Nachtleben in der Pandemie:Wo ist Platz für die nächste Party?

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Nachtleben in der Pandemie: Mit der Open-Air-Veranstaltung "München tanzt wieder" am Maximiliansplatz wollte die Stadt im vergangenen September Jugendlichen einen Platz zum Feiern schaffen.

Mit der Open-Air-Veranstaltung "München tanzt wieder" am Maximiliansplatz wollte die Stadt im vergangenen September Jugendlichen einen Platz zum Feiern schaffen.

(Foto: Friedrich Bungert)

Die Stadt sucht nach Flächen, auf denen junge Menschen draußen feiern können - nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in äußeren Bezirken. Die Fachstelle "Moderation der Nacht" wünscht sich dafür ein Rotationsmodell, um die Anwohner zu besänftigen.

Von Ellen Draxel

Junge Leute wollen leben. Sie wollen raus und ihre Freiheit genießen. Wie sehr es die Jugend auch in Zeiten der Pandemie nach sozialen Kontakten dürstet, zeigte sich vergangenen Sommer auf spontanen Partymeilen wie der Türkenstraße in der Maxvorstadt: Als die Corona-Auflagen jungen Menschen das Feiern schwer bis unmöglich machten, brach sich das Amüsier-Bedürfnis auf Straßen und Plätzen Bahn. Hunderte feierten bis in die Nacht, es hagelte Beschwerden von Anwohnern, die Polizei musste einschreiten. Dieses Jahr soll es anders werden, Pate dafür steht ein Projekt vom vergangenen Spätsommer.

Als Reaktion auf diese "krasse Überlastung des öffentlichen Raums", wie Münchens Nachtbürgermeister Kay Mayer es nennt, wagte die Stadt vergangenen August etwas Neues: Unter dem Motto "München tanzt wieder" eröffnete mitten im Herzen der Stadt am Maximiliansplatz ein temporärer Outdoor-Club. Strenge Corona-Regeln inbegriffen. Und es funktionierte, die Münchnerinnen und Münchner nahmen das Angebot an. In diesem Jahr will Mayer, der seit Juni 2021 die Fachstelle "Moderation der Nacht" (Mona) leitet, noch einen Schritt weiter gehen. Statt nur zu reagieren, soll diesmal "proaktiv" gehandelt werden.

Denn den "großen Umschwung" für das Münchner Nachtleben erwartet der erfahrene Streetworker, Betriebswirt und Eventmanager auch 2022 nicht. Nach wie vor beherrsche große Ungewissheit die Szene, sagt er - und hemme alle Betreiber von Clubs und Diskotheken sowie die Konzertveranstalter, ihre Angebote einfach wieder hochzufahren. "Was allerdings dieses Jahr nicht gleich sein soll, ist, wie damit umgegangen wird."

Mayer hat deshalb ein Schreiben an die Vorsitzenden der Bezirksausschüsse verfasst, in dem er um Vorschläge für feier- und veranstaltungsgeeignete Flächen bittet. Dabei will sich die Fachstelle Mona nicht ausschließlich auf die Innenstadt konzentrieren. "Eine weiträumige Verteilung verschiedener Plätze in München wäre sehr von Vorteil und würde attraktive Alternativen zum unorganisierten Aufenthalt im öffentlichen Raum bieten, welcher schnell außer Kontrolle geraten kann", heißt es in dem Papier.

Auch jüngere Menschen unter 18 sollen ein Forum bekommen

Das Mona-Team denkt konkret über ein Rotationsmodell nach - also über eine Handvoll Schauplätze, die nicht den ganzen Sommer über, sondern im Wechsel bespielt werden könnten. Auch über die Klientel macht sich Mayers Mannschaft Gedanken: Neben "dem üblichen Feierpublikum" will man besonders jüngeren Menschen unter 18 Jahren ein Forum bieten. Dazu sei man bereits mit den Trägern Offener Kinder- und Jugendtreffs im Austausch. Dass das Thema Feiern kein einfaches ist, ist Mayer dabei durchaus bewusst. Er gibt aber zu bedenken, dass erwartbare Widerstände kein Kriterium sein können, einfach nichts zu tun. Denn "dass der öffentliche Raum eine beträchtliche Rolle spielen wird im kommenden Frühjahr und Sommer", stehe "außer Zweifel". Gemeinsam habe man es in der Hand, ein attraktives Alternativangebot zu unorganisierten und unkontrollierten Feiern zu machen.

Mit ihrem Vorstoß reagiert die Fachstelle auch auf einen Stadtratsbeschluss vom vergangenen Jahr. Jungen Menschen wieder Raum zu geben, ist erklärtes Ziel der Rathaus-Politik. Bislang allerdings ergibt die anlaufende Diskussion unter den Bezirksausschüssen noch kein klares Bild. Während Allach-Untermenzing - ein Stadtbezirk in absoluter Stadtrandlage - mit dem Allacher Bad und der Schießstätte immerhin konkrete Vorschläge macht, halten sich die Kollegen aus anderen Vierteln noch zurück.

Sebastian Kriesel (CSU) aus Aubing-Lochhausen-Langwied meint, sein Stadtbezirk habe jetzt "nicht so die Party-Orte", Gesa Tiedemann (Grüne) aus dem westlichen Schwabing mit seiner lebendigen Gastro-Szene kann auch keine konkreten Raumangebote identifizieren. "Außerdem", sagt sie, "suchen sich die Jugendlichen ihre Treffpunkte sowieso selbst". In der Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt, wo es vergangenes Jahr vor allem am Gärtnerplatz hoch her ging, könnten sich die Lokalpolitiker des Unterausschusses "Kultur, Jugend und Soziales" die Theresienwiese, den Nußbaumpark, das Viehhofgelände, die Schmellerwiese, den St.-Pauls-Platz, den Spielplatz an der Hans-Fischer-Straße oder die Innenhöfe des Deutschen Museums und des Deutschen Patentamts vorstellen.

Auf der Suche nach dezidierten Vorschlägen ist man auch noch in der Maxvorstadt. Die Stadtteilvertreter der Feiermeilen-Hochburg Türkenstraße sind mitverantwortlich für Mayers neuen Ansatz. Es sei, betont BA-Chefin Svenja Jarchow-Pongratz (Grüne), "absolut wünschenswert und notwendig", sich Gedanken zu machen und mit einer stadtweiten Ausdehnung der Angebote den Druck auf die Innenstadt zu verringern. Sie befürwortet ausdrücklich das Rotationsmodell, das es Anwohnern ermögliche, Toleranz walten zu lassen. "Man kommt leichter mit Feierlärm zurecht, wenn man weiß, das Ganze ist zeitlich begrenzt und man nicht fürchten muss, dass das nie aufhört." Die Maxvorstadt sei "ein beliebtes Viertel und soll es auch bleiben". Aber München sei auch andernorts schön.

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