bedeckt München 11°

Sound of Munich Now 2020:Das Festival wird digital

Nun haben 20 ausgewählte Bands im Feierwerk aufwendige Live-Videos für die Veranstaltung im November gedreht - ein Blick hinter die Kulissen.

Text: Laura Wiedemann, Fotos: Gino Dambrowski

Discokugeln drehen sich im Scheinwerferlicht. Ihre Strahlen tanzen auf den Körpern der Musikerinnen von Umme Block. Klara Rebers und Leoni Klinger stehen auf der Bühne. Die Augen geschlossen. Der erste Ton erklingt. Zieht sich durch den Raum. Tief versunken in die Musik wirkt Klara, wenn ihre Finger über die Tastatur des Keyboards gleiten. Sie bewegt sich im Gleichklang mit Leoni. Ihre Bewegungen, Musik, Gedanken scheinen ineinander überzugehen. Während Klara auf der unteren Etage des Keyboards spielt, bewegt Leoni ihre Hand zur übergeordneten Tastatur. Jetzt spielen sie gemeinsam auf einem Instrument. Wechseln tanzend den Platz. Leoni steht am Mikrofon. Die Augen wieder geschlossen.

Der sphärische Klang ihrer Stimme erfüllt den großen Raum. Sonst stehen mehr als 200 Menschen in der Kranhalle im Feierwerk. Heute müssen Umme Block ganz ohne Publikum auskommen. Um sie herum ist es still. Nur ihre Musik ist zu hören. Kein Klatschen nach den Songs. Das Festival "Sound of Munich Now" findet im November digital statt. Und dafür haben Umme Block und 19 weitere ausgewählte Bands in der vergangenen Woche ein aufwendiges Live-Video aufgenommen.

Es ist still vor der Bühne. Und diese Stille ist sinnbildlich für die aktuelle Situation. Dieses Miteinander, das Leoni und Klara auf der Bühne teilen, fehlt ihnen zurzeit mit den anderen Bands. Gerade der Austausch innerhalb der Münchner Musikszene ist es, was die beiden jungen Frauen am Sound-of-Munich-Now-Festival sonst so schätzen. "Das hat uns in den letzten Monaten gefehlt. Sich mit anderen Münchner Bands auf Festivals und Konzerten zu treffen. Aber gerade in dieser Zeit hat man auch den Support gespürt", sagt Klara.

Auch an diesem Donnerstag ist dieser Support da. Trotz Corona-Maßnahmen. Die Musiker von Youth Okay, die die Live-Session vor Umme Block gespielt haben, sind noch geblieben. Über einen Bildschirm auf dem Vorplatz haben sie den Auftritt von Umme Block verfolgt. Sie wollen ihre Bandschwestern, wie sie Leoni und Klara nennen, unterstützen. Als die schweren Türen zur Kranhalle wieder aufgehen, ist Applaus zu hören. Wenig später stehen die beiden Bands gemeinsam im Freien, tauschen sich aus, sprechen über ihre Auftritte und die vergangenen Monate. Auch für die Musikszene ist diese Zeit eine echte Herausforderung - auch wenn an diesem Tag wieder ein Stückchen Miteinander möglich ist, trotz Masken und Abstand.

Von Sonntag bis Donnerstag sind 20 Münchner Bands ins Feierwerk gekommen. Zwischen den Auftritten müssen die Geräte am Set desinfiziert werden. Möglichst wenig Menschen sollen in der Halle sein. Mehr als zehn Stunden wurden deshalb täglich für vier Live-Sessions eingeplant. Nur kurz sehen sich die Musikerinnen und Musiker nach den Auftritten. Dann nutzen sie die Zeit zum Austausch.

Das Gefühl, das beim Sound-of-Munich-Now-Festival sonst entsteht, ist auch in diesem Jahr zu spüren. Und ein weiterer Umstand ist gleich geblieben: 15 Minuten hat jede Band Zeit zu spielen. 15 Minuten Vollgas. Nur in diesem Jahr eben ohne Publikum. Stattdessen mit Filmcrew, aufwendiger Technik und liebevoll gestaltetem Setting. Eine Veränderung, die bei vielen Bands im Vorfeld schon Nervosität, aber auch für Vorfreude ausgelöst hat. "Endlich mal wieder ein Auftritt mit Aufregung", sagt Daniel Fahrländer, Sänger von Youth Okay. "Um ehrlich zu sein, bin ich froh, in diesem Jahr spielen zu können. Auch wenn die Reaktionen des Publikums natürlich fehlen, war es heute sehr schön. Die Crew war gut drauf und es war irgendwie weniger stressig und intimer als sonst." Vor einigen Jahren stand die Band schon einmal auf der Sound-of-Munich-Now-Bühne - damals noch als Naked Superhero. Sie sehen die besonderen Umstände als Chance, wie Jakob von Andrian, Bassist der Band, sagt: "Das Video ist natürlich auch ein Mehrwert für uns. Wir haben uns sehr wohl gefühlt, konnten uns richtig auf uns konzentrieren und in unsere Musik eintauchen."

Vom ersten Einblick in das Ergebnis ihrer Livesession sind sie begeistert. Zusammen mit der Filmcrew haben sich die Verantwortlichen in der Vorbereitung viele Gedanken zu Organisation und Aufbau gemacht. Ein großer Druck auch für sie. Dass jetzt alles so gut funktioniert und die Bands von ihren Aufnahmen angetan sind, lässt diese Anspannung abfallen. Eine intime Wohlfühlatmosphäre war ihnen wichtig. Wie im eigenen Proberaum soll es sich für die Bands anfühlen. Deshalb stehen die Musikerinnen und Musiker auch nicht wie gewohnt auf der Bühne, sie sind in der Mitte der Halle platziert. Ihr Set ist unterlegt mit mehreren gemusterten Teppichen. Um sie herum liegen Discokugeln in verschiedenen Größen oder baumeln von der Decke. Auf große Leinwände an den hohen Wänden der Kranhalle werden Visuals projiziert - eigens entworfen für jede der Bands. Immer passend zum Stil ihrer Musik. Abgestimmt auf die Lichtstimmung im Raum. Zum melancholischen Bluessound von Philip Bradatsch flackern Formen in warmen Orangetönen über die Fläche. Als die Emo-Hardcore-Band Sandlotkids spielt, schlängeln sich schwarz-weiß geringelte Tentakel im violetten Licht.

Mit jeder Band werden kleine Veränderungen am Set vorgenommen. Die gesamte Crew nimmt sich Zeit für die Bedürfnisse der Musiker, lässt sich auf ihre Musik ein und versucht, trotz der ungewöhnlichen Bedingungen, einen möglichst individuellen Rahmen für jede Band zu schaffen. Auch eigene Elemente dürfen die Musiker mitbringen. Zum Beispiel die beiden Cloud-Rapper Cloutboi Juli & Pink Stan. Auf der Bühne im Hintergrund sind mitgebrachte Liegestühle zu sehen. Schon während des Soundchecks sorgt die ungewöhnliche Combo für Erheiterung. Ihre selbstironische Art der Musik lockert die ohnehin schon gute Stimmung am Set. Auch diese Abwechslung, was Genres und Künstler betrifft, macht das Sound-of-Munich-Now-Festival aus.

Nach fast jedem Auftritt bleibt ein Ohrwurm zurück. Und nach fast jedem Auftritt tauschen sich Team und Bands über die Videoaufnahmen aus. Sie alle sind froh, dass dieses Festival, auch dank der Unterstützung des Kulturreferats München und des Jugendkulturwerks, in diesem Jahr überhaupt stattfinden kann. "Die Stadt und die Kulturszene haben sich schnell angepasst. Aber jetzt muss es weitergehen. Wir hoffen natürlich, dass bald auch wieder Konzerte mit Publikum möglich sind", sagt Daniel Richter von Richter + Lippus. Das Singer-Songwriter-Duo schafft einen Moment der Nähe. Auch für das Publikum, das ihre Livesession später sehen wird. Barfuß geht Nina Lippus über den Teppich. Die gefühlvolle Stimme klingt ganz sanft. Mit derselben Sanftheit trifft sie das warme Licht der Scheinwerfer. Eine Nähe, die trotz Video funktioniert.

Auch für Miss Pearl & Packed Rich. Das Gefühl zwischen ihnen ist elektrisierend. Erst das zweite Mal stehen sie gemeinsam auf der Bühne - und doch scheint alles ganz natürlich zu geschehen. Miss Pearl, die Cocono Sakuma heißt, legt ihre soulige Stimme über die organischen Beats von Alexis Böttcher alias Packed Rich. Zwischen ihnen besteht eine nicht greifbare Verbindung. Sie schwebt im Klang ihrer Musik. Zwei Herzen zeichnet Cocono unter ihre Unterschrift auf der Filmklappe.

Mehr Zeit und Raum bekommen die Bands in diesem Jahr. Und damit wird ihnen auch die Möglichkeit gegeben, ihr ganz eigenes Gefühl in ihre Musik zu legen. Kannheiser haben darauf schon in der Vorbereitung viel Wert gelegt. "Eigentlich gibt dir gerade das Publikum diese Energie, jetzt muss man das irgendwie selbst für sich schaffen. Ich versuche deshalb, an die Menschen zu denken, die sich später unser Video ansehen werden", sagt Sänger Juri Kannheiser. Das scheint zu funktionieren. Juri tanzt hinter seinem elektrischen Klavier. Schließt die Augen. Seine stoische Stimme erklingt mit viel Hall zu verzerrtem Gitarrensound. Spannung entsteht in der Kranhalle, die nach einer Viertelstunde im Applaus der Crew gipfelt. Applaus für Bands, die es auch in seltsamen Zeiten schaffen, ein Gefühl von Lebendigkeit in die Münchner Musikszene zu bringen. Ein Gefühl von Energie. Ein Gefühl von Miteinander. Und vielleicht applaudieren auch zu Hause Menschen, wenn sie sich eines der Videos im November ansehen.

© SZ vom 28.09.2020

Dok-Fest in München
:Streaming verleiht Flügel

Das digitale Dok-Fest hat mehr Zuschauer erreicht, als die Filmschau gewöhnlich hatte. Die Bilanz ist positiv, die Technik war weitgehend stabil, und sogar die Kinos profitieren. Die Zukunft könnte nun etwas Neues bringen: ein "hybrides Festival" .

Von Bernhard Blöchl

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite