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Typisch Deutsch:Vom Hilfsbedürftigen zum Helfenden

Ehrenamtliches Engagement hat in München viele Gesichter.

(Foto: Stephan Rumpf)

Unser Autor hat von den Freiwilligen profitiert, als er nach Deutschland kam. Mittlerweile engagiert er sich selbst ehrenamtlich.

Als ich nach meiner Ankunft in Deutschland im Flüchtlingscamp in der Turnhalle des Gymnasium Kirchseeons lebte, kamen fünf Frauen zu mir in die Turnhalle. Sie fragten uns danach, welche Dinge wir benötigten, Lernunterlagen, Stifte oder Kleidung. Offenbar arbeiteten sie dort, weil sie morgens wie abends da waren. Eine junge Mitarbeiterin, Valeria, hatte gute Kleidung und schien wohlhabend zu sein. Sie hatte auch Abitur. Ich dachte, sie verdient das Geld, um damit in die Disko zu gehen. Als ich sie nach ihrem Salär fragte, lächelte sie nur.

Zunächst dachte ich, dass sie mich belächelt. Dabei war es eher ein Verlegenheitslächeln. Denn sie verdiente kein Geld, sondern mache diese Hilfsarbeit im Flüchtlingscamp freiwillig. So wie die anderen auch. Ich werde diese Tage nicht vergessen, als ein Mädchen Namens Julia mit ihrer Mutter und Schwester zu uns kam. Sie hatte das Downsyndrom und obwohl sie Schwierigkeiten beim Sprechen hatte, brachte sie mir die Namen der Farben auf Deutsch bei.

Jeden Tag verändere ich mein Bild von den Einheimischen. Ich hatte erwartet, dass man sich die Hilfsbereitschaft hier nur mit Geld erkaufen könne. Doch ich hatte mich getäuscht.

Diese Freiwilligen-Kultur ist wichtig für Deutschland. Anfangs konnte ich nicht verstehen, warum sie mit so viel Eifer arbeiten. Oft hörte ich das Wort "Ehrenamt" - aber es ist nicht genau definiert, was das eigentlich ist. Es gibt keine einheitliche Definition für "Ehrenamt". Und es gibt auch keine Altersgrenze.

Ich kannte das nicht, denn die Situationen der Länder sind nicht zu vergleichen. Wenn wir in Syrien die Flugzeuggeräusche hörten, waren wir in Bereitschaft, jenen zu helfen, die es getroffen hat. Damit wir die Menschen aus den Häusern unter den Dächern herausbringen, damit sie nicht sterben.

Ich erinnere mich an eine Szene in Syrien, in der ein Mann nach einem Fliegerangriff den Verletzten geholfen hat - und dafür vom Regime Assad bestraft wurde. Er wurde zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt, weil er Menschen von der "Opposition" geholfen hatte.

Für die Menschen im Großraum München ist der Syrienkrieg so weit weg, und doch sehen sie Teile der Auswirkungen. Mittlerweile höre ich das Wort "Freiwillige" sehr oft. Es könnte sein, dass dein Bäcker oder Lehrer oder dein Unifreund den nächsten Brand löscht. Sie haben ein Gerät, das ihnen ein Signal gibt, wenn es irgendwo brennt.

Man denkt bei der Entlohnung von Arbeit irgendwie automatisch an Geld. Wenn man Feuerwehrler oder Asylhelferkreise bei ihren Tätigkeiten erlebt, dann kommt man ins Grübeln. Meistens machen diese Menschen das Ehrenamt neben ihrem Beruf und Familie. Und trotzdem wirken sie zufrieden. Um dieses Phänomen zu ergründen, meldete ich mich als freiwilliger Volontär in einem Altenheim. Essensausgabe, Spielen, Spazierengeben. Ich erlebte Gefühle, die ich vorher nicht erlebt hatte. Es reicht schon, wenn ein Mensch dich dann anlächelt, um zu wissen, dass man das Richtige tut. Für den anderen - aber auch für sich selbst.

Julia und Valeria kommen seit Jahren nicht mehr in die Kirchseeoner Turnhalle, weil sie das Flüchtlingslager dort längst aufgelöst haben und Kinder dort wieder Sportunterricht bekommen. Es gab eine Zeit, da war ich auf Helfer wie die beiden angewiesen. In der Krise waren sie da. Nun ist die Zeit gekommen, in der Menschen wie ich selbst die Möglichkeit haben, anzupacken.

Mittlerweile arbeite ich als Freiwilligenhelfer für Behinderte. Auch hierbei bekommt man Lektionen fürs Leben und lernt das eigenen Schicksal einzuordnen, das einem das unbezahlbare Gut Gesundheit geschenkt hat. Im Sommer plane ich, mit meinen deutschen Freunden nach Griechenland zu reisen, um den Flüchtlingen dort zu helfen. Ich bin einer von Millionen von Ehrenamtlichen in Deutschland. An manche von ihnen werden Preise verliehen, aber kaufen kann man sich davon nichts.

Ehrenamt ist nicht Arbeit, die nicht bezahlt wird, sondern Arbeit, die nicht bezahlt werden kann. Dafür eröffnet sie einem Erlebnisse, Begegnungen und Momente, die unbezahlbar sind.

© SZ vom 20.03.2020

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