Film-Kollektiv:Alle für einen

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Film-Kollektiv: Das Kollektiv Drehmetrie dreht seit 2019 zusammen Kurzfilme aller Art. Doch nicht nur das perfekte Ergebnis verbindet sie. Hinten am Klavier von links: Mori Möhwald (rosa Pulli), Victor Solms und Paul Hordych. Am Boden von links: Derik Rodrigues, Lea Grande, Lilli Biedermann, Leander Hartung und Paul Hirschauer.

Das Kollektiv Drehmetrie dreht seit 2019 zusammen Kurzfilme aller Art. Doch nicht nur das perfekte Ergebnis verbindet sie. Hinten am Klavier von links: Mori Möhwald (rosa Pulli), Victor Solms und Paul Hordych. Am Boden von links: Derik Rodrigues, Lea Grande, Lilli Biedermann, Leander Hartung und Paul Hirschauer.

(Foto: Florian Peljak)

Das Kollektiv Drehmetrie verbindet mehr als nur die Freude am Kino: Die jungen Filmemacher wollen alle auf die Filmhochschule - wären da nicht die harten Aufnahmeverfahren und die begrenzten Plätze. Statt zu konkurrieren, helfen sie sich gegenseitig.

Von Elena Nieberle

Sie sind Freunde geworden. Freunde, die immer füreinander da sind. Freunde, die sich gegenseitig helfen. Die Hilfe kann dazu führen, dass sie sich - im Erfolgsfall - seltener sehen. Aber das nehmen sie in Kauf.

Sie sind jung, voller Energie und sie verbindet die Liebe zum Filmemachen. Das Kollektiv Drehmetrie dreht seit 2019 zusammen Kurzfilme aller Art. Was zunächst nur ein gemeinsames Hobby ist, wird schnell zur Leidenschaft. Deshalb wollen sich einige Filmbegeisterte des Kollektivs an einer Filmhochschule bewerben. So auch Lea Grande, 27. Ihr Traum ist es, Regie zu studieren.

Dieser Wunsch hat für sie mit einem Zufall begonnen. Lea erzählt von einem Projekt des Kollektivs, bei dem spontan eine Person für Regie abgesprungen ist. Daraufhin hat Lea diesen Part übernommen. "Da habe ich gemerkt, dass das meine Leidenschaft ist." Seitdem hat sie sich schon an verschiedenen Filmhochschulen beworben. Bislang vergeblich.

So eine Bewerbung ist zunächst gar nicht so einfach. Oft sind die mehrstufigen Bewerbungsverfahren mit sehr viel Zeit, Kosten und Aufwand verbunden. Dort wird von Bewerberinnen und Bewerbern meist verlangt, einen Kurzfilm über bestimmte Themen zu drehen. Eine solche Aufgabe ist nicht immer leicht. Denn die Bewerberinnen und Bewerber müssen unter Zeitdruck Filme machen, die dem Anspruch der Filmhochschulen genügen.

Deshalb leistet das Kollektiv besonders an dieser Stelle gegenseitige Unterstützung. Bei den verschiedenen Projekten springt jeder dort ein, wo er kann. "Was schon interessant an der Grundidee und an Drehmetrie ist, dass wir alle richtig Lust haben, uns in verschiedensten Sachen zu helfen. Jeder von uns hat schon die diversen Gewerke durchgemacht, von Schauspiel und Licht, aber auch Ton und Produktion sowie Catering. Ich habe das Gefühl, wir sind da groß am Durchwechseln", sagt Moritz Möhwald, 23, ebenfalls Mitglied des Kollektivs.

Auch Lea hat sich im vergangenen Jahr für eine Filmhochschule in Wien beworben. Durch Drehmetrie ist ihr die Hürde des Auswahlverfahrens einfacher gefallen. Denn trotz ihrer kurzfristigen Entscheidung für die Bewerbung waren die anderen Mitglieder sofort zur Stelle. "Man schnipst und kann einen Film drehen", sagt sie. So ist ihr Film "Wasser" entstanden, bei dem es um die Erkennung des eigenen Körpers geht.

Protagonist des Films ist Moritz. Dass bei den Bewerbungsfilmen des Kollektivs oft Gesichter mehrmals auftauchen, hängt damit zusammen, dass das Kernteam nicht nur hinter der Kamera, sondern auch davor durchwechselt. "Jeder von uns war da mal schauspielerisch aktiv", sagt Moritz.

"Hätte ich das Kollektiv nicht, wüsste ich nicht, wie ich das machen soll."

Mit "Wasser" hat Lea es immerhin in die dritte von vier Bewerbungsrunden in Wien geschafft. Auch wenn es nicht für einen Studienplatz gereicht hat, ist sie trotzdem dankbar für die Erfahrung. "Ich hatte den Eindruck, dass ich den Film für mich persönlich mache."

Mit einem Fingerschnipsen einen Film drehen zu können, ist eine seltene Erfahrung für die meisten Filmschaffenden. Durch die Kosten für die Bewerbung "ist es allein schon ein Privileg, sich an der Filmhochschule bewerben zu können", sagt Lea. Neben den Darstellenden muss beispielsweise die Technik ausgeliehen oder das Catering bezahlt werden. Sie erzählt, dass dadurch eine Bewerbung Tausende Euro kosten kann. "Hätte ich das Kollektiv nicht, wüsste ich nicht, wie ich das machen soll."

Bei der Frage, wer es schon geschafft hat, für einen Studienplatz angenommen zu werden, kommentiert Moritz im Gelächter des Kollektivs: "Paul, ich glaube, du bist der Einzige, der diese Frage beantworten kann, ohne in Tränen auszubrechen." Paul Hordych, 22, studiert seit Oktober Regie an der Filmuniversität in Babelsberg, Potsdam. Er erzählt, dass das Filmemachen für ihn eine gemeinschaftliche Erfahrung ist. "So etwas wie Drehmetrie habe ich hier in Berlin noch nicht gefunden", sagt er.

In Tränen ausbrechen muss natürlich keiner, eine Übertreibung unter Freunden. Konkurrenzgedanken finden untereinander keinen Platz. "Klar ist man traurig, dass es für einen selbst nicht klappt. Das heißt aber nicht, dass man sich für die andere Person weniger freut", sagt Lea.

Für die meisten Filmschaffenden des Kollektivs beginnt dieses Jahr wieder eine neue Bewerbungsrunde. "Da könnt ihr euch gleich schon mal freinehmen", sagt Lea zum Kollektiv, sie weiß, wovon sie spricht: Sie hat sich bereits zweimal beworben. Moritz beschreibt die Zeit als "brutale drei Monate".

Woher kommt die Motivation, es trotzdem Jahr für Jahr zu versuchen? Lea hat bereits ein abgeschlossenes Ingenieurstudium hinter sich, das ihr wenig Spaß gemacht hat. Sie träumt davon, dass die nächste Studienzeit eine tolle Zeit werden soll. "Ich möchte mir selbst den Traum erfüllen, etwas zu studieren, was mich interessiert."

Die junge Münchner Filmszene ist gut vernetzt, alle sind hilfsbereit

Ein großer Faktor für die Umsetzung der Filmprojekte von Lea und den anderen ist dabei die junge, vernetzte und hilfsbereite Filmszene Münchens. "Da haben wir echt Glück mit München", sagt Moritz. Drehmetrie ist Ausgangspunkt für eine weitere Vernetzung der Münchner Filmszene. Es gibt eine kleinere WhatsApp-Gruppe mit dem Kernteam des Kollektivs und noch eine größere mit anderen Filmschaffenden aus München.

"Das hat sich toll etabliert. Wenn man ein Projekt hat oder etwas Spezifisches braucht, kann man in diese Gruppe eine Frage stellen. Egal, was gebraucht wird: Irgendjemand hat Zeit", sagt Lilli Biedermann, 23 - ganz egal, ob jemand für Ton oder Kostüme gesucht wird.

Sie studiert Theologie und ist die Einzige im Kollektiv, die sich in diesem Jahr für keinen Filmstudienplatz bewerben wird. Unterstützung leistet sie trotzdem. Denn der Zusammenhalt untereinander ist groß. Wichtig für die Dreharbeiten ist es also, Einfühlungsvermögen füreinander zu haben.

Damit das nicht vergessen wird, haben sie im vergangenen Jahr bestimmte Regeln festgehalten. Der Titel der Liste: "Amore 22". "Dadurch, dass die Drehs meist stressig, mit wenig Zeit und Geld funktionieren müssen, besteht schon die Gefahr, dass man vergisst, um was es eigentlich geht - die Liebe am Tun", sagt Moritz.

Das Kollektiv ist wie eine Familie, mit der alles geteilt werden kann

Das unterscheidet die Arbeit im kleineren Kollektiv zum Teil von größeren Produktionen. Im Vergleich dazu sieht Lea die Stimmung bei Projekten von Drehmetrie als sehr harmonisch. Sie war dieses Jahr bei zwei größeren Kinofilmproduktionen dabei. Dort hat sie bemerkt, wie anders der Umgangston in einer so großen Branche miteinander sein kann. "Es ist einfach super wichtig, dass man die Empathie nicht verliert. Und das versuchen wir einzuhalten."

Das ist nicht nur für die Arbeit wichtig, sondern auch für das Zwischenmenschliche. Denn in der engen Zusammenarbeit haben sich Freundschaften zwischen den Filmschaffenden gebildet. Lea empfindet das Kollektiv mittlerweile wie eine Familie, mit der alles geteilt werden kann, ohne dafür verurteilt zu werden. "Das gibt einem einfach Kraft und Durchhaltevermögen."

Dieses Gemeinschaftsgefühl sieht sie auch über die Jahre bestehen. Auch, wenn dann vielleicht nicht mehr alle Teil von Drehmetrie in München sind - vielleicht, weil es endlich mit dem Studienplatz klappt. Für sie ist dennoch klar: Wenn jemand aus dem Kollektiv Unterstützung bei einem Projekt braucht, ist sie da, um zu helfen. "Ich glaube, dass wir auch dann, wenn wir alle an Filmhochschulen angenommen werden, trotzdem noch zusammen Filme machen. Wenn auch nicht mehr so oft."

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