Süddeutsche Zeitung

Produktion für Instagram:Ein Quickie zwischen zwei Vorlesungen

Zwei Filmstudierende drehen die Kurzfilm-Serie "Schlechter Sex". Darin gehen sie ein Thema mit Humor an, über das junge Menschen nicht so gerne sprechen.

Ein Abend in München. Benjamins Besuch ist gerade gegangen. In der WG-Küche unterhält er sich mit Merit und Walter, seinen beiden Mitbewohnern. Hart unbefriedigend sei das heute gewesen, mit Ernesto. Vorhin hatte Benjamin sich das Sperma aus dem Gesicht gewischt. "Lässt du die Typen eigentlich öfter in deinem Gesicht kommen?", fragt Walter. "Ja, machst du das nie mit Lukas?" sagt Benjamin und runzelt die Stirn. Im Hintergrund setzt sich Merit auf die Couch, sie will eine Champagnerflasche sabrieren, also ihren Kopf abschlagen - mit dem Handy. Es gelingt ihr.

"Das Sabrieren haben wir tatsächlich öfters geübt, auf dem Geburtstag unseres Kameramanns zum Beispiel", sagt Paul Feldmann, 24, Student an der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF). Benjamin, Merit und Walter existieren allerdings nicht. Die drei werden von jungen Schauspielern verkörpert. Sie sind die Protagonisten der Serie "Schlechter Sex". Das Drehbuch der Serie stammt aus Pauls Feder. Seine Kommilitonin Melissa Byrne, 22, übernahm die Produktion.

Es ist eine Serie, die man im Bereich "Vertical Storytelling" verortet, weil sie ausschließlich für das Smartphone produziert ist. Vertikal? Schlechter Sex? In Deutschland, so Paul und Melissa, seien Verticals noch relativ unbekannt. In Asien hingegen gibt es viele Serien, die in diesem Format produziert werden. Asiatische Sex-Serien auf dem Smartphone? Die beiden lachen. "Nein, natürlich geht es in den asiatischen Serien um andere Themen, aber der Inhalt und das Format passen bei ,Schlechter Sex' einfach gut zusammen", sagt er. Und nein, "Schlechter Sex" ist auch kein Porno. Es ist eine Comedy-Serie, die mit viel Humor das Thema angeht, über das niemand so gern spricht. Nämlich: Jung zu sein und schlechten Sex zu haben.

Am Anfang war die Idee, eine Serie zu schaffen, in der es um das geht, was viele junge Menschen suchen: richtig guten Sex. Alle suchen ihn. Keiner hat ihn so wirklich. Oder doch? "Jeder kann schlechten Sex haben, egal ob man hetero- oder homosexuell ist. Sex und Liebe gibt es in allen Schattierungen", sagt Paul. Bei "Schlechter Sex" spielen queere Menschen die Hauptrolle - nur Merit, "die Hete", wie sie von Benjamin in der Serie genannt wird, ist heterosexuell. Schlechter Sex behandelt intime Themen: junge Menschen, die sich ausprobieren, die auf Tinder unterwegs sind, die jemanden suchen, der zu ihnen passt. Oder nur das nächste Abenteuer. Das Format spielt hier eine tragende Rolle. "Schauspieler und Zuschauer kommen sich durch das Vertical-Storytelling sehr nah", sagt Melissa. Die beiden HFF-Studierenden sind sich einig: "Man schaut ja oft alleine etwas auf dem Smartphone an. Vielleicht abends. Im Bett vor dem Schlafengehen. Das passt zu unserem Inhalt. Wir wollen zu den Leuten ins Bett."

Früher saß man vor dem Fernseher auf dem Sofa, während eine Serie lief, in der Menschen ebenfalls auf einem Sofa saßen. Oder sich um das Sofa herum bewegten. "Schlechter Sex" spielt eher in Betten. Da können die Zuschauer es sich kuschelig im Bett zu Hause machen und die Serie auf dem Handy gucken. "Was in den Neunzigerjahren das ikonische Sofa in Serien à la ,Friends' gewesen ist, das ist jetzt bei uns das Bett in ,Schlechter Sex'", sagt Drehbuch-Autor Paul.

Eine Folge "Schlechter Sex" dauert ungefähr vier Minuten. Man muss das Handy also gar nicht lange halten. Auch für solche kurzweiligen Formate gibt es einen Fachbegriff, den Melissa und Paul benutzen: Snackable Content. Schlechter Sex zum Mitnehmen. Eignet sich auch mal zwischen zwei Vorlesungen, wenn man nicht im Bett sein kann.

Die Serie wurde zwar für Instagram produziert, dennoch ist die Qualität der Videos sehr hoch. Gedreht wurde nicht etwa mit der Smartphone-Kamera, sondern mit professionellem Equipment. Eine kleine Herausforderung war das Format ab und an allerdings schon: "Die Kameras wurden so umgebaut, dass vertikal gefilmt werden konnte. Am Set haben wir jeden Monitor dann so um 90 Grad gedreht", sagt Melissa. Und eine Wohnung in München hat das Film-Team mit Liebe zum Detail für die Serie eingerichtet. "Uns ist dann schnell aufgefallen, dass man von der Wohnung in der Serie ja eigentlich gar nicht viel sieht", berichtet Paul. Außer eben die wenigen Schauspieler und ihre Dialogwechsel. Aber zwei Personen in einem Bild, das passe wunderbar.

Die ersten beiden Folgen von "Schlechter Sex" ließen sich bis vor Kurzem auf Instagram auf dem gleichnamigen Profil ansehen. Aktuell ist dies nicht mehr möglich, denn "Instagram durchforstet gerade einige Profile auf expliziten Inhalt", wie Melissa sagt. Da schon im Profilnamen das Wort "Sex" auftaucht, wurde der Account wohl vorübergehend eingestellt, obwohl die Szenen in den Videos eher harmlos sind - im Vergleich zu dem, was sonst so im Internet zu finden ist. "Wir sind deshalb auch schon mit Instagram in Kontakt", sagt Melissa.

Die Realisierung der ersten beiden Folgen wurde unterstützt von der HFF, dem Freundeskreis der HFF München und dem Bayerischen Rundfunk, da es sich um ein Uni-Projekt von Paul und Melissa handelt. Dadurch hatten sie die Möglichkeit zu testen, wie Format und Inhalt bei einem potenziellen Publikum ankommen. Jetzt sind die beiden in verschiedenen Gesprächen in der Branche, um weitere Episoden dieser Serie drehen zu können. "Große Firmen wie Disney und HBO versuchen, für mobile Endgeräte zu produzieren. Weil unsere Generation eben so sehr mit dem Handy verwachsen ist", sagt Melissa. Es tut sich also gerade ein Markt auf, für vertikale, kurze Formate wie "Schlechter Sex". Paul und Melissa haben das erkannt. Im deutschsprachigen Raum gibt es bisher noch nichts Vergleichbares.

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SZ vom 23.12.2019/vewo
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