bedeckt München
vgwortpixel

Markt Schwaben:Weltmeister am Flipper-Automat

Spielparadies: Im Keller seines Elternhauses hat Johannes Ostermeier mehrere Flipper zur Auswahl.

(Foto: Christian Endt)

Johannes Ostermeier ist in einem dramatischen Finale als erster Deutscher Flipper-Weltmeister geworden. Mit vier Jahren stand er das erste Mal an einem Automaten - heute ist keiner so schnell wie er.

Die Lage ist völlig aussichtslos, als Johannes Ostermeier seine Wasserflasche zudreht und drei Schritte nach vorne zum Automaten macht. Ein schlanker Mann mit kurzen Haaren, der noch einmal an der Reihe ist, obwohl der Fernsehmoderator in diesem Moment sagt, dass man in diesem Finalduell gerade einen würdigen Weltmeister gesehen habe. Und er meint nicht den schlanken 17-Jährigen aus Deutschland.

Der Italiener Daniele Acciari stand wenige Sekunden vor Ostermeier am Dracula-Flipper, leicht nach vorne gebeugt, im azurblauen Polohemd mit "Team Italia"-Aufdruck, hat minutenlang gespielt, bis selbst ihm, dem vierfachen Weltmeister, die Kugel zwischen den beiden Flipper-Fingern aus Hartgummi durchrutscht. Da leuchtet auf dem Display des Gerätes für Acciari aber schon längst eine vermeintlich uneinholbare Zahl: drei Milliarden. Ostermeiers Score bis dahin: 40 Millionen. Und er hat noch genau eine Kugel.

Johannes Ostermeier steht fünf Monate nach diesem Finale der Flipper-Weltmeisterschaft zu Hause im Keller des Einfamilienhauses seiner Eltern in Markt Schwaben und lächelt nicht. Rechts von ihm sind sechs Flipper-Automaten nebeneinander aufgereiht, links sind es fünf. Sie blinken und düdeln vor sich hin. All das sind Hintergrundgeräusche für einen wie Ostermeier, er nimmt es nicht mehr wahr. Ostermeier spricht über die letzten vier Minuten und 48 Sekunden des WM-Finales mit so einem ausdruckslosen und ruhigen Gesicht, wie er am 7. Juni 2019 auch in Mailand vor dem Automaten stand. Das Duell wurde mit mehreren Kameras live übertragen, Zuschauer konnten auf einem geteilten Bildschirm gleichzeitig Ostermeier von vorne, das Flipper-Spielfeld von oben, die Moderatoren an ihren Mikrofonen und den kleinen Ausschnitt auf dem Automaten mit dem aktuellen Spielstand sehen.

Leben und Gesellschaft Es rumpelt wieder
Flipper-Maschinen

Es rumpelt wieder

Eigentlich war seine Zeit längst vorbei, nur noch Sammler, Museen und Historiker interessierten sich dafür. Doch jetzt ist der Flipperautomat zurück.   Von Stefan Wagner

Man sieht im Fernsehbild, wie Ostermeier sein schwarzes T-Shirt zurechtzupft. Eine Bewegung, wie sie Tennisspieler vor dem Aufschlag machen. Mehr unbewusstes Ritual als bewusstes Bedürfnis, das Shirt zurechtzurücken. Ostermeier legt seine Hände links und rechts auf den hüfthohen Kasten und tippt kurz auf die beiden centmünzengroßen Knöpfe, einer links und einer rechts außen am Kasten, mit denen er die Flipperfinger bedient. Die zittern kurz, noch ein Start-Ritual, dann wird die letzte Kugel ins Spielfeld gerollt.

"Ich war in dem Moment sehr entspannt", sagt Ostermeier im November 2019 im Familienkeller. "Ich wusste, dass ich nichts zu verlieren habe bei dem Spielstand und bereits Vizeweltmeister bin." Im Halbfinale hatte er gegen den Titelverteidiger gewonnen und traf nun im Finale auf den größten Favoriten, die Nummer eins der Flipper-Weltrangliste. Und er hatte dem Gegner bis dahin einen richtig guten Zweikampf geliefert. Es stand nach acht Spielen vier zu vier. Allein das war eine Sensation. Aber die eigentliche kam jetzt erst. Die Moderatoren hatten nun knapp fünf Minuten Zeit, um sich immer neue Superlative zu überlegen.

Beim Flippern muss er sowohl die Kugel als auch das gesamte Spielfeld im Blick haben.

(Foto: Christian Endt)

Wie schnell es gehen kann, war ein paar Minuten vorher in diesem Finale zu sehen, als Ostermeier seine zweite Kugel spielte.

In einem Flipperturnier spielt man immer nacheinander an einem Automaten, jeder Spieler bekommt drei Kugeln. Wer am Ende mehr Punkte erreicht hat, gewinnt. Zeit spielt keine Rolle.

Bei Ostermeiers zweiter Kugel dauerte es exakt zehn Sekunden, um Acciari Platz zu machen. Seine Kugel rollte zum Start einmal die abschüssige Fläche runter auf die beiden Flipperfinger zu, Ostermeier berührte die Kugel drei Mal. Beim dritten Mal schießt er sie hart nach oben, aber nicht in eine kleine Röhre, die Punkte bringt, sondern genau an deren Kante. Mit unverändertem Tempo kommt die Kugel zurück, exakt zwischen die beiden Finger. Kugel weg. Zuschauen, wie Acciari von zwei auf drei Milliarden Punkte erhöht.

Ostermeier stellt regelmäßig neue Bestmarken auf.

(Foto: Christian Endt)

Ostermeier stand mit vier Jahren das erste Mal an einem dieser Automaten, die seit den Sechzigerjahren die Bars und Kneipen der Welt mit Blinken und Bimmeln erfüllen. Ostermeiers Vater war bereits Flipperspieler, der Sohn stellte sich auf einen Stuhl und zockte mit. Er fand zunächst vor allem die Töne und Lichter spannend, merkte aber bald, dass er Talent für das Spiel hatte. Welche Art von Talent?

"Ich bin sehr reaktionsschnell", sagt der schlanke Mann. Früher hat er auch Fußball gespielt, aber was heißt bei einem 17-Jährigen schon früher. Eher neulich noch. "Ich habe da schon gemerkt, dass ich Situationen lesen kann, etwas vorausahnen." So etwas ist auch für einen Flipper-Meister essenziell. Er muss gleichzeitig die Kugel im Blick haben als auch das gesamte Spielfeld. Und er muss darauf achten, wo die Kugel gleich hinrollen könnte.

Wenn Ostermeier im WM-Finale die Kugel nicht an die Kante der Röhre haut, sondern in die Röhre, bekommt er einen sogenannten Multiball. Aber nur, wenn die Röhre gerade leuchtet. Dann hat er für einen gewissen Zeitraum bis zu vier Kugeln gleichzeitig im Spiel und kann dementsprechend besser punkten. Bei mehreren Kugeln ist die periphere Wahrnehmung noch wichtiger. Ostermeier muss dann sowohl mit einer Kugel zielen, die Rollbahn der nächsten berechnen und bei der dritten und vierten zumindest aufpassen, dass sie nicht in den Flipperschlund rollt.