bedeckt München
vgwortpixel

Kunst und Literatur:Auf den Spuren der Familie Gurlitt

Alexandra Cedrino

Alexandra Cedrino hat einen Roman geschrieben, der vom Leben ihres Großvaters Wolfgang Gurlitt inspiriert ist.

(Foto: Alexander Tempel)

Alexandra Cedrino stammt aus der Kunsthändler-Familie Gurlitt. Deren faszinierende Geschichte verarbeitet sie in ihrem Debütroman - und spricht über den Moment, als sie von der NS-Raubkunstsammlung ihres Verwandten erfuhr.

Als Alexandra Cedrino am 3. November 2013 aus den Medien erfährt, dass die Kunstsammlung eines gewissen Cornelius Gurlitt beschlagnahmt worden sei - die jede Menge NS-Raubkunst enthalten sollte und auf einen astronomischen Wert von bis zu einer Milliarde Euro geschätzt wurde -, ist sie nach eigenen Worten "wie vom Donner gerührt".

Obwohl sie aus der Familie Gurlitt stammt und in München geboren und aufgewachsen ist, hat sie bis dato von Cornelius noch nie gehört. Dabei hatte die Illustratorin, Grafikerin und Marketing-Frau kurz davor selbst Interesse an ihrer Familiengeschichte entwickelt und erste Recherchen angestellt. Ihr Großvater Wolfgang Gurlitt war Kunsthändler, ebenso wie Hildebrand Gurlitt, der Vater von Cornelius. Hildebrand und Wolfgang hatten dieselbe jüdische Großmutter, und sie machten beide Geschäfte mit den Nazis.

Persönlich hatte sie auch ihren Opa nie kennengelernt, er ist 1965, im Jahr vor ihrer Geburt, gestorben. Doch seine Münchner Galerie kannte Alexandra sehr wohl noch. Für Wolfgang war diese die letzte Station in einem wild-bewegten Leben als Kunsthändler, Sammler und "Frauenzauberer" gewesen. So nannte man ihn in der eigenen Familie, in der Ex-Frauen und Lebensgefährtinnen zu einem großen, opulent unterhaltenem Ganzen verschmolzen.

Für Alexandra war die Galerie am Hofgarten der magische Ort ihrer Kindheit. Direkt an dem kleinen Barockpark der Münchner Residenz, in der Galeriestraße gelegen, bot sie dem Mädchen, das sie war, einen unendlichen Quell der Erkundungen. Denn ihre Großmutter hat sie nach Wolfgang Gurlitts Tod noch einige Jahre weitergeführt, mit Kunst im oberen Geschoss und Büchern im Parterre.

Warum Alexandra trotz Blutsverwandtschaft und verwandter Biografien der Cousins Wolfgang und Hildebrand nichts von Cornelius' Existenz wusste, erklärt sich in einer alten Fehde. Die hatte die Familie Gurlitt schon in der Elterngeneration der Vettern entzweit, als alle noch in Berlin wohnten.

"Mein Großvater wollte nie was mit Hildebrand zu tun haben. Es ging dabei wohl um Wolfgangs Mutter Annarella, die in der Familie auf harsche Ablehnung gestoßen war", sagt Alexandra Cedrino. Und solche familiäre Dramen sind denn auch die Würze in ihrem Debütroman, der trotzdem noch mehr zu bieten hat. "Die Galerie am Potsdamer Platz" (erschienen bei Harper Collins) erzählt von der jungen Alice, die nach Berlin zieht und Anschluss an die Kunsthändler-Familie ihrer verstorbenen Mutter sucht.

Wie sehr Gurlitt den Prunk liebte, zeigt sein Berliner Arbeitszimmer.

(Foto: Bonn 2020, Privatarchiv)

Der Leser erhält Einblicke in die Kunstszene und die Gesellschaft der frühen 1930er-Jahre. Er erfährt, wie die Nationalsozialisten allmählich an die Macht kommen und warum sie sich anfänglich für den "Nordischen Expressionismus begeistern". Im Verlauf der Geschichte, in der auch Liebe, Lust und Leidenschaft nicht zu kurz kommen, stellt sich für Alice immer virulenter die Frage nach Widerstand oder Anpassung.

Wer Alexandra Cedrino persönlich kennenlernt, ahnt, wie sie diese Frage für sich beantwortet. "Mein großer Drang, Nein zu sagen, ist wohl mein bestimmender Charakterzug", glaubt sie. Und der verbinde sie womöglich auch noch mehr mit ihrer Protagonistin als "die dunklen Locken", die "bernsteinfarbenen Augen" und das Talent fürs Fotografieren, die sie ihr verleiht.

Dennoch nennt sie vor allem eine andere Frau aus der Familie Gurlitt, wenn es gilt ein mögliches Vorbild für Alice dingfest zu machen - besagte Annarella. "Vielleicht ähnelt sie meiner Urgroßmutter ein bisschen, die ebenfalls eine Außenseiterin in der Familie war und nach dem Tod ihres Mannes ziemlich gemobbt wurde. Aber sie war nicht ganz so radikal. Immerhin musste sie allein vier Kinder versorgen."

Geschrieben hat Alexandra Cedrino "schon immer", sagt sie, auch wenn sie zunächst eine Ausbildung zur Illustratorin gemacht hat. "Ich war von Klein auf fasziniert von Kinderbüchern und deren kunstvollen Illustrationen. Aber irgendwann habe ich eingesehen, dass ich noch extrem viel an mir würde arbeiten müssen, um selbst das Niveau zu erreichen, das mir vorschwebte."

Also suchte Alexandra Cedrino die Veränderung. Sie ging 2001 mit ihrem Mann von München nach Berlin - ohne je zuvor dort gewesen zu sein. Sie wechselte in die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit eines Verbands und professionalisierte ihr Schreiben in Workshops und immer neuen literarischen Experimenten.

In Berlin begegnete ihr die eigene Familiengeschichte an vielen Ecken. Etwa in der Behrensstraße, wo schon ihr Urgroßvater Fritz seine erste Galerie hatte. Wenn sie eine Initialzündung benennen soll, für den Entschluss, die Familiengeschichte in Romanform zu gießen, sagt sie: "Jemand hat meinen Großvater als Profiteur der Nazizeit bezeichnet. Ich fand es spannend, dahinter zu schauen. Warum hat jemand wie gehandelt?" Und weil die Geschichte ihrer Familie und die des Kunsthandels in der NS-Zeit derart spannend sind, plant sie schon zwei weitere Bände; der Roman ist als Trilogie angelegt.

Ausstellung in Würzburg

Seit dem "Schwabinger Kunstfund" sind Cornelius Gurlitt (1932 - 2014) und sein Vater Hildebrand (1895 - 1956) weltweit bekannt. Weniger im Fokus stand zunächst Wolfgang Gurlitt (1888 - 1965), der Cousin Hildebrands. Derzeit ist ihm eine Ausstellung im Würzburger Kulturspeicher gewidmet. Aus seinen früheren Beständen ist bis dato schon mehr Raubkunst an jüdische Besitzer zurückgegeben worden, als etwa aus jenem 2012 beschlagnahmten Bestand, den Cornelius von seinem Vater geerbt hatte. Allein die Stadt Linz hat seit 1999 (dem Jahr des Washingtoner Abkommens) 13 Werke restituiert, die sie von Wolfgang Gurlitt übernommen hatte. In Linz war die Ausstellung zuerst zu sehen, die Wolfgang Gurlitts "ebenso glanzvolles wie problematisches Erbe" thematisiert. "Wolfgang Gurlitt. Zauberprinz" ist deren Titel - in Anlehnung an eine Zeichnung, die Oskar Kokoschka 1923 von ihm fertigte.

In Würzburg ist sie aus Platzmangel in reduziertem Umfang zu sehen. Auch mit dieser Stadt verband Wolfgang Gurlitt eine intensive Geschäftsbeziehung. Zu seinem großen Netzwerk zählte Heiner Dikreiter, der Gründungsdirektor von Würzburgs Städtischer Sammlung, die sich heute im Museum im Kulturspeicher befindet. Dessen stellvertretende Direktorin Henrike Holsing kuratierte die Würzburger Version der Schau: "Würzburg war die museale Sammlung, die am meisten Werke bei Wolfgang Gurlitt gekauft hat", sagt sie. Als seine Berliner Galerie 1944 ausgebombt wurde, "suchte er nach einem geeigneten Umfeld für seine Aktivitäten", sagt Holsing, und Dikreiter besorgte ihm eine Wohnung in der Würzburger Maxstraße. Doch nach der Zerstörung der Stadt am 16. März 1945 blieb auch davon nichts übrig, und Gurlitt zog weiter nach Österreich. Im Kulturspeicher kann man anhand von Werken von Lovis Corinth, Oskar Kokoschka, Alfred Kubin, Max Pechstein und Egon Schiele seine internationale Tätigkeit als Kunsthändler und Verleger nachvollziehen. Zur Ausstellung existiert ein gleichnamiger und umfangreicher Katalog im Hirmer Verlag. her

Wolfgang Gurlitt. Zauberprinz, Kunsthändler - Sammler, bis 3. Mai, Oskar-Laredo-Platz 1, Würzburger Kulturspeicher, t 09 31/32 22 50

Wolfgang Gurlitt war ein ausgeprägter Familienmensch - wenn auch ein besonders unkonventioneller. Er scharte Frauen um sich, lebte als schillernde Figur der Gesellschaft, ließ sich von vielen Künstlern, mit deren Werke er handelte und die er sammelte, auch porträtieren. Er unterhielt legendäre Salons und baute ebensolche Pleiten. Von der Gestapo wurde er misstrauisch beobachtet und trotzdem handelte er mit den Nazis.

Fürs "Führermuseum" in Linz wollte er ihnen Gemälde verkaufen, sie hofften, von ihm aus den alten Beständen seiner Familie an so manches Desiderat zu kommen, wie ein paar Feuerbach-Gemälde etwa. Nach Linz führte es ihn nach 1945 dauerhaft. Er übernahm 1946 ehrenamtlich die Direktion der Neuen Galerie der Stadt (heute Lentos Kunstmuseum) und zeigte dort mehr als 100 Ausstellungen. Anfang der 50er-Jahre erwarb Linz den Grundstock des Museums aus seinen Beständen. Doch überwarf man sich, und Gurlitt zog 1956 in die Nähe seiner Schwester nach München. "Dort startete er nach der Galerie am Hofgarten noch ein verwegenes Projekt mit einer Dependance am Stachus", sagt seine Enkelin. Wie er damit scheiterte, könnte weitere Bände ihres Romans füllen.

Doch nun ist Alexandra Cedrino erst einmal auf Lesereise. An diesem Mittwoch, 18.30 Uhr, im Kulturspeicher in Würzburg, am Donnerstag, 27. Februar, 20.30 Uhr in der Autoren Galerie am Pündterplatz in München.

© SZ vom 26.02.2020/kafe
Kunst "Es sind immer die gleichen Ausreden"

Ronald Lauder über NS-Raubkunst

"Es sind immer die gleichen Ausreden"

Deutschland versagt bei der Rückgabe von NS-Raubkunst, kritisiert Ronald Lauder, der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses. Der Skandal um die Max-Stern-Ausstellung in Düsseldorf ist für ihn ein Symbolfall.   Interview von Catrin Lorch

Zur SZ-Startseite