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Ballsaison in München:Faschingsball statt Oide Wiesn

Im Deutschen Theater tanzen Trachtler recht leger beim Bürgerball Oide Wiesn.

(Foto: Stephan Rumpf)

1200 Trachtler feiern im Deutschen Theater den Bürgerball "Oide Wiesn" mit Volksmusik, im Bayerischen Hof rocken die Metzger mit Günther Sigl und Willy Astor.

Für traditionsbewusste Wiesnbesucher ist die Saison 2020 schon gelaufen: Das Zentrale Landwirtschaftsfest wird in diesem Jahr das Calypso-Karussell und andere Attraktionen der Oidn Wiesn verdrängen - wer das Flair der Oidn Wiesn liebt, absolviert seinen Festbesuch deshalb heuer gleich im Fasching, beim "Bürgerball Oide Wiesn" im Deutschen Theater am Freitagabend. Rund 1200 Gäste in Tracht geben sich da dem großen Auftanz, der Polka und dem Zwiefachen hin. Und wie bei der echten Oidn Wiesn gibt's Volkstanz zum Mitmachen, angeleitet durch nette Tanzmeister. Die Atmosphäre passt, es geht ein bisserl entschleunigt zu, und es hat Qualität.

In den Büros des Deutschen Theaters raunen sie, das sei "der ehrlichste" unter all den 15 Faschingsbällen der laufenden Saison. Weil Trachtler aus ganz Oberbayern nach München dafür kommen, von 20 bis 2 Uhr tanzen, echte Volksmusik hören und stolz ihre schönen bairischen Trachten durchs ehrwürdige Haus ausführen. Das Deutsche Theater, wo Lustbarkeiten seit 1896 ihren Platz haben, veranstaltet den Ball zusammen mit dem Festring, der auch die Oide Wiesn organisiert.

Im Bayerischen Hof feiern die Münchner Metzger ihren traditionellen "Bal paré de Charcutier" - inzwischen aber nicht mehr nur unter sich, weil die Zahl der Innungsbetriebe stark geschwunden ist

(Foto: Sebastian Gabriel)

Im Silbersaal lassen's Goaßlschnoizer immer wieder knallen, Trachtengruppen posieren vor dem großen, samtroten Vorhang fürs Gruppenfoto, und nebenan, im Tanzsaal 2, in dem weiß-blau karierte Papierbahnen an der Decke als "Weißwursthimmel" fungieren, spielt Gottfried Lang als einer von elf Beratzhauser Musikanten mit seinem Tenorhorn "den Kikeriki" oder "den Waldjaga". An der Wand hinter ihm erinnern Aufschriften wie "Paso Doble" und "Discofox" an Tanzschulbetrieb. Aber das passt auch beim Ball, denn beim "Kikeriki" dürfen alle mittun, die Tanzmeister sagen an: "Ohne Hacke, Nachschritt, nei", und dann den Dreher in vier Schritten beim "Kikeriki". Männer lupfen kurz ihre Hüte, wischen sich die feuchte Stirn, und weiter geht's im Dreivierteltakt. Und manche singen beim Tanz ziemlich vernehmlich mit und verstärken die Kapelle. Stört niemanden, bringt sogar Stimmung.

Gerlinde und Frank Wagenhofer mögen das alles, sie kommen mit einigen Freunden mit dem Zug aus Burghausen, lassen es sich gut gehen und haben gemeinsam ein Anrufsammeltaxi für die Rückfahrt gebucht. Daheim betreiben sie eine Hammerschmiede, waren beim Wiesnumzug auch schon als Burghausener Herzogpaar dabei - und haben das Ball-Plakat auf der Oidn Wiesn entdeckt. Dass die Musik wirklich gut ist, sagt ihnen nicht nur ihr Gefühl - als Mitreisender kann ihnen Bernhard Waas das auch fachlich bestätigen. Er ist Dirigent der Raitenhaslacher Georgs-Bläser, einer Blaskapelle mit mehr als 100 Aktiven, die auch schon auf der Oidn Wiesn gespielt hat. "Beeindruckend" findet er das Angebot, insbesondere Wolfgang Grünbauer und seine Oktoberfestmusikanten, die im großen Ballsaal zusammen mit Gigi Pfundmair auch alte Münchner Lieder und Couplets auferstehen lassen. "Die spielen perfekt, und da singt und wippt man mit."

Zünftig ist's natürlich auch beim "Bal paré de Charcutier" am Samstagabend im Bayerischen Hof. Was sich so geschmeidig im Reim spricht, ist der "Geschmückte Ball" der Münchner Metzgerinnung und des Vereins "Vereinigte Münchner Metzger", der mal als Krankenunterstützungsverein für Metzgergesellen gegründet wurde, als es noch keine Sozialversicherungen gab. Wer da an Wursttheke und weiße Arbeitskittel denkt, liegt falsch: Die Herren in Anzug und Smoking, die Damen in prächtigen Abendkleidern, perfekte Showmusik von Cagey Strings, dazu eine atemberaubende Akrobatik-Show der Augsburger Faschingsgesellschaft "Hollaria" - die Metzger lassen sich nicht lumpen. Und das, obwohl sie diesen Ball bis vor zehn Jahren noch privat unter sich feiern konnten, inzwischen aber auch die Öffentlichkeit an die Ticketkasse lassen und nur so die rund 350 Gäste in den Bayerischen Hof bringen: Vor 30 Jahren waren es mal fast 1300 Innungsbetriebe in München, berichtet Hubert Gerstacker, heute seien es nicht einmal mehr 90. "Wir sind der letzte Handwerkerball in München", die Bäckerinnung habe mit ihrem einst gefeierten "Ball der 1000 Torten" längst die Segel gestrichen.

Die Metzger stemmen sich gut gegen den Trend - mit einem wirklich feschen Ball und auch mit einem Programmhöhepunkt, bei dem Spider-Murphy-Gang-Chef Günther Sigl zum "Botschafter des guten Geschmacks" gekürt wird. Die "Schlaudatio" steuert Willy Astor bei und erkennt, dass der Hochgelobte "für die bayerische Metzgerinnung ein Qualitäts-Sigl" sei. Astor lässt sich eine Gitarre reichen und singt als Zugabe zur Lobrede den fein aufs Fachpublikum abgestimmten Hit "Maschin scho putzt". Günther Sigl bedankt sich ebenfalls musikalisch - bei "Schickeria" und "Skandal im Sperrbezirk" bekommt er nicht nur Begleitung von den Cagey Strings, sondern 350-stimmige Verstärkung im bebenden Festsaal.

Günther Sigl, Kopf der Spider-Murphy-Gang, lässt sich im roten Sessel von Willy Astor zum "Botschafter des guten Geschmacks" ausrufen.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Weißwurst-Papst Werner Braun aus Sulzemoos (Kreis Dachau), Vize-Landesinnungsmeister, gefällt, wie sich seine Zunft hier öffentlich präsentiert. "Der Metzger ist ein Nahrungsmittelhersteller, und er hat ja eine feine Seele." Aber offenbar nicht fein genug, um herauszufinden, woher sie im Bayerischen Hof die vielen Weißwürste für den Metzgerball beziehen. "Das kriegen wir seit Jahren einfach nicht raus, das ist top secret", sagt Braun. Und da wird der Metzgerball dann doch noch ein bisserl kurios: Ein Weißwurstgeheimnis, das nicht einmal vor den Metzgern gelüftet wird...

Hinweis: In einer früheren Fassung hieß es, das alle vier Jahre stattfindende Zentrallandwirtschaftsfest verdränge im Jahr 2020 auch das Festzelt "Tradition". Das stimmte so nicht - denn Festwirt Toni Winklhofer stellt sein Zelt wie 2016 schon auch auf dem Zentrallandwirtschaftsfest auf. Inklusive dem gewohnten Trachten- und Musikprogramm, das wie auf der Oidn Wiesn der Festring München organisiert.

© SZ vom 27.01.2020/vewo
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