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Luftverkehr in der Krise:Düstere Prognosen für den Flughafen

Bewegungsflug der Lufthansa während Corona-Stillstand am Flughafen München, 2020

Eingemottet: Viele Flugzeuge müssen in München derzeit am Boden bleiben.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Auch wenn zu Ferienbeginn wieder einige Maschinen vom Münchner Airport abheben, kommen die Zahlen noch lange nicht an die des Vorjahres heran. Was das für die Mitarbeiter bedeutet, ist unklar.

Von Dominik Hutter

Immerhin, es geht wieder was. Wenn in den nächsten Wochen wieder in größerer Zahl Sommerurlauber durch die Hallen des Flughafens laufen, werden sie auf den Abflugtafeln Ziele vorfinden, die noch vor wenigen Wochen unerreichbar waren: in Griechenland, Italien, Frankreich - und auch in Ländern wie der Türkei und den USA, die weiterhin als Risikogebiete gelten. Knapp 20 000 Flüge zu 130 Airports sind in den sechs Ferienwochen angekündigt, was zunächst gut klingt, sich aber deutlich relativiert, wenn man die Zahlen des Vorjahrs anschaut. Damals gab es in den Sommerferien noch mehr als 53 000 Flüge zu mehr als 250 Zielen. Aus, vorbei. Die Flughafengesellschaft FMG spricht denn auch von einer "herausfordernden Situation" und kündigt mögliche "Kapazitätsanpassungen" an. Was im Klartext bedeutet, dass in den kommenden Monaten darüber diskutiert wird, welche Investitionen noch sinnvoll sind und ob Arbeitsplätze abgebaut werden müssen.

Bei allem Optimismus, dass es gerade zaghaft wieder aufwärts geht: Die offiziellen Prognosen für dieses Jahr sind eher bescheiden. Die Zahl der Fluggäste, 2019 noch bei 48 Millionen, soll sich halbieren, was den eigentlich so erfolgsverwöhnten Airport um fast 20 Jahre zurückwirft. Und bis sich "MUC" wieder vollständig erholt und weiter aufwärts strebt, könnte es Jahre dauern - nicht Monate. Das hat Folgen: Weniger Passagiere geben auch weniger Geld aus. In Restaurants, Geschäften oder Parkhäusern - und natürlich bedeuten weniger Flüge auch geringere Start- und Landeentgelte und geringere Einnahmen etwa für die Bodenverkehrsdienste, die das Gepäck in die Maschine räumen. Andererseits, darauf weist Kai Winkler, der Verkehrsreferent der Gewerkschaft Verdi hin, habe der Flughafen kurz vor der Corona-Krise noch händeringend nach Personal gesucht. Wenn nun also durch den Abbau von Arbeitsplätzen Kompetenzen verloren gingen, wäre dieser Aderlass in besseren Zeiten nur schwer wieder zu kompensieren. Es gehe also darum, eine Durststrecke zu überstehen.

"Man muss die Leute halten", sagt Winkler und kündigt an, Verdi werde sich mit Händen und Füßen gegen Einschnitte beim Personal wehren. "Es darf keinen Stellenabbau geben." Nicht zuletzt im Interesse der künftigen Entwicklung des Flughafens.

Auch die FMG hat diesen Aspekt im Blick. Es gehe bei den anstehenden Überlegungen primär um "wirtschaftliche Stabilität sowie die Investitions-, Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit des Flughafens". Die Situation sei fragil, exakte Prognosen daher schwierig. Über mögliche Kapazitätsanpassungen könne erst "in den nächsten Monaten im Detail" entschieden werden.

Nicht bestätigen will der Flughafen vor diesem Hintergrund Presseberichte über Aussagen aus Aufsichtsratskreisen, im Erdinger Moos sei jeder fünfte Arbeitsplatz in Gefahr. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Bayerns Finanzminister Albert Füracker (CSU), verweist in diesem Zusammenhang explizit auf die Aussagen der FMG. Auch bei Verdi-Mann Winkler sind derart gravierende Pläne nicht bekannt. Nach seiner Kenntnis seien auch bei Gesprächen zwischen Arbeitgebern und Betriebsrat am Mittwoch derartige Zahlen kein Thema gewesen. Letztlich hänge alles davon ab, wie lange es dauere, bis sich der Flugverkehr wieder erholt. Ohnehin sind Kündigungen bis mindestens März nächsten Jahres ausgeschlossen. Bis dahin gilt die Vereinbarung über Kurzarbeit. Ursprünglich hat die FMG rund 7000 Mitarbeiter coronabedingt in Kurzarbeit geschickt. Mit unterschiedlicher Rest-Arbeitsleistung. In der ungünstigsten Phase des Lockdowns war der Flugverkehr um bis zu 98 Prozent nach unten gegangen. Inzwischen läuft es wieder besser, es werden wieder mehr Kollegen und mehr Arbeitszeit benötigt. Winkler schätzt aber, dass man gerade erst die Marke von 15 Prozent der ursprünglichen Auslastung erreicht habe. "MUC" habe es nicht gerade leicht, wieder auf Touren zu kommen.

Denn der Flughafen, der zusammen mit Frankfurt einen Gutteil des deutschen Interkontinentalverkehrs abwickelt, leidet besonders unter dem Wegfall vieler Fernziele. Was sich wiederum auf den Kurz- und Mittelstreckenverkehr niederschlägt: In diesen Maschinen sitzen sowohl Reisende mit Start oder Ziel in München als auch Umsteiger, die von München nur den Flughafen sehen. Viele Deutschland- und Europaflüge wären ohne das Interkont-Angebot gar nicht im Programm.

In diesen Sommerferien gibt es rund 950 Flüge nach Spanien (2019 noch mehr als 2000), gut 700 nach Italien und Griechenland (bisher 2400 und knapp 1000) und mehr als 400 gen Frankreich (2019 noch 1300).

© SZ vom 24.07.2020/syn

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