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Filmball im Bayerischen Hof:Bis die ganze Branche eskaliert

Der Deutsche Filmball im Bayerischer Hof - mit Florian David Fitz, Karoline Herfurth, Elyas M'Barek und Jessica Schwarz.

Da waren alle noch trocken: Florian David Fitz versucht sich zunächst erfolglos an der Schampusfontäne, Jessica Schwarz, Karoline Herfurth, Lena Schömann und Elyas M'Barek (v. l.) sehen zu.

(Foto: Florian Peljak)

Florian David Fitz versucht sich an der Schampusfontäne, Jessica Schwarz dreht auf und Moritz Bleibtreu steigt auf Longdrinks um: Wie der Abend beim Filmball von einer gediegenen Gala zur Promi-Party wurde.

Von Philipp Crone

Florian David Fitz vermasselt es. Um kurz nach halb neun am Samstagabend blitzt es zum ersten Mal im Ballsaal des Bayerischen Hofs. Bis dahin wurden die Gäste des 47. Deutschen Filmballs draußen auf dem roten Teppich abgelichtet, aber jetzt geht es im Saal zur Sache. Für die Fotografen ist die Jagd auf das Bild des Abends eröffnet und Fitz verspricht ein gutes Motiv herzugeben.

Der Darsteller hat gerade am Tisch der Constantin Film von Moritz Bleibtreu eine Flasche Ruinart herübergereicht bekommen, schüttelt sie und zerrt am Korken, dass die Umsitzenden schon das Gesicht verziehen. Elyas M'Barek lächelt noch, dreht sich dann aber schnell weg, Karoline Herfurth reißt den Mund auf und Jessica Schwarz zückt das Handy. Dann ploppt der Korken und zwanzig Fotografen, die sich breitbeinig vor dem Tisch um die beste Position drängen, blitzen los. Aber es tröpfelt nur aus der Flasche. Sekunden später, es hat schon wieder aufgehört zu blitzen, spritzt es dann so gewaltig, dass selbst Iris Berben zwei Stühle weiter voll erwischt wird. Fitz sagt gespielt betrübt: "Die schlechteste Variante: Alle voll mit Champagner, aber kein gutes Bild." Darum geht es ja an diesem Abend, Champagner und gute Bilder, aber anders: Champagner in den Gästen und nicht auf ihnen, und wenn schon, dann vorher wenigstens eine formidable Fontäne fürs Foto.

Damit ist zumindest ein Teil der Frage beantwortet, die vorher ein junges Mädchen draußen im Foyer gestellt hat: "Worum geht es hier eigentlich?" Drei Kinder sind es, die mit Stiften und gezückten Blöcken durch die Reihen der Herren in Smoking und Damen in Abendkleidern wuseln, ebenfalls auf der Jagd, allerdings nach Autogrammen. Ihre Familie wohnt zufällig an diesem Wochenende im Bayerischen Hof, die Chance muss man nutzen. Stellt sich nur gleich die nächste Frage. "Woran erkennt man denn die Stars?"

Jessica Schwarz zum Beispiel, die mit der Crew des Films "Das perfekte Geheimnis" da ist, sieht in ihrem goldenen Glitzerkleid aus wie eine Filmdiva und ist auch eine, wobei es um sie herum genug Frauen in ähnlich schillernden Roben gibt, die keine Schauspieler sind. Von den eintausend Gästen, die sich im Saal drängeln, sind etwa 800 zahlende Besucher, die gerne den 200 verbleibenden Schauspielern, Produzenten und Regisseuren nahe sind, wenn die sich feiern. Und von den 200 kommen für die drei jungen Autogrammjäger ohnehin nur 20 in Frage. Schwarz natürlich, die aber zunächst Regisseur Detlev Buck begrüßt und ihm vom Vorabend beim Bayerischen Filmpreis erzählt. "Ich hab bei der Party einen Ohrring und mein Handy verloren, zum Glück hat Bjarne Mädel es gefunden." Für Schwarz ist die entscheidende Frage: "Wann kann man heute hier die Schuhe ausziehen?" Sie ist auch an diesem Abend entschlossen, ordentlich zu feiern. Aber zunächst muss man sich noch eine Weile benehmen.

Der Wiener Schauspieler Nicholas Ofczarek ("Der Pass") tritt aus dem Aufzug, er spart sich den roten Teppich draußen und damit eine etwa 50 Meter lange Brüllschleuse, in der man von Dutzenden Fotografen und Kameraleuten angeschrien wird, doch bitte in ihr Objektiv zu schauen und noch lieber gleich eine blödelige Pose dazu zu machen. Ofczarek sieht Schwarz, die in ihrem Glitzerkleid wirklich unübersehbar ist, und herzt sie kurz. "Lebst du noch in Wien?", fragt er. Nein. Es folgen vier Sätze zum letzten Urlaub und weiter geht's, Schwarz in die eine, Ofczarek in die andere Richtung, "Mia seng si", ruft er ihr nach, das Wienerische "Wir seh'n uns."

Die erste Phase des Abends geht langsam zu Ende. In der suchen die Gäste ihre Angehörigen für den Ball, die Schauspieler also Kollegen und Filmverleiher, mit denen sie am Tisch sitzen. Die drei kleinen Autogrammjäger überfallen dann noch Oliver Masucci, den Hitler-Darsteller aus "Er ist wieder da". Der muss sich dann aber sputen, gleich wird der Ball eröffnet und er kann ja nicht auf direktem Wege zu seinem Tisch. Üblicherweise ist die Schauspielerroute: aus dem Aufzug, im Foyer nach Kollegen suchen, zusammen in den ersten Stock zum Vorempfang des Filmverleihers gehen, der einen zum Ball eingeladen hat. Bei Masucci ist das die Bavaria Film, mit dem er gerade "Enfant terrible" gedreht hat, ein Film über den Regisseur Rainer Werner Fassbinder. Nach dem Vorempfang geht es zurück nach unten, raus, über den roten Teppich, sich anbrüllen lassen und über seine Fassbinder-Rolle sprechen, rein, in den Saal, Tisch suchen, Platz suchen, setzen, trinken, umsehen.

Es gibt an so einem Abend ja nicht nur bekannte Darsteller zu sehen. Andere bemühen sich, optisch auf sich aufmerksam zu machen. Eine Dame stöckelt in einer Art Kettenhemdkleid vorbei, ergänzt durch Nietenhandschuhe, eine junge Frau trägt das linke Bein in Gips. Wobei das keine Verkleidung ist, sondern einer Operation vor sechs Tagen geschuldet. Ria Schwendinger, 21, war bis vor kurzem professionelle Eistänzerin aus Oberstdorf und ist nun mit ihrer Mutter hier, die vor fünf Jahren das marode Kino im Ort ersteigert hat, "das südlichste Deutschlands". Die beiden wollen Schauspieler für Events in ihr Kino locken. Einen Promi kennt die Tochter auch schon, "Elyas M'Barek!", allerdings nur von weitem aus einem Münchner Fitnessstudio. An diesem Abend ist der auf Werbemission für seinen Film "Nightlife" mit Palina Rojinski. Die beiden machen sich einen Spaß daraus, durch den Saal zu schlendern, umringt von 15 sich gegenseitig wegdrängelnden Fotografen. Masucci hat da endlich seinen Platz gefunden, die erste Foto-Welle ist durch, für die Jessica Schwarz sich auf Florian David Fitz' Schoß gerekelt hat, das Kalbsfilet wird aufgetragen.

Filmball Bayerischer Hof, roter Teppich

Blitzlichtgewitter: Reichlich zu tun gab es für die Fotografen am roten Teppich.

(Foto: Florian Peljak)

Anne Ratte-Polle ist noch mitgenommen vom Vortag, an dem sie als beste Darstellerin beim Filmpreis geehrt wurde. Die Trophäe kam ihr in der Nacht auch prompt abhanden. "Ich hab den Pierrot im Schumann's vergessen, ein Klassiker, hat man mir gesagt." Ratte-Polle ist dann aber doch auch schnell wieder partybereit. "Das Leben ist kurz, man muss es feiern." Und das können sie ja in dieser Branche. Die Tische sind gleich nach dem Hauptgang leer, die Tanzfläche und das Casino im ersten Stock dafür voll, alles also wie immer.

Detlev Buck sagt: "Es hat sich nichts verändert seit 25 Jahren." Und für Mario Adorf, der noch viele Jahre früher zum ersten Mal den Ball besuchte, ist es immer "ein sehr schönes Déjà-vu". Wie dieser Abend ganz elegant von der gediegenen Gala zur handfesten Fete abrutscht.

Entscheidend auf diesem Weg ist Moritz Bleibtreu. Er ist nicht nur der erste, der auf Longdrinks umsteigt, sondern auch der erste, der sich eine Zigarette anzündet und damit den offiziellen Teil des Abends beendet. Wenn es nicht mehr nach Parfum, sondern nach Rauch riecht, darf die Branche eskalieren. Also schmeißt sich Schwarz dem Kollegen Clemens Schick um den Hals und tanzt so wild, dass die Umstehenden sofort auf Sicherheitsabstand gehen. Adorf dreht eine Runde und erblickt Heiner Lauterbach. Als der nicht gleich reagiert, setzt der 89-Jährige beide Zeigefinger an die Lippen und pfeift, dass einige zusammenzucken. Lauterbach springt auf und umarmt Adorf. Damit ist um kurz vor Mitternacht die letzte Phase des Abends eingeleitet. Weniger reden, mehr umarmen, Arme auf Schultern legen, tanzen.

Als der Nachtisch verspeist ist, läuft Katja Riemann mit ausladenden Gesten durch die Reihen und zieht mit ihrer typischen wirrwitzigen Aura die letzten Ernsthaften mit rein in die sich ausbreitende Ausgelassenheit. Auf der Tanzfläche rollt die Polonaise, Christiane Paul lässt sich herumwirbeln, Sibel Kekilli herzt Masucci, Ochsenknecht umarmt Lauterbach. Die Fotografen haben den Saal verlassen. Keine Bilder mehr, keine Eigenwerbung, nur noch Drinks, Tanz und Rauch, diese entrückte Atmosphäre, in der man alles um sich herum vergisst, auch Handys und Trophäen.

© SZ vom 20.01.2020
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