Sanft beugt sich Lilia über ihren Onkel und gibt ihm einen Kuss. Es ist der letzte Kuss, der junge Mann liegt auf dem Totenbett. Lilia ist zur Beerdigung nach Tunesien gereist, sie lebt und arbeitet in Paris. Begleitet wird sie von ihrer französischen Lebensgefährtin, von der Lilias Familie aber nichts weiß. Und auch nichts wissen soll: „Mama, das ist meine Mitbewohnerin Alice“, stellt sie die Frau an ihrer Seite vor. In Lilias Heimatland ist Homosexualität ein gesellschaftliches Tabu, ein Coming-out würde Schande über ihre Familie bringen.
Die Trauerfeier dauert mehrere Tage lang, es tauchen Polizisten und ungebetene Gäste auf. Lilia erinnert sich an ihre Kindheit, gleichzeitig hat sie immer weniger Lust auf Versteckspiele. Als sie erfährt, dass der Onkel unter äußerst rätselhaften Umständen ums Leben gekommen ist und niemand darüber sprechen will, stellt sie selbst Nachforschungen an. Sie trifft seine Freunde und taucht immer tiefer in die queere Subkultur Tunesiens ein.
„À voix basse“ lautet der Originaltitel von Leyla Bouzids drittem Spielfilm, die tunesische Regisseurin wurde damit Anfang des Jahres in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen. Wie in ihrem Langfilmdebüt „Kaum öffne ich die Augen“ (2015) zog es sie auch für diesen Film zurück in ihre Heimat. Sie zeigt eine Gesellschaft, die zwischen traditionellen Zwängen, unausgesprochenen Sehnsüchten und Aufbruch lebt.
Die Hauptrolle der Lilia spielt die Nachwuchsdarstellerin Eya Bouteraa, an ihrer Seite ist unter anderem die international gefragte Schauspielerin Hiam Abbass („Blade Runner 2049“, „Succession“) zu sehen.
Mit leiser Stimme, F/TUN 2026, Regie und Buch: Leyla Bouzid; bundesweiter Kinostart am 9. Juli, der Film läuft in München im City Kino, Leopold, Theatiner und Neues Arena

