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Flüchtlingsherbst 2015:Die schaffen das

Ifraah

Fünf Jahre danach haben viele Flüchtlinge einen Ausbildungsplatz gefunden - so auch Macalin Yuusuf.

(Foto: Stephan Rumpf)

Sie flohen vor Krieg und Elend in ein Land, das ihnen völlig fremd war. Heute ist München ihre neue Heimat. Sieben Flüchtlinge erzählen, wie sie sich eine Zukunft erarbeitet haben.

Von Noah Drautzburg, Max Ferstl, Ana Maria Michel und Julian Thamm

In ihrem Heimatland Somalia konnte Macalin Yuusuf keine Schule besuchen. "Ich hatte keine Kindheit", sagt sie - aber ein Ziel

Als Ifraax Macalin Yuusuf im Herbst 2015 am Münchner Hauptbahnhof ankam, konnte sie weder lesen noch schreiben, auch nicht in ihrer Muttersprache. In ihrem Heimatland Somalia konnte sie keine Schule besuchen. Der Vater war früh gestorben, die Mutter war allein mit den sechs Kindern, sie hatten kein Geld. Als sie in dem Alter war, in dem die meisten Kinder in Deutschland die erste Klasse besuchen, begann Macalin Yuusuf zu arbeiten, machte den Haushalt für andere. "Ich hatte keine Kindheit", sagt die heute 25-Jährige.

Als ihr Leben und das ihrer Familie bedroht wurde, floh Macalin Yuusuf nach Jemen, wo sie wieder als Haushälterin arbeitete. Als es dort zu gefährlich wurde, wollten ihre Arbeitgeber nach London. Sie nahmen Macalin Yuusuf mit, zumindest bis in die Türkei. In der Nähe von Izmir fand sie Arbeit als Mosaik-Fliesenlegerin. Doch Macalin Yuusuf wollte weiter. Schon als Kind träumte sie von Deutschland. Ein Sohn der Familie, bei der sie arbeitete, lebte hier. Sie erinnert sich noch, wie fasziniert sie immer von dem Wort "Germany" war. Einmal in Deutschland leben, in einem Krankenhaus arbeiten. Wenn Macalin Yuusuf ihrer Mutter erzählte, wie sie sich ihre Zukunft vorstellte, sagte die nur: "Du träumst." Doch sie wusste auch, wie stark ihr zweitjüngstes Kind ist, und gab ihr etwas Geld und ihren Segen mit auf die Flucht.

"Manchmal denke ich, dass ich der glücklichste Mensch auf der Welt bin", sagt Macalin Yuusuf. Sie lebt bei der Mutter einer früheren Lehrerin. Bei der älteren Frau fühlt sie sich wohl, sie essen und lachen zusammen. Sie liebt die Ruhe zu Hause, hier kann sie gut lernen. Und sie lernt viel, denn sie ist eine fleißige Frau. In Deutschland hat sie Lesen und Schreiben gelernt. Ein Wunder, sagt sie. Heute hat sie einen Mittelschulabschluss und macht eine Ausbildung zur Sozialpflegerin. Bald möchte sie in einem Krankenhaus arbeiten, Menschen helfen.

Sie ist stolz auf das, was sie erreicht hat. So gerne würde sie ihrer Familie alles erzählen. Doch sie weiß nicht, wo ihre Geschwister und ihre Mutter sind, ob sie überhaupt noch leben. Nach ihrer Flucht soll ihr Dorf abgebrannt sein. Macalin Yuusuf hat viel erreicht, aber sie hört nicht auf zu träumen, zum Beispiel davon, eine Schule in Somalia aufzubauen, damit die Kinder dort eine Chance bekommen. Ana Maria Michel

Niemand sollte erleben müssen, was sie erlebt hat - eines Tages will Farah Alazaiza ein Buch über ihr Schicksal schreiben

Im November 2015 kam Farah Alazaiza mit ihrer Mutter und ihren beiden älteren Geschwistern nach München. An der Stadt mag sie das viele Grün.

(Foto: Robert Haas)

Farah Alazaiza hat sich vorgenommen, einmal ein Buch zu schreiben. Es ist tatsächlich Soff für Bücher, was die 20-Jährige erzählt. Niemand sollte erleben müssen, was sie erlebt hat: Im Dezember 1999 wurde Alazaiza als jüngste Tochter einer palästinensischen Familie in Bagdad geboren. Als sie drei Jahre alt war, brach der Irakkrieg aus, sie flüchteten nach Jemen, später nach Syrien. Auch dort herrschte bald Krieg. Weil Alazaiza nicht alle deutschen Begriffe kennt für das, was passiert ist, malt sie es mit einem Kugelschreiber auf ein Blatt Papier. Zeichnet sich als Strichmännchen im Bett liegend, daneben ein Fenster. Ein Projektil durchschießt die Scheibe, landet neben Alazaizas Kopf. Noch heute träumt sie von den Bomben, sie wird die Angst nicht los.

Mit ihrer Mutter und ihren beiden Geschwistern flüchtete sie in die Türkei, in einem Schlauchboot weiter nach Griechenland. Im Herbst 2015 kamen sie in München an. Die Zeit in den Flüchtlingsunterkünften war schrecklich, sagt Alazaiza. Schmutzige Toiletten, keine Privatsphäre. Damals malte sie häufig einen Vogel, der einen Brief im Schnabel hält, sie malt ihn auch jetzt. Der Brief stand für ihren Wunsch, zur Schule gehen zu dürfen.

Eine Deutsche half Alazaiza schließlich, sich bei den Armen Schulschwestern am Mariahilfplatz anzumelden. Dort gab es eine Klasse für geflüchtete Frauen. Dass die Schule katholisch ist, war Alazaiza egal. Sie wollte unbedingt Deutsch lernen. Es gelang ihr, sie schaffte den Mittelschulabschluss in der für sie neuen Sprache. An die Schulzeit erinnert sie sich gerne. Die Mathelehrerin brachte einmal einen Kuchen mit, erzählt sie. Essen durften sie ihn erst nach einer Reihe geometrischer Berechnungen. Auf ihrem Handy zeigt Alazaiza Fotos von sich und Emilia Müller. Weil sie die mutigste in ihrer Klasse gewesen sei, durfte sie an einer Podiumsveranstaltung mit Bayerns früherer Sozialministerin teilnehmen.

Alazaiza ist staatenlos. Palästina ist ihre Heimat, doch sie weiß nicht, ob sie sie jemals sehen wird. An München mag sie, dass man hier auf die Umwelt achtet, Müll trennt. Für sich selbst wünscht sie sich nicht viel: Ein normales Leben in Frieden, arbeiten, mal in den Urlaub fahren. Radfahren hat sie in München bereits gelernt. Was ihr im Moment jedoch vor allem fehlt, ist ein Ausbildungsplatz, an dem man sie akzeptiert - auch mit Kopftuch. Ana Maria Michel

In seinem Heimatland Syrien hatte Omer Shallar eine Karriere als Anästhesist, nun studiert er Maschinenbau in München

In seinem Heimatland Syrien hatte Omer Shallar eine Karriere, doch dann kamen Krieg und Flucht. Nun baut er sich ein neues Leben auf.

(Foto: Stephan Rumpf)

Allein dieses Wort: Jobcenter. Für Omer Shallar klingt es wie eine Beleidigung. Er hat es in seinem ersten Jahr in Deutschland sehr oft gehört. Flüchtlinge würden nur vom Jobcenter leben, solche Dinge. Und er schämte sich, weil er anfangs genau dorthin musste, zum Jobcenter. Deshalb erfand Shallar mit seinen Freunden ein Codewort, sie benutzen es noch heute: Abo Al-juj. Damit keiner mitbekam, wenn sie übers Jobcenter sprachen.

Lange her. Am Mittwoch sitzt Shallar, 29, in einer Studentenwohnung im Münchner Norden. Ein freundlicher Mann, der selbst dann lächelt, wenn er vom Krieg erzählt. Shallar studiert Maschinenbau an der TU München, im Oktober beginnt das neue Semester. Die Bachelorarbeit steht an. Daneben jobbt er in einer Firma für Verkehrstechnik. Wenn es Shallar gerade an einer Sache nicht mangelt, dann ist es Arbeit.

Er reicht Muhallabia, eine Nachspeise aus Milch, Sahne und Rosenwasser. "In Syrien genießt man das Leben", sagt er. Zumindest sei das vor dem Krieg so gewesen. Doch irgendwann fielen Bomben auf Städte, kamen die Krieger des IS, die fast täglich Menschen entführten. Shallar musste fliehen. Im Dezember 2014 kam er nach Deutschland, kurz darauf nach München. Alles war neu, das Leben schneller, komplizierter. Plötzlich brauchte er, der Anästhesist, einen Übersetzer, um sich mit den Behörden zu verständigen. Das nervte. Und er spürte, dass sich noch etwas verändert hatte: "In Syrien waren wir ein Volk, jetzt sind wir Flüchtlinge - allein dieses Wort."

Shallar schmiedete einen Plan: die Sprache lernen, studieren, arbeiten. Dann hakte er ein Ziel nach dem anderen ab. Inzwischen übersetzt er für andere Geflüchtete. Er engagiert sich in der Evangelischen Hochschulgemeinde, hilft Studenten, organisiert Veranstaltungen. Auf einem Regal steht, hinter Glas, eine Auszeichnung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, die ausländische Studenten für besondere akademische und ehrenamtliche Leistungen erhalten.

"Ich habe mich angepasst", sagt Shallar. Darum gehe es ja beim Thema Integration. Er kenne viele Syrer, die es auch geschafft hätten, die kurz vor dem Uniabschluss sind oder eine Ausbildung gemacht haben: "Davor habe ich Respekt." Wenn alles glatt läuft, bekommt Shallar bald die deutsche Staatsbürgerschaft. Er habe alle Kriterien erfüllt, sagt er. Und, so ganz grundsätzlich: "Ich glaube, ich bin auf dem richtigen Weg." Max Ferstl

Lehre, Job, Wohnung: Seit seiner Flucht aus Eritrea hat sich Matiwos Bereket vieles erarbeitet

Als er seine Flucht aus Eritrea plante, erzählte er das niemandem, nicht mal seiner Familie. Heute unterstützt Matiwos Bereket sie von München aus.

(Foto: Robert Haas)

"Ich bin einfach ein Glücksmensch", sagt Matiwos Bereket und lacht, so als wäre sein Weg zum Glück leicht gewesen - und nicht sehr gefährlich. Sechs Jahre ist es her, dass er sein altes Leben hinter sich gelassen hat. Damals war er 14 und lebte in Senafe, einer Stadt im Süden Eritreas. "Es gab keine Zukunft", sagt Bereket. "Hätte ich die Schule zu Ende gemacht, hätte ich zum Militär gehen müssen - und das wollte ich nicht."

Der unbefristete Wehrdienst in Eritrea ist einer der Hauptgründe dafür, dass aus dem kleinen Land in Ostafrika so viele Menschen über das Mittelmeer flüchten. Auch Bereket beschloss, die Flucht zu riskieren. "Ich habe das niemandem erzählt", erinnert er sich, "man konnte niemandem vertrauen." Nicht einmal der eigenen Familie habe er Bescheid gesagt. Die Flucht gelang. Nach einem halben Jahr kam er am 17. Mai 2015 am Münchner Ostbahnhof an.

Sein Ziel war es, so schnell wie möglich eine Arbeit zu finden, um seiner Familie in Eritrea zu helfen. Berekets Eltern leben noch immer dort mit seinen fünf jüngeren Geschwistern. Weil er damals noch minderjährig war, kam er in ein Jugendwerk in Birkeneck, einem Ortsteil von Hallbergmoos, wo er mit anderen hilfsbedürftigen Jugendlichen lebte. Vier Jahre sollte er dort bleiben. Er lernte Deutsch und begann ein Jahr darauf eine Lehre in der hauseigenen Maler- und Lackiererei. Zudem spielte er Fußball beim VfB Hallbergmoos, bis ihm wegen der nahenden Gesellenprüfung die Zeit dazu fehlte. Bereket sagt, dass die Unterstützung im Jugendwerk für seine Ausbildung essenziell gewesen sei: "Wenn du niemanden hast, der dir hilft, und dann bekommst du eine Aufgabe, die du nicht verstehst, dann ...", er überlegt kurz und macht dann mit der Hand eine Wegwerf-Geste.

Mit der Hilfe aus Birkeneck hat er vor einem Jahr seine Lehre abgeschlossen und einen Job gefunden. Sein neuer Chef hat ihn auch bei der Wohnungssuche in der Stadt unterstützt. München sei jetzt seine Heimat, sagt er, und "einfach toll". Seit Bereket, inzwischen 20 Jahre alt, fest angestellt ist, kann er auch seine Familie unterstützen. "Meine Ziele sind einfach vorbei", sagt er und meint damit, dass er alles erreicht habe, was er sich bei seiner Ankunft erhofft hatte. Zwei Dinge hat er aber doch noch vor: Im Juni hat Bereket mit dem Führerscheinunterricht begonnen, und bald will er wieder Fußball spielen. Klingt machbar, erst recht für einen Glücksmenschen. Noah Drautzburg

Seit fünf Jahren hofft Nicole Kunihira darauf, dass ihr Asylantrag bewilligt wird. Die Zeit hat sie genutzt, um ihr Abitur zu machen

Nicole Kunihira aus Uganda

Auf einer Klassenfahrt in Wien: Nicole Kunihira aus Uganda.

(Foto: Privat)

Wenn Nicole Kunihira über ihr Leben in Deutschland spricht, kann sie eine Aufstiegsgeschichte erzählen. Von ihrem frisch bestandenen Fachabitur und ihren Plänen, Medizin an einer der besten Universitäten Deutschlands zu studieren. Doch währenddessen sitzt sie auf ihrem Bett in einer Unterkunft für geflüchtete Frauen. Sie kann keine Freunde einladen, darf das Land nur in Ausnahmefällen verlassen.

Diese Geschichte beginnt im September 2015 mit einem Flug von Uganda nach Deutschland, da war Kunihira 15 Jahre alt. Warum sie mit ihrer damals hochschwangeren Mutter ihr Heimatland verlassen musste, möchte sie für sich behalten.

Gelandet in Hannover, wurde die kleine Familie wenig später nach München geschickt. Der Abend ist Kunihira im Gedächtnis geblieben: "Wir sind in der Nacht angekommen", erinnert sie sich. Am Hauptbahnhof war die Situation unübersichtlich. Auf die Anweisung eines Polizisten hin stiegen sie einfach in das nächste Taxi und sagten, dass sie Flüchtlinge seien.

Der Fahrer brachte sie in die Heidemannstraße, wo sie in einer provisorischen Unterkunft einen Tisch bezogen - Betten gab es schon lange keine mehr. Am nächsten Tag kamen sie in ein Zimmer, dass sie sich mit 16 weiteren Menschen teilten. Dann reihte sich Umzug an Umzug: Wenige Monate in Fürstenfeldbruck, ein halbes Jahr in Bogenhausen, ein Ganzes am Karl-Preis-Platz und schließlich die Unterkunft in Neuperlach, der sie bis heute leben.

Vor knapp fünf Jahren haben die Kunihiras ihren Asylantrag gestellt. "Es ist immer Glückssache, wann man eine Antwort bekommt", sagt die heute 20-Jährige, "wir warten immer noch." Natürlich sei das ein bisschen frustrierend, aber: "Man muss es einfach abwarten und weiterleben."

Und Nicole Kunihira hat weitergelebt. Nach ihrer Ankunft kam sie in eine Mittelschule, hat dort Deutsch gelernt, machte dann ihre Mittlere Reife und im Juni dieses Jahres ihr Fachabitur. Bald wird sie das 13. Schuljahr auf dem Gymnasium beginnen, nach dem Abitur möchte sie Medizin studieren. Schon in Uganda sei es ihr Traum gewesen, die medizinische Versorgung dort zu verbessern. Aber auch in Deutschland würden schwarze Ärzte dringend gebraucht, erzählt sie: "Wenn ich zu einem Dermatologen gehe, dann möchte ich lieber einen schwarzen Arzt haben, weil er meine Probleme besser versteht."

Dass Bildung in Deutschland kostenlos ist, dafür sei sie dankbar. Auch dafür, dass es hier Menschen gibt, die sich um sie kümmern, ohne nach Geld zu fragen. So wie die Familie, die sie aufgenommen hat, als ihre Mutter wegen der Geburt ihrer Schwester im Krankenhaus lag - kurz nach ihrer Ankunft in München war das. Und sie ist dankbar dafür, dass sie abends ohne Angst alleine rausgehen kann. "Das ist in Afrika ganz anders", erzählt sie.

Wenn alles gut geht, möchte sie zum Studieren nach Aachen oder Heidelberg ziehen - raus aus den Unterkünften, die sie als "laut und ungemütlich" beschreibt. Zunächst hofft Kunihira aber darauf, dass bald das lang ersehnte Schreiben ankommt, in dem ihr Asylantrag bewilligt wird. So lange wird sie "abwarten und weiterleben" müssen. Noah Drautzburg

Jawid Dust hat in Afghanistan und in Iran gelebt. Inzwischen wohnt er in München - und hat nun das Gefühl, angekommen zu sein

Im Iran war er der Afghane, in Afghanistan der Iraner. Immer der Fremde, auch später in Deutschland wieder.

(Foto: Robert Haas)

Als Jawid Dust auf einer Wiese im Englischen Garten sitzt und von den Alpen erzählt, wirkt er wie ein normaler junger Münchner. Lässig trägt er eine grüne Kappe, dazu weißes Shirt und Sneaker. Er gehe oft in die Berge, sagt er. Mindestens einmal im Monat. Doch vor wenigen Jahren sah sein Leben noch ganz anders aus.

Geboren in Afghanistan, ist er mit seiner Familie bald in den Iran gezogen. Die meiste Zeit seines Lebens hat Dust dort verbracht, wo "Afghanen nicht so gerne gesehen werden". Sie waren Außenseiter. Er ging zur Schule, später zur Universität, studierte Sportwissenschaft. Dann hieß es, er könne dort nicht bleiben. 2014 musste er zurück nach Afghanistan. Ohne seine Familie lebte er dort ein Jahr lang allein, bevor er im Dezember 2015 nach Deutschland kam.

Schon immer fühlte er sich hin- und hergerissen, was seine Heimat angeht. Iran oder Afghanistan? Oder doch beides? "Ich sage immer, ich habe keine Heimat", sagt Dust und lacht, dann denkt er aber doch über seine Worte nach. Im Iran war er der Afghane, in Afghanistan der Iraner. "Ich war immer der Fremde", sagt er. So war das auch im Dezember 2015. In Deutschland änderte sich sein Leben grundlegend. Die Sprache, die Kultur, die Menschen - alles war anders. Nur das Gefühl, fremd und allein zu sein, kannte er schon. Trotzdem sah er es als Neustart, als "zweiten Geburtstag".

Anfangs sei die Sprache das größte Problem gewesen, erzählt Dust. Lange habe er das Gefühl gehabt, dass ihm die Leute nicht auf Augenhöhe begegnet seien. Sie hätten ihn wie ein Kind behandelt. "Das wollte ich nicht mehr", sagt der heute 27-Jährige. Er zog daraus Motivation, wollte unbedingt Deutsch lernen. Ein Jahr lang habe er nichts anderes getan. Am Ende war er gut genug, um eine Ausbildung als Physiotherapeut an der Heimerer Schule in München zu beginnen.

Vor Kurzem hat Dust die Ausbildung abgeschlossen. Jetzt arbeitet er und finanziert sich so ein begleitendes Studium. Sein Ziel: der Master an der Sporthochschule Köln. Davon habe er schon während seines Studiums in Iran geträumt. Später möchte er im Bereich "Sportphysiotherapie" forschen und lehren. Heute sei er diesem Ziel näher als jemals zuvor.

Mit Sprachenzertifikat, Ausbildung und laufendem Studium hat Dust schon vieles erreicht, seitdem er nach Deutschland gekommen ist. Aber so richtig angekommen fühlt er sich erst seit diesem Jahr. Erst jetzt fühle er sich gleichbehandelt. Die Leute würden sich nicht mehr anders verhalten, wenn sie mit ihm sprechen. Und auch er findet jetzt die passenden Worte, um seine eigene Meinung zu äußern. Er fühle sich immer wohler hier.

Dazu habe auch die Stadt beigetragen. Erst hier hat er, während eines Projekts, seine Liebe zur Natur entdeckt. Er war auch mal in Berlin und Köln. Aber in München gefällt es ihm am besten. Es sei so schön grün. Und natürlich sind die Berge auch nicht weit. Julian Thamm

Alaa Khalaf floh vor dem Kriegsdienst in Syrien nach Deutschland. Inzwischen betreibt ein Ladenlokal im Glockenbachviertel

Alaa Khalaf in seinem Laden Solefood in der Reichenbachstraße, den er zusammen mit einem Deutschen betreibt. Dort kann man sowohl Sneaker kaufen als auch vegetarische, arabische Burritos.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wenn es für Alaa Khalaf ein deutsches Wort gibt, das ihm mehr bedeutet als die vielen anderen, die er in den vergangenen Jahren gelernt hat, dann ist es Bruder. Denn in München hat er mit Philip Mönius einen jungen Mann kennengelernt, der für ihn zu einem Bruder geworden ist. Seit Mai betreiben die beiden das Ladenlokal Solefood an der Reichenbachstraße. Dort kann man hochwertige Sneaker kaufen, die für manche eine Wertanlage sind, aber auch sogenannte Arrabitos. So nennen sie ihre vegetarisch gefüllten, arabischen Teigfladen, die zusammengerollt werden, bevor sie zum Gleich-Essen oder zum Mitnehmen in einer schwarzen Box serviert werden, die einem kleinen Schuhkarton gleicht.

Für Khalaf ist mit dem Laden im Glockenbachviertel ein Traum wahr geworden. Im Juni 2016 kam er als Flüchtling am Münchner Hauptbahnhof an. Noch etwas später und es wäre zu spät gewesen, sagt er, der aus seinem Heimatland Syrien geflohen ist, weil er in die Armee eingezogen werden sollte. Seine Mutter hatte Angst um ihn und schickte ihn fort, einer seiner Brüder war schon früher geflohen, er lebt heute in Berlin.

Nur eine Woche dauerte Khalafs Flucht über den Libanon, die Türkei, Griechenland. Die ersten Monate in München waren hart. Er lebte in einer Flüchtlingsunterkunft, zu zwölft teilten sie sich ein Zimmer. Der heute 34-Jährige wollte schnell die deutsche Sprache lernen, besuchte eine Integrationsklasse und fand einen Job in einem Imbiss, wo er Mönius kennenlernte. Die beiden wurden Freunde, für Mönius gehört Khalaf inzwischen zur Familie. Er war es auch, der ihm half, aus der Unterkunft herauszukommen, in eine eigene Wohnung zu ziehen, Freunde zu finden - und das bayerische Bier schätzen zu lernen.

Khalaf, der bei der Imbiss-Kette, für die er arbeitete, bald eine Filiale leitete, wollte erst einen eigenen Laden. Arabisches Essen sollte es geben, Falafel. Doch allein ging es nicht, das Geld fehlte. Irgendwann kamen er und Mönius, der sich schon lange für Sneaker interessiert, auf die Idee, sich zusammenzutun. Daraus wurde Solefood. Auch Falafel stehen auf der Karte, mit Mango und Kokosnuss.

In Syrien hatte Khalaf bereits ein Geschäft, er verkaufte Kleidung. Daneben arbeitete er als Buchhalter für ein größeres Unternehmen, war beruflich in China und Dubai. Dort musste er für sich selbst kochen. Wie das geht, hat er von seiner Mutter in Damaskus gelernt, eine exzellente Köchin, wie er sagt. Bei Solefood bringt er nicht nur seine Kochkünste ein, Khalaf macht auch die Buchhaltung.

"Ich liebe München", sagt er, der gerne mit Mönius Königspudel Emil an der Isar spazieren geht. Im Moment beansprucht aber der neue Laden viel Zeit und Kraft. In den letzten Monaten hat Khalaf viel abgenommen, erzählt der schlanke große Mann. Manchmal wirkt er wie einer, der sein Glück kaum fassen kann. Dass es so gekommen ist, liegt auch daran, dass er die richtigen Leute getroffen hat. Eine Frau etwa, die sich in der Flüchtlingshilfe engagiert und ihn am Anfang zum Fußball mitnahm, ihm die Stadt zeigte und so beim Ankommen half. Und Mönius natürlich, seinen Münchner Bruder. Ana Maria Michel

© SZ.de/mmo

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