Süddeutsche Zeitung

Münchner Flüchtlingsherbst:Familie John muss warten

Fünf Jahre nach der Flucht nach München leben die Eltern und ihre vier Kinder immer noch in der Bayernkaserne. Der Wohnungsmarkt bietet wenig Grund zur Hoffnung auf einen Umzug.

Von Anna Hoben

Das Datum werden sie wohl nie vergessen. Es war der 5. August 2015, als sie in München ankamen, Lucky John und seine Frau Roseline, mit ihren beiden Töchtern Praise, die damals drei war, und Peace, gerade ein Jahr alt. Sie wurden damals in die ehemalige Bayernkaserne gebracht, im Norden dieser fremden Stadt. Erstaufnahmeeinrichtung, so nannten die Gastgeber in dieser fremden Sprache das Häuser-Ensemble. Die Johns waren dankbar. Ein Dach über dem Kopf, Menschen, die sich kümmerten. Aber niemals hätten sie gedacht, dass sie so lange dort bleiben würden. Die Bayernkaserne, "das ist der Ort, an dem wir seit 2015 leben", sagt Lucky John. Die Frage ist: Wie gut kann Integration funktionieren, wenn man jahrelang an einem Ort lebt, der als Übergangslösung gedacht ist?

Etwa 1370 Geflüchtete leben in München laut einer Sprecherin des Sozialreferats zurzeit als sogenannte Fehlbeleger in städtischen Unterkünften. Das heißt, dass sie eine Aufenthaltsberechtigung haben und somit in eine Wohnung umziehen könnten. In den Unterkünften der Regierung von Oberbayern betrifft dies weitere 1200 Menschen. Dem zugrunde liegt ein Problem, das in München noch unlösbarer scheint als anderswo: Wohnraum ist knapp und teuer. Wie soll eine sechsköpfige Flüchtlingsfamilie da eine Wohnung finden? Die Geschichte der Johns ist kein Einzelfall, sondern typisch: Auch im Haus 12 der Bayernkaserne leben 61 der insgesamt 106 Bewohner als Fehlbeleger.

Vor dem Haus spielen Kinder, nebenan sitzen wohnungslose Menschen, die im städtischen Kälteschutz übernachten, der im gleichen Gebäude untergebracht ist. Bis Ende vergangenen Jahres lebte Familie John in einem Zimmer, zu fünft. Ihre dritte Tochter Precious war 2017 geboren worden. Im Dezember 2019 schließlich kam Promise zur Welt, ein Junge. Damals erhielten sie ein zweites Zimmer. Promise ist jetzt acht Monate alt, er kam mit einer Fehlbildung im Gesicht zur Welt und hat bereits zwei Operationen überstanden. Dafür sind die Eltern dankbar. "Ich weiß nicht, was gewesen wäre, wenn er in Afrika geboren wäre", sagt Roseline John. Heute geht es Promise gut, ein fröhliches Kleinkind, das sich an Papas Bein hochzieht. Die Mutter schläft mit ihm in einem Zimmer, der Rest der Familie in dem anderen, das deutlich größer ist. Beide Zimmer haben jeweils nur ein kleines Fenster, 50 mal 60 Zentimeter vielleicht. Küche und Bad teilen sie sich mit anderen Bewohnern.

An diesem heißen Spätnachmittag in den Sommerferien kommen gerade die ältesten beiden Töchter nach Hause. "Wir waren schwimmen, in einem Bach", erzählen sie aufgeregt. Ein Ferienprogramm hat den Ausflug möglich gemacht. Die Eltern sind froh, dass die Kinder wieder mehr draußen sein können. Die Zeit der Ausgangsbeschränkungen war hart. Der Spielplatz auf dem Gelände war gesperrt, die Kinder mussten in den Zimmern bleiben.

Wenn jetzt die Schule wieder losgeht, wird es aber auch nicht viel einfacher. Die älteste Tochter Praise kommt nach den Ferien in die dritte Klasse, ihre Schwester Peace wird eingeschult. Die Kinder wollen lernen - allein, es fehlten ihnen oft Raum und Ruhe, um sich auf ihre Hausaufgaben zu konzentrieren, sagen die Eltern. Wobei die Familie John es, was die Platzverhältnisse angeht, im Vergleich sogar noch einigermaßen gut erwischt hat. Eine andere Familie im Haus wohnt mit zwei kleinen Kindern in zwei viel kleineren Zimmern.

Helferin Christl Quaas würde ihnen gern "in lebenswürdige Umstände" verhelfen

Die Johns stammen aus Nigeria. Bevor sie nach Deutschland kamen, verbrachten sie sieben Jahre in Libyen. Es sei kein schlechtes Leben gewesen dort, sagt Roseline John. Er verkaufte Obst in einem Laden, sie arbeitete in einem Friseursalon. Doch sie sind eine sehr christliche Familie, und für Christen wurde das Leben in dem Land zunehmend bedrohlich. Schließlich entschlossen sie sich zur Flucht übers Mittelmeer. Sie waren bereit, das Risiko einzugehen. "Damit die Mädchen aufwachsen können und die Menschen werden, die sie sein wollen", so drückt es die Mutter aus. Für sie als Katholiken würde die Ankunft in Deutschland fast wie ein Nach-Hause-Kommen sein, so dachten sie damals. Ihr Glaube ist ihnen wichtig, an der Wand in ihrem Zimmer hängt ein Plakat, das die Stationen des Kirchenjahres zeigt.

Rosalie und Lucky John sprechen meist Englisch, längst haben ihre Töchter sie bei den Deutschkenntnissen weit überholt. "Die Kinder sind total integriert", sagt auch Christl Quaas. Sie ist eine der Helferinnen, die nicht aufgegeben haben; seit Jahren kümmert sie sich unermüdlich um die Flüchtlinge in der Bayernkaserne, die sie liebevoll "meine Leute" nennt. Jede Woche veranstaltet sie ein Frauencafé für Bewohnerinnen, nur in der Corona-Zeit durfte sie drei Monate lang nicht auf das Gelände. Sie war es, die Lucky John half, einen Ausbildungsplatz als Koch zu finden.

Doch Anfang dieses Jahres gab er den Job auf - während seine Frau einen Monat mit dem Baby im Krankenhaus verbrachte, habe er sich um die anderen Kinder kümmern müssen, sagt er. Lucky John würde gern so bald wie möglich wieder arbeiten, zum Beispiel als Maler; doch Corona macht es gerade nicht einfach, etwas zu finden. Er kann bei der Job- und Wohnungssuche auf jeden Fall wieder auf die Hilfe von Christl Quaas zählen, aber auch sie sagt: "Ich weiß nicht, inwieweit Corona uns Luft lässt."

Ja, sagt sie, es sei frustrierend. "Ich bin deprimiert." Weil am Anfang so viele gejubelt haben und es ihr jetzt oft so vorkommt, als seien die Flüchtlinge vergessen. Weil sie ihnen gern "in lebenswürdige Umstände" verhelfen würde, und weil das schwierig bis unmöglich ist. Immerhin, für eine pakistanische Familie hat sie eine Wohnung gefunden. Zwei syrische Brüder konnte sie ebenfalls unterbringen. Sie ist auch schon als Bürgin aufgetreten. Lucky John hat sich indes gerade wieder für eine Sozialwohnung beworben - bisher ohne Antwort. 30 000 Anträge auf geförderten Wohnraum gibt es jedes Jahr; 3000 Wohnungen kann die Stadt vergeben.

Sie wünschen sich so sehr ein wenig Privatsphäre. Und sie geben nicht auf. "Es ist nichts, wie wir es geplant haben", sagt Roseline John. "Aber ich hoffe, dass in der Zukunft alles gut wird." Ende 2023 soll das Haus 12 abgerissen werden. Auf dem Areal der ehemaligen Bayernkaserne entsteht ein neues Stadtviertel mit Wohnungen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5017191
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 02.09.2020/wean
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.