„Festival of Future Storytellers“ in MünchenWie die künstliche Intelligenz den Filmnachwuchs prägt

Lesezeit: 3 Min.

Computergeneriert und doch berührend: Szenenbild aus dem Festivalfilm „Woodland“ von Jim Obmann, Emil Pogolski und Vanessa Chu.
Computergeneriert und doch berührend: Szenenbild aus dem Festivalfilm „Woodland“ von Jim Obmann, Emil Pogolski und Vanessa Chu. (Foto: Festival of Future Storytellers)

Inspirierendes Werkzeug oder Motor zur Verdummung? Das Thema KI beschäftigt auch Studierende der Filmhochschulen. Beim „Festival of Future Storytellers“ in München überrascht vor allem ein Trend.

Von Anna Steinbauer

Wie findet man als junger Filmemacher die eigene Handschrift? Und welche Geschichten sind es Wert, erzählt zu werden? Neu sind diese Fragen nicht, die einem in den Filmgesprächen und auf den Panels des Festival of Future Storytellers (FOFS) immer wieder begegneten, das jüngst größtenteils an der Münchner Filmhochschule stattfand. Neu ist aber der Name des Festivals, das bisher als Filmschoolfest bekannt war. Durch die Umbenennung rücken die beiden Leiter Christoph Gröner und Julia Weigl das Storytelling in den Fokus und entfernen sich von der Idee der Filmschulen als einzig mögliche Kaderschmiede für den Nachwuchs.

„Junge Filmemacher beschäftigt, wie sie ihre Geschichte erzählen können, weil sie sich nicht mehr einschränken lassen wollen in Genre, Ästhetik und Ausspielwegen“, sagt Gröner. Neu ist auch die Herausforderung, seine Stimme angesichts mächtiger technologischer Entwicklungen wie künstlicher Intelligenz zu bewahren.

Das FOFS reagiert auf das rege Interesse der Branche mit einem KI-Schwerpunkt, der in Zusammenarbeit mit dem seit 2022 an der HFF verorteten Lehrstuhl KI entstand. Doch auch in anderen Talks auf dem Festival – egal ob es um Games, VR, Filme oder Musikvideos geht –, ist das Thema sehr präsent.

Einige Tage und Diskussionen später kristallisiert sich heraus: Während die ältere Generation skeptisch ist, scheint der Nachwuchs KI-Tools bereits intuitiver zu integrieren und eine neue Moral zu entwickeln. „Es gibt unter den jungen Filmemachern bereits das Bewusstsein dafür, dass KI nur ein Werkzeug ist, und man sich nicht die eigene Menschlichkeit rauben lassen will“, sagt der Festivalleiter.

Ein schönes Beispiel dafür, welchen Stellenwert Kunst als spezifisch menschliche Ausdrucksform besitzt, liefert die siebenminütige Animation „Woodland“: Ein äußerst sympathisches, knorriges Waldwesen durchstreift die dystopische Landschaft und haucht mit seiner Blütentrompete der Umgebung Leben ein. So künstlich die computergenerierte Szenerie auch sein mag, so lebendig dringt die Botschaft von der Macht der einzelnen kreativen Stimme durch die Bilder, die die Welt zu ändern vermag.

Auch Julia Weigl findet, dass die junge Generation von Kreativen, die als Digital Natives aufgewachsen sind, ohne Angst an das Thema KI herangehe. „Die sind eher schon einen Schritt weiter als ältere Generationen und fragen sich, wie weit möchte ich die Technologie in die kreativen Prozesse integrieren und wo möchte ich mich davon distanzieren“, so die künstlerische Leiterin des FOFS. Das Thema sei nicht neu, lediglich die Geschwindigkeit technischer Fortschritte, die uns alle überforderten.

Der 1959 in Mexiko geborenen Künstler Miguel Chevalier beschäftigt sich schon viele Jahre künstlerisch mit KI, wie er in einer Masterclass auf dem FOFS veranschaulicht. Ein Teil seines beeindruckenden Werkes ist derzeit in der Münchner Kunsthalle zu sehen – eine der vielen Kooperationen, bei dem das Festival seine Türen zu anderen Kunstformen und Publika öffnet: Denn plötzlich mischen sich unter die Anfang 20-jährigen Studenten im gut gefüllten Audi-Maxx der HFF viele ältere Besucher.

Neue Möglichkeiten durch KI: Miguel Chevaliers Werke sind derzeit in der Kunsthalle München zu sehen.
Neue Möglichkeiten durch KI: Miguel Chevaliers Werke sind derzeit in der Kunsthalle München zu sehen. (Foto: Evelyn Voigt-Müller/Festival of Future Storytellers)

Chevalier, der sich bereits in den Achtzigerjahren für die ästhetischen Möglichkeiten computergenerierter Bilder interessierte und einen Ingenieur an einem Pariser Forschungszentrum dazu überredete, ihm seinen Computer zur Verfügung zu stellen, gilt mit seinen interaktiven Projektionen als Wegbereiter der digitalen und virtuellen Kunst. Der Künstler selbst bezeichnet sich als wenig nostalgisch und begreift KI als Erweiterung seiner Arbeit, die ihm neue Möglichkeiten eröffnet.

Im Gegensatz dazu zeichnet Téo Sanchez, Fellow an der Munich Interactive Intelligence Initiative der LMU München, in seinem Talk über die Geschichte der künstlichen Intelligenz mit all ihren kühnen Spekulationen, Misserfolgen und exzentrischen Charakteren eine eher alarmierende Zukunft: Aufgrund der rasanten technischen Entwicklungen der vergangenen Jahre seien wir heute schon durch viele implementierte Anwendungen vor allem im Social-Media-Bereich gezwungen, KI zu verwenden, die schon jetzt Arbeitsplätze ersetzt. Zur Frage, ob uns KI dümmer mache, gebe es in der Forschung bereits wenig optimistische Studien.

Wir können nicht das Unbekannte durch KI erzeugen.
Christoph Gröner (Festival of Future Storytellers)

Während KI auf der diskursiven Ebene alle zu beschäftigen scheint, zeigt der Blick ins Filmprogramm des FOFS interessanterweise wenige Berührungspunkte damit. Im Gegenteil ist bei den Filmen eher ein Trend in die analoge Richtung zu spüren: Nicht nur Erstlingsfilme, die oft zum obligatorischen Curriculum einer Filmhochschule gehören, werden auf Film gedreht, sondern auch Abschlussfilme.

Der auf 16mm gedrehte „Critical Condition“ von Mila Zhluktenko über die ukrainische Diaspora in München, der den FOFS-Preis für den Besten internationalen Film gewann, ist ein Beispiel dafür. Aber auch der als bester Dokumentarfilm ausgezeichnete „Echoes Beyond the Horizon“ von Marienne Louise, der das Familienschicksal philippinischen Arbeitsmigranten beschreibt oder der im botanischen Garten Lissabon gefilmte „Rezbotanik“ spielen mit der körnig lebendigen Ästhetik des Materials.

Selbst wenn modernste Technik im Spiel ist, erscheinen auch viele der zahlreichen Animationen in selbst gebastelter Optik und ausgestattet mit viel Liebe für das schräge, unperfekte Detail.

Da KI das Wahrscheinlichste repliziere, entstehe bei vielen Künstlern der Wunsch danach, das Unwahrscheinlichste zu machen, einen Bruch zu erzeugen und etwas Neues zu schaffen, mutmaßen die beiden Festivalleiter. „Am Ende müssen die neuen Cronenbergs und Lynchs neue Ästhetiken entwickeln. Wir können nicht das Unbekannte durch KI erzeugen“, so Gröner. Vielleicht ist eben genau ein Festival wie dieses der perfekte Ort, um die menschlichen Stimmen zu entdecken.

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