Flughafen lahmgelegt:Freie Bahn mit dem Presslufthammer

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Blockade von Klimaaktivisten am Flughafen: Erst nach zwei Stunden konnten die Start- und Landebahnen wieder freigegeben werden. (Foto: Leonhard Simon)

Die acht Klimaaktivisten der "Letzten Generation" sind nach der Blockade des Münchner Flughafens zum bayerischen Ferienbeginn wieder auf freiem Fuß. Politiker fordern nun Konsequenzen - die einen härtere Strafen, die anderen eine bessere Klimapolitik.

Von Joachim Mölter

Nachdem es Klimaaktivisten der sogenannten "Letzten Generation" am Samstag gelungen ist, den Betrieb am Münchner Flughafen zu stören, haben Politiker aller Parteien Konsequenzen gefordert - allerdings sehr unterschiedliche und auch in unterschiedlichem Tonfall. Einig waren sie sich nur in der generellen Kritik an der Aktion, die dazu geführt hatte, dass zu Beginn der Pfingstferien in Bayern einige tausend Reisende erst mit zum Teil erheblicher Verspätung in ihren Urlaub starten konnten.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) verlangte auf der Medienplattform X (früher Twitter): "Die Täter müssen konsequent verfolgt werden, die Schutzmaßnahmen am Flughafen überprüft werden." Auf dem gleichen Kanal forderte CSU-Generalsekretär Martin Huber "die volle Härte des Rechtsstaats gegenüber diesen Klima-Chaoten". Er befand sich damit auf einer Linie mit seinem Parteifreund Joachim Herrmann, dem bayerischen Innenminister, der von einer "absolut hirnlosen Aktion der Klima-Chaoten" gesprochen hatte. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) plädierte dafür, für solche Fälle das Luftsicherheitsgesetz zu verschärfen und Aktionen wie am Samstag als Straftat mit Hafturteil zu ahnden.

Grünen-Politiker wie Bundesagrarminister Cem Özdemir oder Münchens Zweiter Bürgermeister Dominik Krause sehen vor allem die Politik in der Verantwortung, für Änderungen zu sorgen. "Was soll es bringen, Menschen den Urlaubsstart zu vermiesen?", fragte Özdemir die Aktivisten rhetorisch auf X: "Nehmt uns Politiker in die Pflicht."

Auch Krause argumentierte, dass die Aktivisten "die völlig Falschen getroffen" haben, nämlich vor allem Familien mit Schulkindern, die auf dem Weg in die Ferien waren. Aus seinem eigenen Urlaub heraus erklärte er der SZ: "Die Verantwortung für Klimaschutz dem Einzelnen aufzubürden, halte ich nicht für zielführend. Es ist vor allem Aufgabe von Politik, bessere Rahmenbedingungen zu setzen, damit sich die Menschen klimafreundlich verhalten können."

Um ihren Forderungen nach mehr Engagement der Bundesregierung für den Klimaschutz Nachdruck zu verleihen, hatte die "Letzte Generation" den Betrieb am Münchner Flughafen lahmlegen wollen, wie sie in einer Medienmitteilung wissen ließen. Acht Personen versuchten am frühen Samstagmorgen, auf das Flughafen-Gelände vorzudringen und Rollbahnen zu blockieren.

Am frühen Samstagmorgen blockierten Aktivisten am Flughafen München die nördliche Startbahn. (Foto: Leonhard Simon)

Zwei wurden schon aufgehalten, ehe sie das tun konnten; sechs Personen gelang es, sich auf dem Boden festzukleben. Offenbar mit einem neuen, extrem harten Klebstoff, denn nach Auskunft eines Polizeisprechers wurden die Aktivisten nicht vom Boden abgelöst wie sonst üblich, sondern mussten mittels eines Presslufthammers "herausgeflext" werden. Nach ihrer Trennung vom Asphalt wurden auch sie vorläufig festgenommen. Von zwei weiteren Menschen wurden die Personalien festgestellt, da sie im Verdacht standen, den Eindringlingen geholfen zu haben.

Die acht Festgenommenen, fünf Männer und drei Frauen im Alter zwischen 20 und 43 Jahren, wurden noch im Laufe des Samstags wieder freigelassen, die letzten um Mitternacht herum, nachdem eine Ermittlungsrichterin keinen Haftgrund erkannt hatte. Die Aktivisten erwartet eine Anzeige wegen gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr. Als Mitglieder der "Letzten Generation" im Dezember 2022 auf das Flughafen-Gelände vorgedrungen waren und sich festgeklebt hatten, waren sie auch wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch angezeigt worden. Schon damals hatte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) eine Überprüfung der Sicherheitsmaßnahmen gefordert.

Den mehr als 40 Kilometer langen Zaun, der das Flughafen-Gelände umgibt, rund um die Uhr lückenlos zu überwachen, dürfte in der Praxis freilich nahezu unmöglich sein. Nach Einschätzung eines Sprechers des Flughafen-Betreibers habe die Alarmierung nach den ersten Einschnitten in den Zaundraht gut funktioniert: "Die Sicherheitskräfte sind sofort losgefahren und waren nach wenigen Minuten am Ort." So konnten zwei Aktivisten sogar noch direkt am Zaun festgenommen werden.

Da die Mitglieder der "Letzten Generation" ihre Aktion vor Sonnenaufgang gegen fünf Uhr und damit vor dem Einsetzen des regulären Flugbetriebs begonnen hatten, seien die Auswirkungen nicht so gravierend gewesen, sagte der Sprecher. Zwar wurden vorsichtshalber sofort beide Start- und Landebahnen gesperrt, aber bereits nach knapp zwei Stunden sei die nördliche wieder freigegeben worden, zwanzig Minuten später, um 7.20 Uhr, dann auch die südliche.

In dieser Zeit seien 14 ankommende Flugzeuge zu anderen Flughäfen umgeleitet worden. Wegen der Sperrung und ihren Folgen mussten rund 60 von 1000 geplanten Starts annulliert werden; viele Flugzeuge hoben mit Verspätungen ab. Diese hätten sich bis in den Abend hineingezogen, sagte der Flughafensprecher. Aber letztlich konnten alle Passagiere umgebucht werden, die Betroffenen von innerdeutschen Flügen zum Teil auch auf Züge der Bahn. Insgesamt seien am Samstag knapp 140 000 Reisende abgefertigt worden. Am Sonntag sei der Betrieb wieder normal gelaufen.

Innenministerin Faeser hatte noch moniert: "Solche kriminellen Aktionen (...) schaden dem Klimaschutz, weil sie nur Unverständnis und Wut hervorrufen." Davon war bei den direkt Betroffenen im Flughafen allerdings nicht viel zu spüren. Flughafen-Betreiber und Bundespolizei bestätigten, dass es "keine unschönen Szenen" gegeben habe in den Terminals, keine Aggressivität oder laute Unmutsbekundungen. Passagiere äußerten sogar grundsätzliches Verständnis für das Anliegen der Aktivisten, auch wenn sie deren Methoden des Protests nicht guthießen.

"Die Forderung nach mehr Klimaschutz ist natürlich berechtigt, wir erleben aufgrund der Erderwärmung weltweit Temperaturrekorde und Extremwetterereignisse", findet auch Münchens Bürgermeister Krause. Um die Protestaktionen der Aktivisten zu verhindern, sieht er die Bundesregierung am Zug - im Wortsinn. Wenn es nach ihm ginge, müssten Finanzmittel und Besteuerungen zugunsten des Bahnverkehrs umgeleitet werden. "Man kommt ja teilweise billiger mit dem Flugzeug von München nach Berlin als mit der Bahn", stellt er fest: "Sich klimafreundlich zu verhalten, darf nicht teurer sein, als sich klimaschädlich zu verhalten."

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version lautete die Überschrift: "Mit dem Presslufthammer von der Startbahn gelöst." Die Klimaaktivisten hatten sich aber nicht auf einer Startbahn festgeklebt, sondern auf Fahr- und Rollwegen . Wir haben deshalb die Überschrift geändert.

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