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Freiwillige Feuerwehr in Feldmoching:Wenn jede Sekunde zählt

Eigentlich wollte die Freiwillige Feuerwehr heuer ihr 150-jähriges Bestehen ganz groß feiern, doch dann kam die Pandemie. Ein Fest kann man verschieben, einen Einsatz nicht, lautet nun das gelassene Motto

Von Jerzy Sobotta, Feldmoching

Wenn der Piepser piepst, dann muss es schnell gehen. Zehn Minuten hat die Feuerwehr, um vor Ort zu sein. Egal ob Gregor Gerl gerade schläft, duscht oder am Computer sitzt, er ist bereit. Dabei hat er nicht einmal Bereitschaftsdienst, denn der 36-Jährige ist eigentlich IT-Spezialist. Wenn aber der Notruf kommt, dann ist er kein Zivilist mehr, sondern stellvertretender Abteilungskommandant der Freiwilligen Feuerwehr in Feldmoching. "Der Notruf kann immer kommen, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche", sagt Gerl. Er ist einer der 43 freiwilligen Feuerwehrmänner in Feldmoching. Wenn etwas in der Umgebung passiert, piepst es bei allen von ihnen. Dann springen sie alle auf, laufen zum Gerätehaus und rücken aus. So machen sie es immer, und so haben es auch schon all die Feuerwehrmänner vor ihnen gemacht. Egal zu welcher Tageszeit, seit 150 Jahren.

Gegründet haben die Feldmochinger Feuerwehr 1870 drei Männer, ein Gastwirt, der damalige Bürgermeister und ein Kommandant der bayerischen Armee, der nur zwei Monate später gegen Frankreich in den Krieg zog. Feldmoching war damals noch eine eigenständige Gemeinde. Das stolze Jubiläum der Gründung wollten die Feuerwehrmänner in diesem Monat eigentlich mit einem großen Volksfest begehen. Die Kapelle war schon gebucht, der Termin stand fest. Doch dann kam die Seuche. Nun wird die Geburtstagsfeier um ein Jahr verschoben und soll im kommenden Sommer stattfinden.

Weder Gerl noch seine Kameraden wirken besonders sentimental, wenn sie über das geplatzte Fest reden. Ein Fest kann man schließlich verschieben, einen Einsatz nicht. "Wenn wir ausrücken, dann sitzen wir gerade alle mit Mundschutz im Feuerwehrwagen nebeneinander", sagt Gerl. Auch während der Ausgangsbeschränkungen gab es genügend zu tun. Hier ein Flächenbrand, dort ein Rauchmelder, der beim Kochen falschen Alarm geschlagen hat. Allein im Mai gab es zwei Zimmerbrände in Feldmoching, eine Person musste aus dem Fasaneriesee gerettet werden. Etwa einmal in der Woche schlägt der Piepser Alarm. Doch das eigentlich Zeitaufwändige sind die Pflichtübungen, Fortbildungen, Lehrgänge und natürlich die gemeinsamen Feiern. Allein 33 Termine stehen auf dem Dienstplan für das erste Halbjahr 2020. Wegen der Corona-Einschränkungen haben zwar nicht alle stattgefunden, aber der Zeitaufwand, den das Ehrenamt von jedem Einzelnen erfordert, ist enorm. Dabei bekommt fast keiner von ihnen eine Aufwandsentschädigung.

Nachwuchsschwierigkeiten kennen die Feldmochinger nicht. "Noch nicht", sagt Andreas Angermeir und lacht. Der 23-jährige Chemiestudent ist einer der jüngsten in der Truppe. Hippe Brille, gezwirbelter Schnurrbart. Mit 16 hat er den Grundlehrgang gemacht, zusammen mit einem Freund aus dem Turnverein. Die traditionelle Form der Rekrutierung funktioniert noch im dörflich geprägten Feldmoching. Die Jungen kommen über Familienmitglieder, Sportvereine, Übungen oder große Feste, wie auch die Jubiläumsfeier hätte eines sein sollen. Auf einem ähnlichen Fest ist vor zwanzig Jahren auch Gerl angesprochen worden. Und ist geblieben. Die wichtigste Tugend sei die Zuverlässigkeit, sagt er. "Freiwillig sind nur der Eintritt und der Austritt, der Rest ist Pflicht", zitiert er einen früheren Abteilungskommandanten. Die Motivation dahinter sei aber bei allen die gleiche, man wolle Menschen helfen, die in Not sind.

Diese Motivation dürfte sich in den vergangenen 150 Jahren kaum geändert haben, auch wenn die Technik, die Ausrüstung und die Uniformen sich gewandelt haben. Zu Gründerzeiten sind die Feuerwehrmänner noch mit vier Leitern und sechs Feuerhaken ausgerückt. Gegen große Brände konnten sie damals noch wenig unternehmen. Die erste Feuerwehrwache entstand 1880. Im Jahr 1913 ist die Feuerwehr dann in das neue Gemeindehaus an der Feldmochinger/Ecke Josef-Frankl-Straße eingezogen. Der wohl größte Einschnitt in der Geschichte war 1938 die Eingemeindung Feldmochings, wodurch auch die Feuerwehr ihre Eigenständigkeit verlor und in die Freiwillige Feuerwehr München eingegliedert wurde. Einige Jahre später hatte die Abteilung wegen unzähliger Fliegerangriffe mehr zu tun als jemals sonst in ihrem Bestehen.

Die Brände wurden früher mit Reitern oder Telegrafen gemeldet, später waren es Telefone. Heute bekommen die Feuerwehrmänner eine SMS auf ihr Handy. Und ein Signal auf den schwarzen Piepser, der sie zum Einsatz ruft. "Dann steigt immer das Adrenalin", sagt Gregor Gerl. Denn was los ist, erfährt er erst auf der Wache, wenn er das Fax mit der Einsatzbeschreibung liest. Und dann zählt jede Sekunde, schon seit 150 Jahren.

© SZ vom 16.06.2020
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