SZ-Adventskalender:Von A wie Ampel bis Ü wie München

Lesezeit: 4 min

SZ-Adventskalender: Tagsüber betreibt die Grafikerin Ursula Harper eine kleine Galerie. Nach Dienstschluss engagiert sie sich ehrenamtlich.

Tagsüber betreibt die Grafikerin Ursula Harper eine kleine Galerie. Nach Dienstschluss engagiert sie sich ehrenamtlich.

(Foto: Robert Haas)

Die Grafikerin Ursula Harper hat 2015 ein Heft illustriert, mit dem Geflüchtete Deutsch lernen. Mittlerweile ist es in 22 Sprachen erschienen, nun auch auf Ukrainisch: Schon einen Tag nach den ersten Invasionen beauftragte die Flüchtlingshilfe ein Übersetzungsbüro.

Von Stefanie Fischhaber, München

Es sind nur kleine Symbole. Ein Ball, ein Löffel, ein Rad. Aber mit jedem Strich sieht man die Fähigkeiten der Illustratorin Ursula Harper. Nach ihrer Ausbildung an der Meisterschule für Mode in München machte sie sich vor 25 Jahren selbständig. Die Künstlerin betreibt heute eine kleine Galerie und illustriert vor allem Kinderbücher und Regenschirme. Ihre größte Passion ist aber das Ehrenamt: Seit acht Jahren unterstützt Ursula Harper Geflüchtete in München über die Münchner Flüchtlingshilfe.

Damals waren es Menschen aus Afghanistan und Syrien, heute hilft sie Geflüchteten aus der Ukraine. Denn mit der Ankunft in Deutschland sind die Strapazen noch nicht vorbei: Behördengänge, Wohnungssuche, Integration in Schule oder Arbeitsmarkt - das steht vielen Geflüchteten erst noch bevor. Das größte Problem ist die Sprachbarriere. Die Münchnerin hat deshalb ein Heft illustriert, das Geflüchtete in Deutschland beim Deutschlernen unterstützen soll. Angefangen mit dem Alphabet, von A wie Ampel bis Ü wie München.

Ursprünglich startete Ursula Harper mit Sprachkursen für geflüchtete Frauen aus Afghanistan und Syrien. Die Idee sei ihr durch ein Schulprojekt ihrer Tochter gekommen, die 2013 an einem Nachhilfeprojekt für afghanische Kinder teilnahm. "Dadurch habe ich selbst viel über die afghanischen Einwanderer mitbekommen", sagt die Grafikerin. Kurzerhand beschloss sie, sich ehrenamtlich in der Kleiderkammer in Neufreimann zu beteiligen. 2014 wurde sie dann Mitglied der Flüchtlingshilfe München.

Dort merkte die 56-Jährige aber schnell, dass ihre ehrenamtliche Arbeit an ihre Grenzen stieß. "Ursprünglich haben wir uns einfach Lehrmaterial aus irgendwelchen Büchern genommen. Da hatten wir dann aber das Problem, dass man nichts vervielfältigen darf", erklärt Harper. Ihren Schülerinnen und Schülern konnte sie die Arbeitsblätter daher nicht kopieren, doch die Bücher zu kaufen war angesichts der hohen Anzahl zu teuer. "Wir fanden auch, dass vieles auf Kinder zugeschnitten war. Und das fanden wir nicht wertschätzend, es waren ja Erwachsene", sagt sie. Gemeinsam mit der Vereinsvorsitzenden Ursula Baer entwickelte Harper deshalb eigene Übungsblätter, die sie in ihren Unterrichtsstunden nutzte. Mit der Zeit fügte die Künstlerin den Arbeitsblättern auch eigene Zeichnungen hinzu. "Weil ich gemerkt habe, dass die Leute das toll finden, wenn man so etwas zeichnen kann, habe ich angefangen, in den Kursen auch zu zeichnen", erzählt sie. Besonders schön fände sie es, wenn ihre Kursteilnehmer selbst gerne zeichneten. "Dann hat man gleich ähnliche Vorlieben."

Die Idee kam gut an: Harper und ihre Kollegen überlegten sich immer weitere Übungsaufgaben. Aus einigen Blättern wurden irgendwann Bögen von DIN A4-Seiten. "Dann haben wir irgendwann beschlossen, dass es viel schöner wäre, wenn wir ein Heft hätten, das wir mitgeben können", erklärt Harper. Mit Ursula Baer entwickelte sie ein Konzept, welche Module das Deutsch-Heft beinhalten sollte. Auch die Seiten, die Harper bereits gestaltet hatte, schafften es hinein. 2015 veröffentlichte die Münchner Flüchtlingshilfe dann das erste Deutsch-Lernheft, gestaltet und designt von Ursula Harper. Das Besondere am Heft: Es gibt es nicht nur eine Deutsche Fassung, sondern auch die Übersetzung in der jeweiligen Muttersprache. Eine Technik, die unter Fachleuten zwar nicht sehr beliebt sei, meint Harper. "Pädagogen sagen, man soll eine Sprache gleich in der neuen Sprache lernen. Wir haben aber festgestellt, dass es für die Leute eine große Erleichterung war, wenn sie nebenher die Übersetzung sehen", erklärt sie ihre Entscheidung.

Wichtig war den Herausgeberinnen auch, dass ihr Heft Diversität abbilde. "Wir fanden, dass es schön wäre, wenn die Leute so aussehen würden, wie bei uns in der Erstaufnahme. Und nicht nur wie Herr Maier und Frau Weber." Deshalb werden auch Frauen mit Kopftuch oder Personen mit dunkler Haut dargestellt.

SZ-Adventskalender: Eine Seite aus dem Deutsch-Heft. Mittlerweile gibt es das Übungsbuch in 22 Sprachen.

Eine Seite aus dem Deutsch-Heft. Mittlerweile gibt es das Übungsbuch in 22 Sprachen.

(Foto: Robert Haas)

Anfänglich wurde das Heft auf Englisch und Arabisch veröffentlicht, später kam eine rein deutsche Version hinzu. Bei der Übersetzung halfen meist ehrenamtliche Bekannte oder Geflüchtete. Mittlerweile gibt es das Heft in 22 Sprachen - seit März 2022 auch auf Ukrainisch. Schon einen Tag nach den ersten Invasionen in die Ukraine beauftragte die Flüchtlingshilfe ein Übersetzungsbüro. Um in der komplexen Sprache keine Fehler zu machen, ließen sie das Heft dieses Mal professionell übersetzen. "Wir wollten dieses Mal vor allem schnell sein", sagt Harper mit Blick auf die Geflüchteten, die schon wenige Tage später in München ankamen. Schon vom 1.März 2022 an war das Heft dann verfügbar. Über 118 000 Mal wurde die ukrainische Version bereits heruntergeladen, 38 000 gedruckte Exemplare sind in Umlauf.

Besonders der Versand der Hefte sei teuer, erzählt Harper. Anfangs habe sie das noch selbst gemacht: "Ich habe in meiner Wohnung gedruckt und bin dann mit dem Köfferchen zur Post gegangen." Doch als die Zahl der Drucke überhandnahm, gab sie den Auftrag einer Druckerei in München. "Das kostet halt was". Umso glücklicher sei Harper deshalb über Unterstützung: Allein 10 000 Hefte konnten mit einer Spende von 7 000 Euro über den SZ-Adventskalender gedruckt und kostenlos an Bedürftige versandt werden. Rund 30 000 Hefte wurden durch Rücklagen aus Spenden finanziert, sagt Harper.

Der Download des Heftes ist kostenlos, jedoch fallen für den Druck eine Gebühr von zwei Euro, sowie Versandkosten an. Ukrainische Geflüchtete erhalten das Heft derzeit umsonst. Genutzt wird das Heft nicht nur von der Münchner Flüchtlingshilfe: In ganz Deutschland, vor allem bei anderen ehrenamtlichen Helfern, privat, aber auch im Schulunterricht findet es Einsatz. Sogar aus Österreich gebe es einige Anfragen, sagt Harper. Auf 30 Seiten lernen Teilnehmende das ABC, Zahlen, Uhrzeiten und die wichtigsten Vokabeln zum Einkaufen, Bahnfahren oder für den Arztbesuch. Mittlerweile gibt es sogar ein Erklärvideo: Die ukrainische Professorin Oleksandra Ambrus aus Wien erklärt darin die einzelnen Module für private Lerneinheiten. Vor allem Geflüchteten, denen keine Deutschkurse bezahlt werden, soll so die Integration in München und der Einstieg in die Deutsche Sprache erleichtert werden.

Das Heft in 22 Sprachen kann kostenlos unter www.fluechtlingshilfe-muenchen.de heruntergeladen oder bestellt werden.

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