 sind insgesamt 3,6 Milliarden Euro für die Wohnraumförderung vorgesehen. Doch das Geld reicht immer noch nicht, um alle Anträge abzudecken. Bauminister Christian Bernreiter (CSU) verweist darauf, dass der Freistaat über Jahre „Rekordmittel“ für den sozialen Wohnungsbau bereitgestellt habe. Er betont aber auch, dass die öffentliche Hand den Mangel an bezahlbarem Wohnraum nicht allein beheben könne.
Doch nach welchen Kriterien verteilt der Freistaat die EOF-Gelder über das Land? Und wie sehr berücksichtigt er dabei die spezielle Münchner Kombination aus Wohnungsnot und hohen Mieten auf dem freien Markt?
Ein Indikator dafür sind die aktuellen Münchner Zahlen zur Versorgungslage bei Sozialwohnungen: Demnach gab es im vergangenen Jahr 20 882 Haushalte, in denen 49 241 Menschen leben, mit Anspruch auf eine EOF-Wohnung. Vergeben werden konnten aber nur 2310 Wohnungen für 4527 Menschen.
Ein anderer Indikator sind die Mietkosten auf dem freien Markt. Ein Bericht des Maklerverbandes IVD aus dem Herbst 2025 ergibt für die bayerischen Mittelstädte, also etwa Rosenheim, Neu-Ulm oder Landshut, im Neubau eine durchschnittliche Kaltmiete von 13,40 Euro pro Quadratmeter. Bei den Großstädten sind es inklusive München 15,10 Euro, in München allein allerdings 24,50 Euro. Es sei „schon klar, dass man mit der EOF nicht nur München fördern sollte oder will“, sagt der IVD-Sprecher Stephan Kippes zur Verteilung der Fördergelder. „Aber das Löschwasser muss halt da ankommen, wo es brennt.“
Eine Sprecherin des Bauministeriums erklärt die Strategie so: „Der jeweilige regionale Bedarf ist eine zentrale Entscheidungsgrundlage bei der Mittelverteilung.“ Der Bedarf in Ballungsräumen habe deshalb „in der Regel auch eine höhere Förderintensität zur Folge“.
Sich vor allem an den Angebotspreisen auf dem Mietmarkt zu orientieren, würde allerdings „erheblich zu kurz greifen“, teilt das Ministerium mit. Denn im ländlichen Raum gebe es öfter „ein erhebliches Angebot an großen Einfamilienhäusern aus den 60er- und 70er-Jahren, aber einen erheblichen Bedarf an kleinen, bezahlbaren und altersgerechten Wohnungen“, den man „vorrangig über die soziale Wohnraumförderung“ decken könne.
Wie die Verteilung der Mittel über ganz Bayern im Jahr 2025 war, teilt das Bauministerium nicht mit. Die Zahlen würden „in den kommenden Wochen“ veröffentlicht.
Ein Indiz dazu, wie es weitergehen könnte mit der EOF-Förderung, hat Stadtbaurätin Elisabeth Merk kürzlich mit der Antwort auf eine Stadtratsanfrage der Fraktion Grüne/Rosa Liste/Volt geliefert. Aus einem EOF-Paket von 400 Millionen Euro, das die Staatsregierung im Juni 2025 in Aussicht gestellt hatte, seien der Landeshauptstadt München 63 Millionen Euro zur Förderung von etwa 215 EOF-Wohnungen in Aussicht gestellt worden, schreibt Merk. Bewilligt seien die Mittel allerdings noch nicht. Das Bauministerium nennt auf Anfrage dazu keine Zahlen.
Merks Zahlen zufolge bekäme München von diesem Paket also einen Anteil von 15,7 Prozent. In München leben etwa zwölf Prozent der bayerischen Bevölkerung, viele davon aber zu Mietkosten, die weit über dem Landesdurchschnitt liegen.
„Natürlich ist das Wohnungsthema in München besonders groß“, sagt der CSU-Abgeordnete Josef Schmid, der im Landtag den Stimmkreis München-West vertritt. „Aber ein ganz wichtiges Argument in der Diskussion ist das Gehaltsniveau. In München bekommt man für den gleichen Job mehr Geld als anderswo in Bayern.“
Schmid hält auch die EOF-Mittel, die der Freistaat der Landeshauptstadt bereitstellt, für angemessen. Die Staatsregierung müsse schließlich das ganze Land bedenken, auch aus strategischer Sicht: „Wenn wir den ländlichen Raum nicht fördern, auch mit Wohnungen, dann kommen noch mehr Leute in die Ballungsräume“, argumentiert Schmid. „Eine Akzentsetzung mit der EOF im ländlichen Raum wirkt auch für München.“



