Süddeutsche Zeitung

Flüchtlinge in München: "Es ist wie Heimat, aber es ist nicht Heimat"

  • Viele Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen wollen, müssen große Risiken und Gefahren auf sich nehmen.
  • Doch seit 2009 gibt es für besonders Schutzbedürftige einen sicheren und legalen Weg nach München: das Resettlement-Programm des UN-Flüchtlingskommissariats UNHCR.
  • Ungefähr 350 Flüchtlinge sind in zehn Jahren insgesamt auf diesem Weg nach München gekommen.

Fast zwanzig Jahre ist es her, dass Kafi Tia seine Heimat, den Sudan, verlassen hat. Zwanzig Jahre, so alt ist seine älteste Tochter Iman. Nach zwanzig Jahren ist Kafi Tia mit seiner Familie endlich angekommen: in einem Reihenhäuschen in München-Ramersdorf. Hier beginnt für die Familie Tia ein neues Leben.

Von der Bushaltestelle aus geht man vorbei an einer Wiese, auf der man Sonnenblumen pflücken kann, und an einem Getreidefeld. Sekunden nach dem Klingeln fliegt die Haustür auf, die Kinder warten schon. Vorstellungsrunde: Kafi Tia, 55 Jahre, und seine Frau Zienab, 46. Auf die älteste Tochter Iman, 20, folgen die Mädchen Gamila, zehn, und Mona, neun. Ihr Bruder Saleh ist vier, und der Jüngste, Abrahim, hat just am Tag des Treffens seinen ersten Geburtstag.

Wie das ist, sich mit über 50 Jahren ein neues Leben aufzubauen? Kafi Tia lächelt. Ein Dolmetscher übersetzt: "Man muss Ziele haben, dann kann man es schaffen. Ich habe 17 Jahre in Ägypten gelebt, es war immer ein Kampf. Mein großes Ziel ist jetzt, dass meine Kinder ein gutes Leben haben." Bis sie angekommen sind in ihrem neuen Leben, das war eine Odyssee.

Im Jahr 2001 floh Kafi Tia aus dem Sudan vor den Kämpfen zwischen der Regierung und einer Rebellengruppe. Er hatte in einer Kampfzone gelebt, regelmäßig wurden dort Zivilisten angegriffen und getötet. In einem Lkw gelangt er von Dalang nach Khartum. Mit dem Zug erreicht er Wadi Halfa an der Grenze zu Ägypten, mit einem Boot schließlich den Nachbarstaat. Beim UNHCR, dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, lässt er sich als Flüchtling registrieren. In einem heruntergekommen Armenviertel von Kairo teilt er sich mit mehreren Personen ein Zimmer. Bis 2002 wird er dreimal vom UNHCR interviewt und erhält schließlich eine Absage. Warum er nicht für Resettlement in Frage kommt, erfährt er nicht. Zwei Jahre später erhält er doch noch eine Zusage. Im Jahr 2008 kann er seine Frau und seine noch im Sudan geborene Tochter zu sich holen. In den darauffolgenden Jahren kommen in Kairo drei weitere Kinder zur Welt.

Offiziell hat die Familie in Ägypten keine Aufenthaltserlaubnis. Unter ausbeuterischen Bedingungen arbeitet Kafi Tia als Fahrer, das Leben ist für die Flüchtlinge aus dem Sudan von ständiger Gefahr geprägt. Als Kafi Tia 2006 ohne Erlaubnis Lebensmittel auf offener Straße verkauft, landet er im Gefängnis. Durch Zahlungen an einen korrupten Gefängnismitarbeiter kann er sich schließlich freikaufen. Im Jahr 2014 bekommt er vom UNHCR wieder einmal gesagt, er werde in fünf Monaten resettelt. Und wieder passiert nichts, wieder vergehen die Jahre. 2016 wird auch Tias Frau Zienab vom UNHCR angehört. Ein halbes Jahr darauf erhält er einen Anruf, es sieht gut aus. Er wird ein weiteres Mal befragt, diesmal vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Wieder ein Anruf, die Zusage. Welches Land, fragt Tia. Deutschland, hört er. Endlich: Sicherheit für die Familie, für seine Kinder. Endlich: die Aussicht auf Zukunft. Große Freude.

Seine Vorstellung von diesem fremden Land, der neuen Heimat, ist im Sudan geprägt worden. Das dortige Stromnetz, erzählt er, sei von deutschen Ingenieuren aufgebaut worden. Einer hat ihm immer wieder erzählt von Deutschland. Ein modernes Land, in dem man alle Möglichkeiten hat, das war von da an Tias Deutschland-Bild. Bevor im Dezember 2017 der Flieger nach Hannover geht, kann die Familie an einem zweiwöchigen Vorbereitungskurs teilnehmen, inklusive Mini-Sprachkurs. Die ersten zwei Wochen verbringen sie im sogenannten Grenzdurchgangslager Friedland in Niedersachsen; dort landen alle Flüchtlinge aus dem UN-Programm. Dann soll es für die Tias nach Pocking bei Passau gehen, doch die Pläne werden geändert - damit die Hautkrankheit des Sohnes besser behandelt werden kann, sollen sie in München untergebracht werden.

Die Familie selbst versteht dies erst, als der Bus in München hält, draußen steht eine Frau und ruft: "Familie Tia bitte raus!" Die Frau vor dem Bus ist Nina Klofac, Projektleiterin der Kampagne "Save me" beim Münchner Flüchtlingsrat. Sie wird für die Familie eine wichtige Bezugsperson. Wenn sie heute daran denken, wie sie sich zum ersten Mal trafen, im Regen auf einer Straße im Münchner Westend, dann müssen sie lachen. Es war drei Tage vor Weihnachten, die Behördengänge mussten warten, denn die Ämter waren geschlossen.

Kafi Tia lacht oft, sein Lachen ist laut, herzlich und ansteckend. Die Familie hat in München viel Unterstützung gefunden. Bei Nina und ihren Kolleginnen von "Save me". Bei dem Dolmetscher, der einst selbst als Flüchtling aus Syrien kam und den sie jederzeit anrufen können. Bei der Initiativgruppe IG, die die Flüchtlinge sozialpädagogisch betreut. Die Mädchen haben Patinnen, die ihnen bei schulischen Dingen helfen und auch mal Ausflüge mit ihnen machen. Vor einem Jahr konnten sie die Gemeinschaftsunterkunft verlassen und in das Haus in Ramersdorf ziehen. Kafi Tia zeigt nun nach da und nach dort, da wohnt der und dort wohnt jener, er kennt alle Nachbarn, morgens grüßt man sich am Zaun, mit Vornamen. "Wir haben gute Nachbarn." Jemand brachte einen Kinderstuhl vorbei, jemand schenkte ihnen ein Fahrrad. Die Kinder haben Freunde gefunden in ihrer Straße. In puncto Sprache haben sie ihre Eltern längst überholt.

Mit dem Deutschlernen ist es so eine Sache. Seinen ersten Sprachkurs hat Kafi Tia abgebrochen, er ließ sich schwer damit verbinden, die Kinder in die weit entfernte Schule zu bringen. Jetzt besucht er einen neuen Kurs, nachmittags, das ist besser. Als Kranführer hat er in Ägypten gearbeitet, im Sudan hatte er auch Kurse als Elektriker gemacht, so etwas könnte er sich wieder vorstellen. Am meisten zählt für die Eltern - die Mutter konnte im Sudan selbst nie eine Schule besuchen - nun die Bildung der Kinder. Die älteste Tochter Iman besucht die Berufsschule, sie zählt auf, was sie dort lernt: Deutsch und Mathe, Computer, Fahrräder reparieren. Nächstes Jahr will sie ihren Mittelschulabschluss machen, später den Realschulabschluss. Und irgendwann, sagt sie, will sie Ärztin werden. Dann will sie zurück in den Sudan, sie möchte den Menschen dort helfen.

Hat Kafi Tia sich schon mal bei dem Gedanken ertappt, dass das hier Heimat ist, ein Zuhause? Er überlegt. Und der Dolmetscher übersetzt aus dem Arabischen: "Es ist wie Heimat, aber es ist nicht Heimat. Heimat ist da, wo ich geboren bin. Aber hier ist Sicherheit, hier gibt es Hilfe. Es ist eine zweite Heimat."

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Quelle:
SZ vom 07.08.2019/vewo
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