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Kinos in München:Das Filmtheater Sendlinger Tor steht offenbar kurz vor dem Aus

Die handgemalten Filmplakate des traditionsreichen Kinos prägen den Sendlinger-Tor-Platz.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Die Zukunft des Filmtheaters Sendlinger Tor, eines der ältesten Kinos der Stadt, ist offenbar in großer Gefahr.
  • Der aktuelle Pachtvertrag endet am 30. Juni. Die Eigentümerin des Hauses findet, es sei die Zeit für Veränderungen gekommen.
  • Das Filmtheater Sendlinger Tor ist eine Institution. In dem Einzelhaus mit 400 Plätzen finden bedeutende Premieren statt, es ist beliebte Spielstätte des Filmfests München und wird regelmäßig mit Kinoprogrammpreisen bedacht.

Gerüchte gab es immer wieder, nun verdichten sie sich: Die Zukunft des Filmtheaters Sendlinger Tor, eines der ältesten Kinos der Stadt, ist offenbar in großer Gefahr. Schon am 30. Juni endet der aktuelle Pachtvertrag, die Hauseigentümer und die Betreiberfamilie des Filmtheaters sind zum Teil zerstritten. Selbstverständlich geht es dabei auch um Geld.

Für die eine Seite ist in diesem Sommer unumstößlich Schluss mit dem Kino unter der Führung von Fritz und Christoph Preßmar, sie selbst glauben noch an eine Fortführung. "Ich gebe nicht kampflos auf", sagt Fritz Preßmar auf Nachfrage der Süddeutschen Zeitung. Doch Birte Winkelmann, die Eigentümerin und Hausverwalterin, findet: "Es ist die Zeit gekommen. Veränderungen sind nötig." Wie der Konflikt endet, ist offen, ein juristischer Streit möglich. Ein Kino-Krimi bahnt sich an.

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Das Filmtheater Sendlinger Tor ist eine Institution. In dem Einzelhaus mit 400 Plätzen finden bedeutende Premieren statt, es ist beliebte Spielstätte des Filmfests München und wird regelmäßig mit Kinoprogrammpreisen bedacht, zuletzt im Sommer 2019. Da schwärmte die Jury der Landeshauptstadt: "Der prächtige Bau ist mit Garderobe und Balkon ausgestattet wie ein kleines Opernhaus." Es war die Rede von "gehobenem Kinogenuss" und einem ausgezeichneten "Programm an diesem traditionsreichen Ort der Stadt".

Ein Aus des mehr als 100 Jahre alten Filmtheaters wäre ein weiterer arger Verlust für die Münchner Kinolandschaft. Erst im vergangenen Jahr haben zwei Traditionshäuser den Betrieb eingestellt, zunächst das 111-jährige Gabriel in der Dachauer Straße und im Sommer dann die Kinos Münchner Freiheit, die Mitte der Neunzigerjahre eröffnet worden waren.

Der jüngste Fall scheint noch komplizierter zu liegen, denn es handelt sich, anders als damals in Schwabing, nicht um eine Insolvenz infolge gestiegener Mieten. Geht es nach den Hauseigentümern am Sendlinger Tor, vertreten durch die Münchner WIFA Vermögensverwaltung GmbH, wird schlicht der Pachtvertrag nicht verlängert. Gekündigt worden sei fristgerecht, mindestens ein Jahr vorher. "Es ist richtig, der Vertrag läuft zum 30. Juni aus, daran werden wir festhalten", bestätigt Birte Winkelmann. Sie ist Geschäftsführerin der WIFA, die die Interessen der Familien Winkelmann und Kraemer vertritt, denen das Haus aus dem Jahr 1913 gehört.

Das Kino wurde 1913 gegründet.

(Foto: oh)

Preßmar, der das Kino gemeinsam mit seinem Sohn betreibt, bestätigt die Kündigung. "Frau Winkelmann hat bereits 2019 mehrmals versucht zu kündigen", sagt er. Allerdings habe er dies nicht akzeptiert. Er habe alles über seine Anwaltskanzlei juristisch zurückgewiesen, jedoch ohne Resonanz. Winkelmann habe nicht alle Vollmachten nachweisen können, argumentiert Preßmar. "Deshalb gehe ich davon aus, dass ich auch nach dem Sommer noch das Kino haben werde." Der Vertrag habe sich um weitere fünf Jahre verlängert. Das habe er Winkelmann auch schriftlich so mitgeteilt. "Es wäre eine Einstimmigkeit erforderlich gewesen."

Um das zu verstehen, muss man die Verflechtungen kennen, die es zwischen dem Haus am Sendlinger-Tor-Platz und dem 1913 von Carl Gabriel eröffnete Kino gibt. Offizieller Mieter ist die Filmtheater Sendlinger Tor GmbH. Als deren Gesellschafter fungieren aber nicht nur Vater und Sohn Preßmar, sondern auch Mitglieder der Familien Kraemer und Winkelmann. "Das ist schon delikat", sagt Preßmar, "als Hausbesitzer kündigen sie mir, als Gesellschafter verletzen sie das Vertrauensverhältnis."

An längst vergangene Zeiten erinnern alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen.

(Foto: Sendlinger Tor Lichtspiele/oh)

Ein weiteres Detail macht die Angelegenheit sogar noch spezieller: Preßmars Hoffnung ("mein rettender Strohhalm sozusagen") beruht auf seiner Einschätzung, dass einer der Hauseigentümer nicht mitziehe bei den Kündigungsvorstößen der Hausverwaltung. Das ist die angeblich fehlende Vollmacht, zu der Birte Winkelmann aber keine Stellung beziehen will.

"Sie will mehr Miete", das ist für den Kinochef klar. Wie genau diese aussehen soll, das wisse er aber nicht, womöglich gehe es um eine Festmiete. Bisher besteht die Pacht nach seinen Angaben aus einer prozentualen Beteiligung am Umsatz des Kartenverkaufs. "Wir haben es in den letzten 75 Jahren immer geschafft, schwarze Zahlen zu schreiben", sagt Preßmar und betont, dass die wirtschaftliche Grundlage nach wie vor stimme. Er könne das Kino "weitere zehn bis 15 Jahre ohne Probleme betreiben", sagt er. Klar, die allgemeine Besucherentwicklung ist über die Jahrzehnte rückläufig, wie überall. Aber das Filmtheater Sendlinger Tor gehört nach wie vor zu den umsatzstärksten 20 Prozent aller Kinosäle in Deutschland. Das geht aus einer Bilanz der Filmförderungsanstalt (FFA) hervor, die auf Preßmars Zahlen fußt.

"Sie haben an diesem Kino Millionen verdient", sagt er in Richtung der Eigentümer. Mehrere Angebote habe er Winkelmann gemacht, darunter eine garantierte Gesamtmiete, einen Kooperationspartner, angeblich sogar den Verzicht auf sein Gehalt als Geschäftsführer der GmbH. "Sie ist nicht darauf eingegangen." Aber 50 000 Euro mehr im Jahr, die könne und wolle er sich nicht leisten, sagt er. Preßmar sieht das so: "Solange sie keinen Nachmieter vorweisen kann, der eine signifikant höhere Miete zahlen kann, hat sie schlechte Karten." Von Umbaumaßnahmen, Genehmigungen und anderem ganz zu schweigen. Er habe Interessenten kommen und gehen sehen in den vergangenen Jahren, auch aus dem Club-Leben.

Den Kampf ums Überleben, den führten die Preßmars vor fünf Jahren schon einmal, als der damalige Pachtvertrag auslief.

Birte Winkelmann erhebt ihrerseits schwere Vorwürfe. "Das Kino ist komplett veraltet", sagt sie. "Es ist nicht zumutbar, dass man Menschen da reinlässt." Eine Unterstellung, die Preßmar mit Vehemenz zurückweist. 1997 habe er "eine Stange Geld" in die Hand genommen und grundsaniert, unter anderem elektrische Leitungen erneuert. Längst sei auf digitale Projektion umgestellt, mit allem drum und dran. Aktuell plane er weitere Investitionen, etwa eine neue Bestuhlung zum Beispiel.

Filmtheater am Sendlinger Tor in München, 2009

Tempelartige Großzügigkeit mit rotem Plüsch und Empore empfängt die Besucher im Filmtheater am Sendlinger Tor.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Wir hätten das Kino gerne weiterbetrieben", beteuert Winkelmann. Ein klares Bekenntnis zu den Preßmars klingt anders. "Wir warten auf eine gütliche Einigung", kündigt sie an. Der Seniorchef des Kinos macht unterdessen weitere konkrete Lösungsvorschläge. Er könne sich etwa eine Art Förderverein vorstellen, um zusätzliches Geld zu generieren. Die Hoffnung stirbt für ihn zuletzt. "Ich bleibe drin", sagt der 75-Jährige selbstbewusst. Verständlich, hat Preßmar doch bereits im Januar 2011 sein anderes Kino, das Tivoli-Theater an der Neuhauser Straße, schließen müssen. Im Unterschied zum Kino am Sendlinger Tor war jenes Lichtspielhaus jahrelang defizitär.

Auf der Webseite des Filmtheaters Sendlinger Tor, unter der Rubrik "Historie", steht ein Satz, den der Gründer Carl Gabriel seinerzeit bei der Eröffnungsrede 1913 gesagt haben soll. Es ist ein poetischer Satz, der lange nachhallt: "Beseelt vom langgehegten Streben, der neuen Kunst, wie ihr gebührt, den würdigen Rahmen auch zu geben, ward dieser Prachtbau ausgeführt."

© SZ vom 05.02.2020/kaal

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