Festival:Verrückt, roh und in Schieflage

Festival: Ein Künstlerkollektiv mit dem Hang zum Happening: "Alligator Gozaimasu".

Ein Künstlerkollektiv mit dem Hang zum Happening: "Alligator Gozaimasu".

(Foto: Klaus Erika Dietl)

Das internationale Künstlerkollektiv Alligator Gozaimasu veranstaltet im Münchner Kreativquartier ein dreitägiges Festival für experimentelle Kunst und Musik.

Von Jürgen Moises, München

Alligatoren sind gefräßig und gefährlich. Zumindest werden sie im Horrorfilm so dargestellt. Dabei sollen sie sehr fürsorglich zu ihren Kindern und bei der Paarung nahezu romantisch sein. Und sehen sie von der Seite nicht so aus, als würden sie nett lächeln? Der Alligator Gozaimasu ist auf jeden Fall ein nettes Tier, dem man sich ohne größere Angst nähern kann. Außerdem ist er musikalisch und künstlerisch begabt, tritt nicht alleine, sondern nur im Rudel auf. Ach, und er stammt nicht aus Amerika oder China wie die meisten Alligatoren, sondern aus München, Zürich, Arnheim, Istanbul, Sapporo, Tokio und noch ein paar anderen Städten. Klingt verrückt? Nun ja, Alligator Gozaimasu ist ja auch ein verrückter Haufen. Ein in München initiiertes, internationales Künstlerkollektiv, das nun im Kreativquartier das Alligator:Go!-Festival für experimentelle Musik und Kunst veranstaltet.

Vom 13. bis 15. August findet es dort statt, mit einer Ausstellung im Mucca und Konzerten vor dem Import Export. Außerdem sind zwei Silent-Film- und Sound-Spaziergänge auf dem Gelände geplant. Dabei wirken verschiedenste Künstler und Kollektive zusammen, bei einzelnen Workshops und Performances will man auch das Publikum mit einbeziehen. Überhaupt sollte man wohl lieber von einem soziokulturellen, nach allen Seiten hin offenen Happening sprechen, was das internationale Kollektiv hier plant. "Das Ganze ist roh, veränderbar, mal gerade, mal in Schieflage". So fasst das Vorhaben die Münchner Klang- und Performance-Künstlerin Stephanie Müller zusammen, die gemeinsam mit ihrem Künstler-Kompagnon Klaus Erika Dietl und der Veranstalterin Mirca Lotz vom Innen:Festival maßgeblich dahinter steht.

Festival: Auch der Besucher soll aktiv werden und kann Klangobjekte selber bauen.

Auch der Besucher soll aktiv werden und kann Klangobjekte selber bauen.

(Foto: Stephanie Müller)

Auch Alligator Gozaimasu - ein hübsches Wortspiel mit "Arigato Gozaimasu", japanisch für "vielen Dank" - haben Müller und Dietl mitbegründet, nachdem sie mit der Musikerin Laura Theis (Müllers Kollegin bei der Band Beißpony) im japanischen Sapporo auf der Insel Hokkaidō waren. Von der dortigen Subkultur begeistert, hielten sie zu den Künstlern dort weiterhin Kontakt. Daraus entspann sich ein internationales Netzwerk, es entstanden Filme, 2016 kam das Debüt des Kollektivs heraus. Und in den letzten Corona-Monaten gab es unter dem Titel "Solange Bunte Balken laufen" gleich acht Alben, die via Internet produziert und auch digital veröffentlicht wurden.

Die Kunst kommt per Post oder Internet aus Japan, eine "Disko-Biene" sorgt für experimentelle Sounds

Ein digitaler Austausch ging nun auch dem Festival voraus, bei dem mit Şevket Akinci, Ruslan Boiaryn oder Gemma Meulendijks Musiker aus der Türkei, der Ukraine oder den Niederlanden auftreten. Bei dem es aber auch Beiträge gibt, die per Internet oder Post aus Japan oder Indonesien stammen. Das heißt, die Künstler lieferten die Ideen, dann wurde hier in München genäht, "gemappt", gedruckt. Außerdem hat sich der Künstler Not Yet vom Münchner Tam-Tam-Kollektiv einen aus Recycling-Material bestehenden, kinetischen Raum-Körper ausgedacht, auf den Videos und Animationen aus Sapporo und Tokio projiziert werden.

Der Musiker und Imker Mucho Pitchu aus Hausham hat eine rotierende "Disko-Biene" entworfen, eine Installation, die Bienensounds hör- und sichtbar macht. Adam Langer stellt sein Polyphonic.Museum, ein Online-Archiv für selbstgebaute Musik, vor. Wer will, kann am Sonntag um 14.30 Uhr bei einem Workshop selber Klangobjekte bauen. Und dann gibt es noch die Paraden und Konzerte, bei denen Instrumente wie Gitarre, Hackbrett, Nähmaschine oder Kräutersuppe zum Einsatz kommen. Außerdem gibt es via orange-ear.de ein Streaming-Programm, über das man alle Konzerte online live miterleben kann. Auch hier sind also alle Grenzen und Kanäle offen. Beginn ist am Freitag um 18 Uhr mit der Ausstellungseröffnung, am Sonntag geht es um 19.30 Uhr mit einer Soundperformance zu Ende.

Alligator:Go!-Festival, 13. bis 15. August, Import Export und Mucca, Schwere-Reiter-Straße 2, www.alligator-go.space

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