Ultra-Graffiti an AutobahnenTeurer Revierkampf der Fußballfans

Lesezeit: 3 Min.

Vorne Digitalanzeige, hinten Stinkefinger: An den LED-Tafeln haben Ultras mit Schablonen ihre Zeichen gesetzt.
Vorne Digitalanzeige, hinten Stinkefinger: An den LED-Tafeln haben Ultras mit Schablonen ihre Zeichen gesetzt.
Johannes Simon
  • Ultras besprühen seit etwa eineinhalb Jahren verstärkt Autobahnbrücken, LED-Tafeln und Lärmschutzwände mit Fußballvereins-Graffiti in München.
  • Die Polizei verzeichnet seit April 2025 einen deutlichen Anstieg der Graffiti-Taten im Vergleich zu den Jahren 2021 bis 2024.
  • Die Autobahnmeisterei München-Nord schätzt die Kosten für die Beseitigung aller Graffiti auf 1,6 Millionen Euro.
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Ultras schmieren auf Autobahnbrücken, Anzeigetafeln oder Lärmschutzwänden ihre Fußballvereinsvorliebe in Rot- oder Weiß-Blau. Warum die Kosten und der Aufwand für die Entfernung so hoch sind.

Von Annette Jäger

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Der Schriftzug ist prominent gesetzt, und darauf kommt es an: „FCB MRP“ prangt in riesigen roten Buchstaben auf weißem Untergrund an der Hochbrücke Freimann im Münchner Norden. Wer auf der Ungererstraße in diese Richtung fährt und den Frankfurter Ring überquert, kann das Graffiti kaum übersehen. FCB steht für den Fußball-Club Bayern München, MRP für Munich’s Red Pride, eine Ultragruppierung von Bayern-Fans. Und ein Fan der extremen Art muss man wohl sein, um allen im Verkehr seine Vereinswahl aufs Auge zu drücken. Und der Gemeinschaft die Kosten für die Beseitigung der Schmiererei.

Hauptsache sichtbar: die roten Buchstaben der Ultras
Hauptsache sichtbar: die roten Buchstaben der Ultras
Johannes Simon

Das Graffito ist nur eines von vielen Beispielen für die inzwischen allgegenwärtigen Sprühereien an Autobahnen im Großraum München. Nahezu jede Autobahnbrücke und LED-Anzeige, jede Lärmschutzwand und jeder Autobahnwegweiser und etliche Brückenpfeiler sind mit einem Graffito bedeckt, das einen Bezug zu Münchner Fußballvereinen hat – in Rot-Weiß für die Bayern, in Weiß-Blau für den TSV 1860 München. Und es werden jede Nacht mehr.

Das beobachtet Klaus Seuferling, Leiter der Autobahnmeisterei München-Nord. Treffpunkt für eine Graffiti-Besichtigungstour mit ihm ist die Hochbrücke in Freimann. Von dort geht es auf die A9 Richtung Norden. Auf dem Streckenabschnitt bis zur Allianz-Arena folgt ein Graffiti auf das nächste. Hier ein riesiges rotes Fußballtrikot mit „MRP“-Aufschrift an einem Brückenpfeiler.

Sogar die eigenen Graffiti werden übermalt.
Sogar die eigenen Graffiti werden übermalt.
Johannes Simon

Dort ein „FCB“ in leuchtend Rot, dann eine Gabionenwand, besprüht mit „Südkurve“ und „Hell of Fröttmaning“

Illegale Leinwand: eine Gabionenwand
Illegale Leinwand: eine Gabionenwand
Johannes Simon

Seuferling deutet auf eine LED-Anzeige, zu sehen ist das Konterfei von Ex-Bayern-Trainer Carlo Ancelotti, der den Stinkefinger zeigt. Dann entdeckt Seuferling zu seiner Linken den riesigen Schriftzug „Fuck Uefa“ an der Tunnelwand, „das war letzte Woche noch nicht da“.

Knappe Botschaft, falsche Adressaten – Vertreter der Uefa werden hier wohl eher nicht vorbeifahren.
Knappe Botschaft, falsche Adressaten – Vertreter der Uefa werden hier wohl eher nicht vorbeifahren.
Johannes Simon

Dazwischen sind auch wenige weiß-blaue Graffiti zu sichten, doch rot-weiß gibt hier klar den Ton an.

„Es ging vor etwa eineinhalb Jahren los“, sagt der Leiter der Autobahnmeisterei. Allein in seinem Zuständigkeitsbereich – die A9 München bis zum Autobahndreieck Holledau sowie die A99 zwischen dem Autobahnkreuz München-Nord und dem Dreieck München-Feldmoching – hat er mal über 80 Graffiti gezählt, aber das ist eine Weile her. „Das sind inzwischen sicher 150.“ Auch auf anderen Streckenabschnitten wird gesprüht, was geht: Auf der A8 Richtung Süden dominieren die Farben Weiß und Blau, auf der Strecke Richtung Stuttgart lösen irgendwann rot-grün-weiße Graffiti – die Vereinsfarben des FC Augsburg – die Bayern-Schriftzüge ab.

Auf der Lindauer Autobahn A96 war nach nur einer Woche eine neue transparente Lärmschutzwand über der Autobahn im Bereich Gräfelfing rot-weiß besprüht, statt Durchblick nur verschmierte Scheiben.

Hier sollte eigentlich freie Sicht sein.
Hier sollte eigentlich freie Sicht sein.
Robert Haas

Auch die Wand am darunterliegenden frisch sanierten Lärmschutztunnel war schon wieder besprüht, da war der Tunnel nach den Bauarbeiten noch gar nicht fertig gereinigt.

Eine Mitarbeiterin dokumentiert den Schaden.
Eine Mitarbeiterin dokumentiert den Schaden.
Robert Haas

Klaus Seuferling, selbst bekennender FC Bayern-Fan, kann „schönen Graffiti“ durchaus etwas abgewinnen. Aber die Fußball-Symbolik sei einfach nur „Schmiererei“. Ganze Wände würden flächendeckend mit Farbe bestrichen. Einmal hätten er und seine Mitarbeiter einen mit Farbe befüllten Feuerlöscher gefunden, der zu einem Sprühgerät umfunktioniert war. Für ihn sind die Graffiti Ausdruck eines Wettstreits unter Fangruppierungen. Die Akteure übersprühten ihre Werke sogar gegenseitig. Es gehe vor allem um Sichtbarkeit und Reviermarkierung, vermutet er. Allerdings unter Lebensgefahr.

Die Sprayer setzten sich dafür großen Risiken aus, sagt Katharina Werther, Sprecherin der Autobahn GmbH Niederlassung Südbayern. Eine LED-Anzeige zu erklimmen, während unten der Verkehr rausche, sei ein waghalsiges Manöver.

Seuferlings Eindruck, dass die Graffiti immer mehr werden, bestätigt das Polizeipräsidium München: Seit April 2025 sei ein deutlicher Anstieg der Taten im Vergleich zu den Jahren 2021 bis 2024 zu verzeichnen, sagt eine Polizeisprecherin. Die Statistik beziehe sich auf die Stadt München und Teile des Landkreises, für die die Behörde zuständig ist. Betroffen seien neben Autobahnen auch U-Bahnen und Mehrfamilienhäuser. Mit den Schmierereien seien auch die Anzeigen mehr geworden.

Dazu zählen die der Autobahn GmbH: Man erstatte bei allen Graffiti Anzeige gegen unbekannt, sagt Werther. Um die Täter – laut Polizeipräsidium sind die Beschuldigten größtenteils männlich und zwischen 14 und 21 Jahren alt – zu erwischen, brauche es in erster Linie Zeugen, die eine Tat beobachten und melden, sagt die Polizeisprecherin. Aber die Mühe mache sich kaum einer, klagt Werther.

Die Entfernung? Ziemlich teuer, ziemlich aufwendig

Rein rechtlich gesehen gelten Graffiti als Sachbeschädigung und die hat in puncto Fußball-Graffiti ziemliche Ausmaße erreicht. Seuferling schätzt die Kosten für die Beseitigung aller Graffiti im Bereich der Autobahnmeisterei München Nord auf 1,6 Millionen Euro. Der Aufwand der Reinigung werde „massiv unterschätzt“. Für eine fachgerechte Entfernung seien oft Eingriffe in den Verkehr nötig, etwa eine Umleitung. Zudem müsse man bei einer Reinigungsaktion die Farbe auffangen, da sie sonst von Brücken auf die Fahrbahnen tropfe. Ein kostengünstigeres Überstreichen von Tunnelwänden habe laut Werther einen gravierenden Nachteil: Dabei würden auch mögliche Risse im Mauerwerk überpinselt, die aber wichtige Hinweise auf Schäden seien. Eine Reinigung sei deshalb die bessere Option.

Doch effektiv ist sie oft nicht, hat Seuferling erfahren: Jede freie Fläche sei quasi eine Einladung, sie erneut zu besudeln. Die Taktik der Autobahnmeisterei: Ein Großteil der Graffiti wird erst mal nicht entfernt. „Wir warten ab, bis die sich ausgetobt haben“, sagt Seuferling. Jeder Trend werde irgendwann abflauen. Das hofft er zumindest.

Hinweis der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes wurden die Farben der Löwen fälschlicherweise als Blau-Weiß bezeichnet, sie sind aber Weiß-Blau, wie es nun auch im Text steht.

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