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Lockdown in München:Große Führerschein-Pause

Fahrschule

Fahrschulen in München müssen derzeit geschlossen bleiben.

(Foto: Swen Pförtner/dpa)

Wegen Corona sind Münchens Fahrschulen schon seit Wochen geschlossen. Manche Betriebe fürchten um ihre Existenz - und manche um einen nicht zu bewältigenden Ansturm im Sommer.

Von Sebastian Theuner

Chinesische Lockdown-Maßnahmen sehen mitunter schon mal die komplette Stilllegung des Straßenverkehrs vor. So weit kommt es hierzulande trotz zuletzt erneut verschärfter Regeln im Zuge der Corona-Pandemie nicht. Für manche steht die Ampel derzeit dennoch auf Rot: In Münchens Fahrschulen herrscht seit dem 9. Dezember Stillstand. An diesem Tag war die Sieben-Tage-Inzidenz in der Stadt auf über 200 angestiegen. Eine Woche später erfolgte dann ein bayernweites Verbot.

"Aus dem ersten Lockdown haben wir noch Altlasten, die bis heute nicht abgearbeitet sind", sagt Udo Wagner, stellvertretender Chef des Münchner Regionalverbandes im Verband bayerischer Fahrlehrer. Für die Zeit nach dem Lockdown "weiß ich jetzt schon, was uns blüht, wir werden von früh bis nachts arbeiten, sechs Tage die Woche." Dabei moniert Wagner die unterschiedlichen Regelungen der Bundesländer. So dürften etwa in Hessen weiterhin Fahrstunden und theoretischer Präsenzunterricht angeboten werden. "Das ist Wettbewerbsverzerrung und nicht in Ordnung", findet Wagner.

"Die Leute, die sich jetzt anmelden, werden bis zum Sommer keinen Führerschein haben"

Die Münchner Fahrschulen bleiben auf ihrer Arbeit und ihren Kosten sitzen. "Es staut sich alles auf", sagt Jochen Harzer, Inhaber der Fahrschule Harzer, die im Münchner Westen drei Filialen betreibt. "Die Leute, die sich jetzt anmelden, werden bis zum Sommer keinen Führerschein haben", prognostiziert er. Sie werden wohl erst dann mit dem Unterricht beginnen können. Hinzu kommt, dass viele Schülerinnen und Schüler ihre laufende Ausbildung unterbrechen mussten. "Der große Ansturm kommt, das wird uferlos", glaubt Harzer, der sich bei Wiederöffnung auf ein "Arbeiten rund um die Uhr" einstellt.

Auch finanziell macht sich die Situation bemerkbar. "Wir fahren eine Nullrunde", sagt Jeanette Lamm, Fahrlehrerin bei der Fahrschule Tischer in Pasing. Sie habe das Gefühl, bei den Überbrückungshilfen vergessen worden zu sein. Bislang sei keine Unterstützung vom Staat angekommen: "Man macht uns den Laden zu, aber bietet keine Hilfe an." Wobei das bisher ausgebliebene Geld wohl weniger dem fehlenden Angebot als den beschwerlichen Wegen der Bürokratie zuzuschreiben ist. "Es dauert einfach, bis die Hilfen kommen", bestätigt Jochen Harzer und stellt die Frage: "Was nutzt es, wenn das Geld erst in drei Monaten da ist? Bis dahin sind manche schon pleite." Gerade kleinere Fahrschulen seien gefährdet.

Probleme gibt es mehrere - etwa fehlen Fahrlehrerinnen und -lehrer

Eine Nachfrage bei Jürgen Krumbein bestätigt das. Der Fahrlehrer ist Inhaber der Fahrschule Krumbein in der Maxvorstadt. "Ich buttere mein Privatvermögen rein, Soforthilfen kommen zu spät oder gar nicht." Sie würden außerdem kaum helfen. Etwa 12 000 Euro erwirtschafte seine Fahrschule im Monat. Da seien "9000 Euro Soforthilfe aus dem ersten Lockdown für drei Monate, die wir laut Steuerberater sowieso wieder zurückzahlen müssen, ein schlechter Witz. Die Lage ist sehr schlimm, für mich wird das existenzbedrohend."

Zwei Faktoren erschweren die Situation zusätzlich: Zum einen dürfen Fahrschulen dem bundesweiten Fahrlehrergesetz zufolge Theorie-Unterricht ausschließlich in Präsenzform anbieten. Der elektronische Unterricht könne also "nicht ohne Weiteres auf den theoretischen Unterricht der Fahrschulausbildung angerechnet werden", schreibt der Landesverband bayrischer Fahrlehrer auf seiner Webseite. Ausnahmeregelungen sind kostenintensiv und an die Genehmigung der bayrischen Staatsregierung geknüpft.

Zum anderen herrscht ein enormer Mangel an Fahrlehrerinnen und Fahrlehrern. Wie viele allein in München fehlen, kann Udo Wagner zahlenmäßig nicht benennen, doch sieht er "durchweg ein Problem, das sich durch die Überalterung des Berufsstandes entwickelt hat". Die Fahrlehrerausbildung kostet viel Geld, etwa 14 000 Euro. Das müssten junge Anwärter erst einmal aufbringen in einer Zeit, in der sie selbst nichts verdienen, sagt Wagner. Entscheidend sei für die meisten Fahrschulen, dass sie überhaupt noch Mitarbeiter finden. Die Qualität potenzieller künftiger Fahrlehrer spiele bei der Suche schon gar keine Rolle mehr.

© SZ vom 01.02.2021/sonn, van
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