Dass Stephan Lehmann im richtigen Leben seit vielen Jahren Radio macht, kann und will er nicht verbergen. Insofern nimmt es nicht Wunder, dass der ewige Stadionsprecher des FC Bayern – Spitzname: The Voice – auch für diese Moderation wieder ins Musik-Archiv gelangt hat, und zwar ganz schön tief. 1969 hatte ein gewisser Willy Schneider aus dem Schwarzweiß-Film von 1958 „Man müsste noch mal zwanzig sein“ einen Schlager gleichen Namens gemacht, mit den ziemlich legendären Zeilen:
„Ja so mancher Zecher sitzt vor leerem Becher, wie vor seiner eig’nen Jugendzeit. Und der Wein im Glase, rötete die Nase, doch er trübte die Vergangenheit.“
Was das mit der Sonderausstellung „20 Jahre Allianz Arena – Luftschloss, Wohnzimmer, Opernbühne“ zu tun hat? Ah ja, der Lehmann. Seit 1996 ruft er mit schöner Regelmäßigkeit „Tooooor für den FC Bayern!“ ins Jubel-Rund, zunächst im Olympiastadion und seit dem ersten Tag auch in der Arena. Als der FC Bayern an einem lauschigen Sommertag vor 20 Jahren dort erstmals auflief und die erfolglos auf die im Jahr darauf anstehende Heim-WM hin arbeitende Nationalelf 4:2 besiegte, war man sich einig: bestes Stadion der Welt. „Glorreich“ (The Guardian), „ein Kunstwerk“ (Die Welt), „Was für ein Kultraum“ (Süddeutsche Zeitung). Selbst die taz staunte: „viel schöner, gewagter, großartiger“, als man es dem FCB zugetraut hätte.


Kaum zu glauben, dass das 20 Jahre her sein soll. Ebenfalls kaum zu glauben: dass der monumentale Schwimmreifen neben der Autobahn im Grunde einem Mann zu verdanken sei. Sagt Uli Hoeneß, und der sollte es wissen: „Wenn Franz Beckenbauer nicht die WM nach Deutschland geholt hätte, gäbe es diese Arena nicht“, so der Ehrenpräsident bei der Eröffnung der Sonderausstellung in der Glitzerbude des Vereins, dem FC-Bayern-Museum im Bauch der Arena, in dem einem angesichts all der goldenen und silbernen Pokale die Augen flimmern. Wo soll bei all der Pracht denn bitte schön noch Platz für eine Sonderausstellung sein?
Hinten in der Ecke, direkt hinter dem nachgebauten Präsidiumszimmer, hat man noch ein Plätzchen gefunden. Zu sehen: eine filmische Dokumentation des Bauprozesses, ein Replikat des Grundsteins, ein leuchtendes Modell der Arena, der Nachbau eines Luftkissens aus der Fassade und ein Foto von Franz Beckenbauer mit Karl-Heinz Wildmoser, beide lachend.
Auf einer originalen Stadion-Sitzreihe Platz nehmend kann man sich auf einer Leinwand noch mal einige Highlight-Partien in der Arena ansehen: den längst ikonischen Philipp-Lahm-Schuss ins Kreuzeck beim Eröffnungsspiel der WM 2006, Roy Makaays schnellstes Champions-League-Tor aller Zeiten (nach zwölf Sekunden), aber auch Bastian Schweinsteigers unvergessenen Elfer beim „Finale dahoam“ 2012. Auch den Spielball dieses Albtraum-Matches haben sie tatsächlich aufgehoben, statt ihn einfach auf den Mond zu schießen.
Vereinspräsident Herbert Hainer bezeichnet die Spielstätte als „Leuchtturm des Weltfußballs“, schwärmt von der „grandiosen Idee, die Fassade leuchten zu lassen“, spricht von „einem Versprechen aus Beton, Stahl und Licht, einer Vision für die Zukunft und einer Heimat für die Identität des FC Bayern“, die erst so richtig zum Wohnzimmer geworden sei, „nachdem der zweite Mieter ausgezogen war“, denn die Arena sei schließlich „keine Wohngemeinschaft“.


Hoeneß wird später vom „schwindsüchtigen Partner“ sprechen – gemeint ist jeweils der TSV 1860 München, der gerade mal wieder ganz andere Probleme hat, als sich über solch herablassende Sätze aufzuregen. Hainer weiter: „In diesem Stadion wurde und wird Geschichte geschrieben. Wer hier einmal eine Gänsehaut gespürt hat, weiß: Das Beste wartet im nächsten Spiel.“ Zu den Aktualitäten (Woltemade!) mag oder kann der Vorstandsvorsitzende Jan-Christian Dreesen dann aber wenig bis gar nichts sagen.
Ganz im Gegensatz zu Uli Hoeneß, der heute allerdings mal über die Vergangenheit spricht. Die Vision einer neuen Arena habe man schon viele Jahre zuvor gehabt, so Hoeneß. Auslöser seien die Fan-Wünsche nach einem eigenen Fußballstadion ohne Laufbahn gewesen. Der angedachte Umbau des Olympiastadions wäre jedoch „eine Katastrophe“ geworden, sagt Hoeneß.
Jede Menge Widerstand gegen die Neubaupläne habe es damals gegeben, einmal sogar Streit mit Ministerpräsident Edmund Stoiber: „Er wollte unbedingt das Olympiastadion erhalten, und da habe ich ihm einmal zugerufen: „Vergiss nicht: Der FC Bayern hat mehr Fans als die CSU Wähler!“ Als Architekt Günter Behnisch dann tatsächlich öffentlich einräumen musste, dass ein Umbau des Olympiastadions nicht machbar sei, habe Oberbürgermeister Christian Ude bei Hoeneß angerufen und gemeint: „Jetzt kriegen Sie Ihr Scheiß-Stadion!“ Gelassen fasst der Ehrenpräsident zusammen: „Es war schon eine verrückte Zeit.“
Arena-Geschäftsführer Jürgen Muth staunt heute noch darüber, wie schnell und reibungslos der rund 300 Millionen Euro teure Bau damals über die Bühne ging: in nur 30 Monaten. „Wie schnell etwas geht, wenn alle dasselbe wollen.“ Vorstandschef Dreesen erinnert daran, dass jedes Jahr Millionen investiert werden, damit die Arena „heute so da steht, als hätten wir sie gerade erst hingestellt“. Und bis auf „größere Aufzüge und eine verbesserte ÖPNV-Anbindung“ (Muth) wolle man auch gar nicht so viel verändern an dem „Wahrzeichen der Stadt“ (Dreesen). Und damit noch mal zu Willy Schneider:
„Und wenn das Herz dann ebenso entscheiden könnt’ wie damals, ich glaube, dann entschied es sich noch mal, noch mal für dich.“

