Feuerwehr und Rettungsdienst:"Wir dürfen keinen Notruf verpassen"

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Feuerwehr und Rettungsdienst: Wirkt fast wie das Kontrollzentrum der Nasa: Die Integrierte Leitstelle in der Schwabinger Feuerwache mit Videowänden und sechs Bildschirmen pro Disponent.

Wirkt fast wie das Kontrollzentrum der Nasa: Die Integrierte Leitstelle in der Schwabinger Feuerwache mit Videowänden und sechs Bildschirmen pro Disponent.

(Foto: Catherina Hess)

Die erste Integrierte Leitstelle Bayerns feiert Jubiläum: Seit 25 Jahren werden in München Einsätze von Feuerwehren und Rettungsdiensten an einer Stelle koordiniert.

Von Joachim Mölter

Wer unbedarft durch den vierten Stock der Feuerwache 4 in Schwabing schlendert und dann durch die Glastüren in den größten Raum der Etage spaziert, ahnt nicht, was da alles gerade passiert. Was man sieht, kennt man von Aufnahmen der Frankfurter Börse oder des Kontrollzentrums der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa in den Nachrichten: Menschen mit Kopfhörern samt Mikrofonen lehnen sich in Bürostühlen zurück, umgeben von einem halben Dutzend Flachbildschirmen, vor sich Computertastaturen und eine Telefonanlage. Was man hört, ist ein gedämpftes Gemurmel, wie es in gediegenen Restaurants ans Ohr dringt. Man muss schon ein langgedienter Experte sein wie Simon Kiening, der Chef der Abteilung, um wahrzunehmen: "Es brummt heute."

Es ist überdurchschnittlich heiß an diesem Mittwoch, viele Leute sind im Freien, und deshalb erwartet Kiening überdurchschnittlich viele Anrufe: Radunfälle, Wespenstiche, Kreislaufkollapse. Wer auch immer medizinische Hilfe benötigt und den Notruf 112 wählt, der landet in der Integrierten Leitstelle von Feuerwehr und Rettungsdiensten, im vierten Stock der Feuerwache 4.

Als in München vor fast genau 25 Jahren die Hilfsdienste zwecks besserer Kommunikation und Bündelung von Informationen zusammengelegt wurden und die Integrierte Leitstelle am 11. Juli 1997 im Westend ihren Betrieb aufnahm, war die Einrichtung die erste ihrer Art in Bayern und mit ihren zwei Computer-Bildschirmen pro Arbeitsplatz sogar "eine der modernsten in Europa", wie der Branddirektor Florentin von Kaufmann erzählt, der Chef der Abteilung Einsatzlenkung bei der Münchner Feuerwehr. Inzwischen gibt es 26 solche Einrichtungen im Freistaat und die in München ist umgezogen, von der Schwanthalerhöhe nach Schwabing.

Feuerwehr und Rettungsdienst: Damals gab es nur drei Bildschirme: Die frühere Leitstelle auf der Schwanthalerhöhe im Jahr 2003.

Damals gab es nur drei Bildschirme: Die frühere Leitstelle auf der Schwanthalerhöhe im Jahr 2003.

(Foto: Branddirektion)

Nebst neuen Räumlichkeiten bekamen die Mitarbeiter 2013 auch eine neue Software. Nun ist alles digitalisiert und wird per Computer gesteuert, aber für alle Fälle haben sie die alten analogen Hilfsmittel aufbewahrt, die Mappen mit den diversen Telefonnummern, die Magnettafeln, auf denen sie die zur Verfügung stehenden Einsatzfahrzeuge hin- und herschieben können. "Wenn bei uns der Computer ausfällt, können wir ja nicht erst mal einen Kaffee trinken und warten, bis er wieder läuft", sagt Michael Karger, einer der Schichtführer: "Wir dürfen keinen Notruf verpassen."

Zuständig ist die Münchner Leitstelle für die Stadt und den Landkreis. "Von der Fläche her sind wir die kleinste in Bayern", sagt Kaufmann; aber gemessen an der Bevölkerungsdichte betreuen sie einen der größten Ballungsräume Deutschlands. Man merkt das an mehr als 1,1 Millionen Anrufen, welche die Leitstelle im vorigen Jahr registriert hat. Im Durchschnitt sind das mehr als 3000 Notrufe am Tag. Kiening sagt, dass erfahrungsgemäß jeder dritte Anruf auch zu einem Einsatz führt.

Um das zu bewältigen, stehen insgesamt rund 230 Disponenten zur Verfügung, überwiegend Männer und Beamte der Branddirektion. Die sind im Zwei-Schichten-Betrieb tätig und absolvieren dabei 24-Stunden-Dienste, wozu allerdings auch die Bereitschaftsdienste zählen. "Dadurch haben wir große Reserven, die wir schnell mobilisieren können für akute Lagen", erklärt Kaufmann.

Zu den spektakulären Großereignissen, die im vergangenen Vierteljahrhundert von der Leitstelle gesteuert wurden, gehören das S-Bahn-Unglück am Leuchtenbergring mit 54 Verletzten im Jahr 2004, der Blackout von 2012, als 450 000 Münchner plötzlich ohne Strom waren und viele Menschen in Aufzügen feststeckten, aber auch der Terror-Anschlag vom Olympia-Einkaufszentrum vor sechs Jahren. Die Disponenten koordinieren alle Einsätze, bringen möglichst schnell und zielgerichtet alles Notwendige auf den Weg: Personal, Fahrzeuge, Geräte.

Feuerwehr und Rettungsdienst: Die erste Frau in der Leitstelle: Lioba Huber ist seit 25 Jahren dabei.

Die erste Frau in der Leitstelle: Lioba Huber ist seit 25 Jahren dabei.

(Foto: Catherina Hess)

Es gibt aber natürlich auch viele Alltäglichkeiten, wegen denen Notrufe eingehen. Im Gespräch mit den Anrufern versuchen die Disponenten in der Zentrale dann zunächst, eine Lösung zu finden, den Menschen Tipps zu geben, bis die Rettungskräfte eintreffen. "Wir wollen die Bürger nicht alleine lassen", sagt Branddirektor Kaufmann. "Wenn ältere Menschen anrufen und man ihnen schon am Telefon helfen kann, ist das mit am Schönsten", sagt Lioba Huber, eine der wenigen Frauen in der Leitstelle, aber dafür eine der ersten Stunde.

Um als Disponent und Disponentin in der Leitstelle zu arbeiten, braucht man eine Feuerwehrausbildung und eine medizinische Basisausbildung, zum Beispiel als Sanitäter. Technische und psychologische Fertigkeiten erhält man dann in einer speziellen Fortbildung. Das alles heißt aber nicht, dass die Leitstellen-Mitarbeiter nur noch vor ihren Schreibtischen sitzen, versichert Kaufmann: "Sie sind immer noch auch im Einsatzdienst auf der Straße."

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