Aus dem Kriegsgebiet:Erste ukrainische Geflüchtete kommen in München an

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Aus dem Kriegsgebiet: Ukrainer harren in eisiger Kälte an der Grenze aus, wie hier im polnischen Przemyśl.

Ukrainer harren in eisiger Kälte an der Grenze aus, wie hier im polnischen Przemyśl.

(Foto: YARA NARDI/REUTERS)

In der Stadt lebende Ukrainer und Helfer fahren auf eigene Faust an die polnisch-ukrainische Grenze, um dort ihre Angehörigen und Freunde abzuholen. Auch Reisebusse sind offenbar im Einsatz.

Von Thomas Anlauf

Hunderttausende Menschen sind seit Tagen auf der Flucht aus der umkämpften Ukraine in den Westen, jetzt sind die ersten Geflüchteten in München angekommen. Am Montagvormittag hielt ein Bus mit Menschen vor dem Salesianum in Haidhausen, die dort zunächst im Jugendgästehaus unterkommen können. Die Geflüchteten kamen direkt von der ukrainisch-polnischen Grenze und konnten offenbar direkt mit dem Bus nach München reisen.

Ursprünglich seien 50 Menschen angekündigt worden, sagte eine Sprecherin des Salesianums am Montagnachmittag. Tatsächlich seien es nun aber lediglich sieben, die dort vorläufig bleiben können. "Wir haben erst angefangen, Freunde und Verwandte aus der Ukraine zu holen", sagt Sofia Abrashchova, eine der Hauptkoordinatorinnen der Hilfe vom Münchner Verein Gorod. Doch mittlerweile überschlagen sich die Ereignisse. Vor allem Ukrainer, die in München leben, fahren auf eigene Faust in Richtung Grenze, um Freunde oder Verwandte abzuholen. Mittlerweile sollen sogar Reisebusunternehmen gezielt von dort Geflüchtete nach München bringen.

Trotzdem ist die Situation auch vier Tage nach Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine zumindest in München noch relativ entspannt. Sowohl die Regierung von Oberbayern und das Münchner Sozialreferat als auch die Münchner Wohlfahrtsverbände und ehrenamtliche Hilfsorganisationen gehen bislang davon aus, dass viele Geflüchtete zunächst bei Verwandten oder Bekannten in der Stadt unterkommen können.

Vereine und Politik bitten um Unterstützung

Am Montag veröffentlichte das Rathaus einen Appell, dass sich Münchnerinnen und Münchner, die Geflüchtete hier unterstützen wollen, beim Verein "Münchner Freiwillige - wir helfen" melden können. Auch andere Organisationen und Institutionen bitten um Unterstützung, etwa die Ukrainische Freie Universität in München, der Verein Heimatstern, der Hilfsgüter für die Ukrainer organisiert oder eben das Münchner Kulturzentrum Gorod.

Sofia Abrashchova koordiniert bei Gorod die Hilfsaktionen. "Ganz Deutschland versucht zu helfen, das ist unglaublich", sagt die 25-jährige Münchnerin, die mit ihrer Familie als kleines Mädchen aus der Ukraine gekommen ist. Allein am Sonntag hätten sich einhundertfünfzig ehrenamtliche Helfer getroffen, die die Hilfsaktionen unterstützen wollen. Einige sind bereits mit privaten Autos auf dem Weg an die ukrainische Grenze, um dort Geflüchtete mitzunehmen, Fahrer mit Kleintransportern seien mit Ukrainern bereits wieder auf dem Weg nach München.

Die meisten der Menschen nehmen aber bislang keine öffentliche Hilfe in Anspruch. Laut Andrea Betz, Vorständin der Diakonie München und Oberbayern, sind am Sonntag und Montag lediglich ein Dutzend Geflüchtete im Ankunftszentrum angekommen, die Asyl beantragt haben. Insgesamt waren es nach Angaben der Regierung von Oberbayern in der vergangenen Woche 52 Menschen. Einige haben offenbar nur um Auskünfte gebeten, was ein Asylverfahren bedeuten würde. Bislang können Ukrainer aber ohnehin bis zu 90 Tage als Touristen einreisen, erhalten dann aber nach bisherigem Stand keine Sozialleistungen.

Mit einer Welle wie im Flüchtlingsherbst 2015 wird nicht gerechnet

Auch wenn in München bislang relativ wenige Geflüchtete angekommen sind, bereiten sich Stadt, Verbände und Hilfsorganisationen schon jetzt auf steigende Zahlen von Hilfsbedürftigen vor. An diesem Mittwoch startet eine Kooperation zwischen Diakonie und ukrainischen Initiativen, um bei Fragen rund um die Flüchtlingshilfe schnell und flexibel reagieren zu können. Der Bayerische Flüchtlingsrat will wiederum eine eigene Beratungsstelle möglichst im Kulturzentrum Gasteig etablieren. Die Stadt fährt ihr Angebot an Übernachtungsplätzen hoch: 500 Betten sollen zunächst belegt werden können, danach wären Notunterkünfte in Leichtbauhallen für bis zu 1000 Menschen möglich, die gerade wieder aufgebaut werden.

Experten schätzen, dass zwar ein Großteil der Geflüchteten nahe an ihrem Heimatland Ukraine bleiben werden, dennoch glauben sie, dass mehrere Tausend Geflüchtete in München in den kommenden Tagen oder Wochen ankommen könnten. Mit einer regelrechten Welle mit zehntausend oder mehr Menschen am Tag wie im Frühherbst 2015 sei jedoch nicht zu rechnen.

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