Wie gut radelt es sich in München? Diese Frage stellt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) alle zwei Jahre den Radfahrenden in ganz Deutschland. Bundesweit haben rund 213 000 Menschen am sogenannten Fahrradklima-Test teilgenommen. Das ist eine Umfrage, bei der die Teilnehmer verschiedene Aspekte zum Thema Radfahren mit Schulnoten bewerten können. In München haben 4552 Radler und Radlerinnen ihr Votum abgegeben, das sind 637 mehr als bei der Umfrage 2022.
Und das Münchner Ergebnis für 2024 ist nicht überraschend, weil seit dem Jahr 2012 immer – mit geringen Abweichungen hinter dem Komma – die gleiche Bewertung herauskommt: ausreichend, genauer: 3,9.
Damit landet München, wie schon 2022, auf dem fünften Platz unter den 15 Großstädten mit mehr als 500 000 Einwohnern. Und die schenken sich bei der Bewertung nur wenig, fast alle sind gerundet nur ein „Ausreichend“ – bis auf Frankfurt am Main, das mit der Note 3,49 gerade noch ein „Befriedigend“ schafft. Wegen des knappen Votings sind die Ergebnisse des Rankings in zwei Dezimalstellen aufgelistet. Der zweite Platz, Hannover, kommt auf 3,52, gefolgt von Bremen (3,54), Leipzig (3,70) und eben München mit 3,90. Schlusslicht ist Duisburg mit 4,46.

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Die Teilnehmenden konnten 27 Fragen beantworten, am besten schnitt in München die Wertung beim Angebot an öffentlich ausleihbaren Fahrrädern und den in Gegenrichtung für Radler geöffneten Einbahnstraßen ab, beides schaffte mit 2,5 ein knappes „Gut“. Um weitere Beispiele zu nennen: Die Erreichbarkeit des Stadtzentrums kommt auf eine glatte Drei, der Spaßfaktor des Radelns nur auf ein 3,7. Ab der Frage nach den Konflikten mit Fußgängern (4,0) wird es dann prekär: der Winterdienst, das Sicherheitsgefühl, die Führung an Baustellen und weitere Aspekte –alles schlechter als eine Vier. Bei der Ampelschaltung für Radler (4,8), der Breite der Radwege (5) und der Falschparkerkontrolle dort (ebenso 5) ist das Klassenziel eindeutig nicht erreicht.
Der ADFC hat diese ungute Bewertung kommen sehen. Die Gründe für Münchens erneut enttäuschendes Abschneiden seien offenkundig, teilt der Verein mit. Die Münchner Radfahrenden seien „zunehmend frustriert und desillusioniert“. Obwohl der Radentscheid bis zum Jahr 2025 weitgehend umgesetzt sein sollte, dümple der Ausbau der Radinfrastruktur in München weiter vor sich hin. Trotz einer Vielzahl geplanter und vom Stadtrat bereits verabschiedeter Umbaumaßnahmen suchten Radfahrende meist vergeblich nach erkennbaren Verbesserungen im Straßenbild – bestenfalls stießen sie auf vereinzelte, wenige hundert Meter umfassende „Flickwerk-Lösungen“. Viele fühlten sich daher im Verkehr unsicher.
„Münchens Radfahrende fühlen sich bedrängt, behindert und gefährdet“, sagt Andreas Schön, Vorsitzender des ADFC München. „Im Fahrradklima-Test bemängeln sie genau das, was sie Tag für Tag auf Münchens Straßen als gefährlich erleben: fehlende, zu schmale und oft schlechte Radwege, viel zu knappe Abstände, wenn Autofahrende sie überholen.“ Hinzu kommen laut Schön unzählige Falschparker, die „vollkommen selbstverständlich und aus Bequemlichkeit“ Menschen gefährdeten, deren Verhalten die Stadt aber kaum sanktioniere. „Das lässt Radfahrende frustriert, fassungslos und wütend zurück.“
Die Mehrheit der Befragten findet, es herrsche ein aggressives Klima im Verkehr
Zugleich nehme die Aggressivität aller Verkehrsteilnehmenden zu. Mehr Radverkehr auf weiterhin viel zu knappem Platz führe zu Konflikten auch unter Radfahrenden.
Diese Bewertung Schöns ist durch die Ergebnisse der Umfrage gedeckt. Die Mehrheit der Befragten findet, es herrsche ein aggressives Klima im Verkehr (Note 4,6), es werde zu eng überholt (4,8) und auch die Radfahrenden kämen sich regelmäßig ins Gehege (3,6). Außerdem finden viele, dass die Stadt gerade einmal „ausreichend“ für ein rücksichtsvolles Miteinander im Verkehr werbe. Die städtische, 2022 gestartete Kampagne „Merci Dir“, die genau das versuchte, war auch Sicht der Umfrageteilnehmer offenbar zu wenig. Und auch die Frage, wie sich die Stadt um mehr Verkehrssicherheit, insbesondere für Radler und Passanten kümmere, kommt nur auf ein „Ausreichend“:
„Letztlich werden die Bedürfnisse der Radfahrenden nicht ernst genommen“, sagt Schön. „Beim Ausbau der Radinfrastruktur mangelt es vor allem am politischen Willen. Das erneut schlechte Abschneiden beim Fahrradklima-Test ist die Quittung für diese Haltung.“

