FC Bayern:"Es ist etwas skurril, wenn man es von früher kennt"

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Bayern München - FC Augsburg

Auch im Stadion gilt: Maskenpflicht und Abstand halten. Letzteres ist kein Problem bei 75 000 Plätzen für 250 Menschen.

(Foto: dpa)

75 000 Zuschauer passen ins Stadion, etwa 10 000 wollten an diesem Samstag rein und genau 250 durften auch - als erste bei einem Fußballspiel seit mehr als einem Jahr. Die Freude ist groß, und auch die Hoffnung auf mehr.

Von Maik Rosner

Robert und Julian Lankes sitzen im Mittelrang der Gegengerade und lassen sich von einem Sitznachbarn zwei Reihen darüber fotografieren. Ein Bild als Andenken an diesen besonderen Nachmittag muss schon sein für Robert Lankes und seinen zehnjährigen Sohn. Denn es ist ja das erste Mal seit mehr als einem Jahr, dass Fans in die Münchner Arena dürfen.

Es sind insgesamt 250 Zuschauer, die am Pfingstsamstag beim Bundesliga-Saisonausklang des FC Bayern gegen den FC Augsburg dabei sein können, und die Freude ist groß bei den Auserwählten. Wie bei Vater und Sohn Lankes, die über die Ticketverlosung des "FC Bayern Kids Clubs" an die Karten gekommen sind. Jetzt bilden sie mit anderen Fans, sogenannten Pflege-Helden der Corona-Pandemie sowie Freunden und Bekannten der Mannschaft ein kleines, rot-weiß gekleidetes Publikum. Ein solches hat es hier letztmals am 8. März 2020 gegeben, ebenfalls bei einem Spiel gegen Augsburg. Damals bevölkerten 75 000 Menschen das ausverkaufte Stadion in Fröttmaning. Nun beträgt die Auslastung 0,33 Prozent. "Es ist etwas skurril, wenn man es von früher kennt", sagt Robert Lankes, 53.

Fußball-Fans Robert und Sohn Julian Lankes beim Spiel des FC Bayern gegen Augsburg im Stadion

Robert Lankes und sein Sohn Julian auf der Gegengerade im Stadion in Fröttmaning.

(Foto: Maik Rosner)

Doch vieles von dem, was dem Münchner aus der Zeit vor der Pandemie vertraut ist, geht auch jetzt mit 250 Zuschauern. Immer wieder sind Sprechchöre zu vernehmen; wenn Stadionsprecher Stephan Lehmann einen neuen Spielstand durchgibt, dann gibt es den gewohnten "Danke-Bitte"-Wechselgesang. Und kurz nach der Verkündung der Zuschauerzahl singen die 250: "Steht auf, wenn ihr Bayern seid."

Es klingt tatsächlich ein bisschen nach Stadionatmosphäre, trotz des sehr übersichtlichen Publikums, das sich über vier Sitzblöcke verteilt. Der Kontrast ist auch deshalb besonders groß, weil bei den vorherigen Geisterspielen nur die Rufe der Spieler und Trainer zu hören waren. Jetzt wirkt die Arena wieder belebter. Auch ein Stand für Essen und Getränke hat geöffnet, Ordner achten penibel auf die Abstände und kontrollieren am Eingang, ob ein negativer Corona-Test oder eine Impfung nachgewiesen werden kann. Die Menschen tragen FFP2-Masken und beachten die Regeln, alles verläuft problemlos.

"Ich finde es super", sagt Armin Tietze. Der 44-Jährige ist einer jener "Pflege-Helden", denen der Verein als Geste des Dankes für ihren Einsatz in der Pandemie 100 Karten kostenlos zur Verfügung gestellt hat. Tietze arbeitet als Bereichspfleger im Inn-Klinikum Altötting und Mühldorf. Am Anfang habe er die Sonderrolle des Fußballs "zwiespältig gesehen", sagt Tietze, aber dann habe sich der Fernseh-Fußball für ihn zu einer durchaus wichtigen Ablenkung entwickelt. "In der schweren Zeit, wenn man nur Schutzkleidung an hat und sich um schwer kranke und sterbende Menschen kümmert, empfand ich das als entspannend und als ein Stück Normalität, dass sie weitergespielt haben", sagt Tietze.

Zur Feier des Tages hat er nun seinen alten Olympiastadion-Schal mitgebracht. Seit Kindheitstagen ist er Anhänger des FC Bayern und Mitglied im Fanclub "De Rodn Muidofa". Nun sieht er, wie sein Verein 5:2 gegen Augsburg gewinnt, die Meisterschale in Empfang nimmt, und vor allem, wie Robert Lewandowski mit seinem 41. Saisontor Bundesliga-Geschichte schreibt. Unabhängig davon findet es Melanie Mundinar, 45, einfach "mega", eine Karte als Pflege-Heldin bekommen zu haben. Sie arbeitet als Fachkraft für Altenpflege in einem Seniorenstift in Kaufering und sagt, der Arena-Besuch sei ein "Highlight".

Das gilt auch für Dominik Heppner, 33, aus Altomünster. Er hat seine Karte über die Mitglieder-Verlosung erhalten, für die nach Angaben des Klubs etwa 10 000 Anfragen eingegangen waren. "Es ist eine tolle Sache, wieder im Stadion zu sein", sagt Heppner. Als Anhänger des FC Pipinsried erinnert er aber auch an den Amateursport, dessen Spielbetrieb eingestellt wurde. "Ich sehe es schon kritisch, dem Profifußball eine Sonderrolle einzuräumen", sagt Heppner.

Beim FC Bayern sind sie froh, nun auch wieder vor Publikum spielen zu dürfen. Es habe sich zwar "nicht ganz" so angefühlt wie vor 75 000 Zuschauern, räumt Joshua Kimmich hinterher ein, "aber es war schön, dass ein paar da waren". Trainer Hansi Flick sagt über die Fans: "Man hat sie immer wieder gehört, das hat gutgetan." Längst haben sie beim FC Bayern mit der Universität Manchester Pläne für eine Rückkehr der Fans im großen Stil ausgearbeitet. Man könne jederzeit loslegen und sei auf verschiedene Publikums-Szenarien vorbereitet, heißt es aus dem Verein. Jedenfalls, sofern es die Pandemielage erlaubt.

Deutlich voller werden dürfte es in der Münchner Arena aber schon vor der kommenden Bundesliga-Saison. Die deutsche Nationalmannschaft trägt hier ihre EM-Gruppenspiele gegen Frankreich (15. Juni), Portugal (19. Juni) und Ungarn (23. Juni) aus, zudem wird hier am 2. Juli ein Viertelfinale ausgetragen. Wie viele Zuschauer jeweils zugelassen werden, ist noch offen und richtet sich nach der dann gültigen bayerischen Corona-Verordnung.

Bisher bekannt sind nur die Szenarien, die München bei der Europäischen Fußball-Union Uefa eingereicht hatte, bevor die Stadt vor einem Monat als Austragungsort bestätigt worden war. Demnach dürfte die Entscheidung nun zwischen den beiden Szenarien "Lead" und "Upscale" fallen, die für ein Abebben der Pandemie vorgesehen waren. Im ersten Szenario dürfen bis zu 14 500 Zuschauer in die Arena, im zweiten sogar fast 27 000. Das Szenario "Backup" mit 0 bis 7000 Fans war für den Fall vorgesehen, dass die Pandemie unvermindert anhält. Diese Variante dürfte nun nicht zur Anwendung kommen. Das ist auch ganz im Sinne der Uefa, die auf die Spielorte massiv Druck ausgeübt und Garantien für die Zulassung von Zuschauern eingefordert hatte, obwohl die Pandemielage zu diesem Zeitpunkt noch deutlich angespannter war.

An diesem Samstag, mit 250 Fans, wirkt alles sehr entspannt und auch unbedenklich. Und sogar die La-Ola-Welle mit Meisterschale klappt am Ende fast so gut wie mit 75 000 Zuschauern.

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