Künftig werden in München mehr Geflüchtete leben als bisher. Zusätzlich zu den 11 700 Schutzsuchenden, die aktuell hier untergebracht sind, soll in der Stadt ein neues großes Ankerzentrum entstehen, mit Platz für 1000 Personen. Dieser Richtwert entspringe einer Prüfung, wie die Münchner Stadtverwaltung ihr „Quotenminus“ abbauen könne, heißt es vom bayerischen Innenministerium auf Nachfrage. Außerdem wird eine der größten Erstaufnahmeeinrichtungen im ehemaligen Sheraton-Hotel im Westend weiter ausgebaut, von 550 auf 900 Plätze.
Der Freistaat findet, in München gebe es noch Kapazitäten für weitere Flüchtlinge. Dies betonte auch Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Mittwoch bei einer Pressekonferenz: „Unterdurchschnittlich“ schneide München bei der Aufnahme Geflüchteter ab, gemessen an seiner Größe. Der demonstrative Aufruf an die Landeshauptstadt, ihr Soll zu erfüllen, sollte wohl auch die bayerischen Landräte beschwichtigen, die zuletzt eine Überlastung der Gemeinden beklagten.
Doch tut München wirklich zu wenig? Verena Dietl (SPD), Dritte Bürgermeisterin und zuständig für das Soziale, ist nicht einverstanden mit dieser Interpretation: „Der Ministerpräsident ist offensichtlich schlecht informiert, wenn er uns unterstellt, nicht engagiert genug bei der Aufnahme von Geflüchteten zu sein.“ München sei es wichtig, sagt Dietl, trotz der großen Herausforderungen, die das bedeutet, solidarisch mit den anderen Landkreisen und kreisfreien Städten zu sein. Man möchte „menschenwürdige Situationen für Geflüchtete“ schaffen.
Die Aufnahmequote liegt laut Sozialreferat bei 92,4 Prozent. München bringe aktuell bereits Tausende Geflüchtete unter, sagt Anne Hübner, die Fraktionsvorsitzende der SPD im Stadtrat. Man sei „selbstverständlich“ auch bereit, ein weiteres Ankerzentrum zu betreiben – „wenn es der Freistaat anordnet“. Es müsse aber sichergestellt werden, dass das Zentrum von der Größe und Ausstattung so gestaltet wird, dass es ins soziale Umfeld passe, so Hübner.
Im Westend, wo das größte Ankerzentrum der Stadt im ehemaligen Sheraton-Hotel am Heimeranplatz steht, weiß man, was das heißt. Es gebe im Viertel keine Probleme wegen der Geflüchteten, berichtet Sibylle Stöhr, Vorsitzende des Bezirksausschusses Schwanthalerhöhe und Fraktionsvize der Grünen im Stadtrat. Es hätten sich noch nie Anwohner beim Bezirksausschuss über die Flüchtlinge beschwert. Vielmehr habe sie den Eindruck, dass das Viertel offen gegenüber Neuankömmlingen und ohnehin bereits traditionell „multikulturell“ sei. Auch im Hinblick auf die kommende Erweiterung auf 900 Betten sagt Stöhr: „Ich glaube, wir kriegen das ganz gut hin.“
Künftig wird in das Gebäude auch ein Ankunftszentrum integriert, also eine der ersten Einrichtungen, mit der Geflüchtete überhaupt in Kontakt kommen. Das soll auch ein Ersatz sein für das Ankunftszentrum an der Maria-Probst-Straße in Freimann.
Wo künftig das neue, große Ankerzentrum für 1000 Personen in München entstehen soll, steht laut einer Sprecherin des Innenministeriums noch nicht fest. Man möchte nach einer Ausschreibung abwarten, welche Vermieter auf die Behörde zukämen. Entscheidend sei, dass das Objekt geeignete Flächen für Unterbringung als auch Verwaltung, Sanitäranlagen und Sozialräume bieten könne. Die Suche dürfte sich angesichts der angespannten Immobilienlage in München als schwierig erweisen.
Die CSU im Stadtrat lehnt ein neues Ankerzentrum unter anderem deshalb kategorisch ab: „Wir haben in München schlicht und einfach keinen Platz mehr“, sagt der CSU-Fraktionsvorsitzende Manuel Pretzl. München leiste „extrem viel“ bei der Unterbringung und Integration von Geflüchteten. Statt ein neues Zentrum zu errichten, solle die Stadt die Fehlbelegungen in bereits bestehenden Einrichtungen verringern, so würde auch wieder neuer Platz entstehen.

