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Raubgrabungen:Fahnder nehmen internationalen Schmuggler fest

Schmuggelware aus der Antike: Hopliten genannte griechische Soldaten trugen derartige Helme vor 2400 Jahren in Süditalien.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Ermittler haben am Münchner Hauptbahnhof einen Schmuggler in flagranti erwischt.
  • Der 77-Jährige hatte einen etwa 2400 Jahre alten korinthischen Helm und drei Münzen aus der römischen Kaiserzeit im Reisegepäck.
  • Der Mann steht schon länger im Verdacht, italienische Kulturgüter über München nach Belgien zu transportieren, um sie dort auf dem internationalen Kunstmarkt anzubieten.

Kunstfahndern des Landeskriminalamts (LKA) ist ein großer Erfolg gegen den illegalen Schmuggel mit Antiken aus Italien gelungen. Wie am Mittwoch bekannt wurde, konnten sie vor einer Woche einen Schmuggler in flagranti am Münchner Hauptbahnhof festnehmen. Ermittler halten den 77 Jahre alten Italiener für einen "dicken Fisch", der schon seit Jahren im transalpinen Handel mit verschwundenen oder illegal ausgegrabenen Kunstwerken mitmischt.

Der etwa 2400 Jahre alte korinthische Helm und die drei Münzen aus der römischen Kaiserzeit, die der ältere Herr in seinem Reisegepäck hatte, waren wohl nicht für Auktionshäuser oder Sammler im oft als "Isar-Athen" titulierten München bestimmt. Zumindest deutet die Vorgeschichte des Bahnreisenden in Sachen Antikenschmuggel darauf hin. Der 77-Jährige ist für die an der Barbarastraße ansässigen LKA-Kunstfahnder kein Unbekannter. Er steht schon länger im Verdacht, illegal ausgegrabene oder "sonst abhandengekommene" italienische Kulturgüter über München nach Belgien zu transportieren, um sie dort auf dem internationalen Kunstmarkt anzubieten.

Die Fahnder waren informiert, dass der Mann einen Zwischenstopp in München einlegen würde. Woher der Hinweis kam, wollte LKA-Sprecher Ludwig Waldinger nicht verraten. Naheliegend ist aber, dass italienische Sicherheitsbehörden den deutschen Kollegen einen Tipp gaben. In Italien ermittelt ein eigenes Kriminalamt ausschließlich gegen die organisierte Kriminalität, die "Direzione Investigativa Antimafia" (DIA).

Gegen 9 Uhr verließ der Verdächtige am Mittwoch vergangener Woche sein Hotel und ging zum Hauptbahnhof. Bevor er dort in den Zug steigen konnte, der ihn wieder einmal nach Belgien bringen sollte, kontrollierten ihn die LKA-Beamten. Der vom süditalienischen Festland stammende Mann, der sich selbst als "Geschäftsmann und Händler" bezeichnet, hatte zwei große Reisekoffer und einen gefüllten Stoffbeutel dabei. In einem der Koffer war der in Schaumstoff eingewickelte korinthischer Bronzehelm versteckt. Außerdem fanden die Beamten noch drei antike Münzen im Gepäck, die in der römischen Kaiserzeit geprägt wurden.

In ersten Schätzungen taxierten Experten in Rom und in München den Bronzehelm, der aus dem vierten bis dritten Jahrhundert vor Christus stammen dürfte, auf einen Marktwert von rund 100 000 Euro. In jener Epoche blühten in Süditalien und Sizilien knapp 50 von griechischen Auswanderern gegründete Städte. Die Region zwischen Neapel, Reggio und Tarent hieß deshalb in der Antike "Magna Graecia", Großgriechenland.

Der Helm ist ungewöhnlich gut erhalten. Er wurde aber offenbar nicht aus einem Museum gestohlen, denn auf entsprechenden Listen ist er laut LKA-Sprecher Waldinger nicht zu finden. Der Helm wurde also wohl bei einer Raubgrabung zu Tage gefördert. Wo das gewesen sein könnte und ob das antike Fundstück vor dem Schmuggel bereits restauriert wurde, sollen jetzt die Experten der Archäologischen Staatssammlung an der Lerchenfeldstraße herausfinden. Dorthin wurde der Helm am Mittwochnachmittag gebracht.

Seine Endstation wird das freilich nicht sein - nach Abschluss des Verfahrens gegen den 77-Jährigen wird die antike Kostbarkeit, die wohl einst den Kopf eines griechischen Soldaten schmückte, an Italien zurückgegeben und dort zur Zierde eines Museums werden. "Da gehört er natürlich hin", sagt der LKA-Sprecher.

Das kann freilich noch einige Zeit dauern. Dem Schmuggler wird in München der Prozess gemacht. Da der 77-Jährige keinerlei Dokumente, die eine rechtmäßige Aus- und Einfuhr erlauben würden, vorweisen konnte, wurde er festgenommen. Gegen ihn ermitteln das LKA und die Staatsanwaltschaft München I wegen mehrerer Straftaten nach dem Kulturgutschutzgesetz - wegen der illegalen Einfuhr und weil der Mann die heiße Ware "in Verkehr bringen" wollte. Außerdem wird der Süditaliener sich wegen Hehlerei verantworten müssen. Da er seine Schmugglertätigkeit wohl erwerbsmäßig ausgeübt hat, drohen ihm ein bis zehn Jahre Gefängnis.

Klar ist, dass der Mann Mittäter hatte. "Er ist sicher nicht derjenige, der schaufelte", sagt Waldinger. Sowohl in Italien als auch in Belgien gehen deshalb die internationalen Ermittlungen weiter. Nach Einschätzung italienischer Experten stecken in der Regel nicht die auch in München tätigen großen Mafiagruppierungen wie die neapolitanische Camorra, die kalabrische 'Ndrangheta, die apulische Sacra Corona Unita oder die sizilianische Cosa Nostra hinter den Raubgrabungen.

Das illegale Geschäft mit Kulturgut machen meist hochspezialisierte lokale Banden, die ihrerseits Kontakte zu den großen Netzwerken der organisierten Kriminalität pflegen. So flog im Sommer 2018 eine Gruppe aus Sizilien auf, die systematisch die Welterbestätte Agrigent geplündert und auch zwei Münchner Auktionshäuser beliefert haben soll.

Im aktuellen Fall gibt es Hinweise, dass eine den italienischen Ermittlern bereits seit 2017 bekannte Grabräuberbande aus Kalabrien den Helm ans Tageslicht gebracht hat. 20 Kunstfahnder des LKA hatten Anfang November in Wohnungen und Geschäftsräumen einer 31-jährigen Italienerin und ihres 37-jährigen Bruders in der Münchner Innenstadt und in Bogenhausen Tausende antike Münzen sichergestellt. Auch diese Münzen stammten aus den Raubgrabungen in Kalabrien.

Italienische Carabinieri hatten die europaweite Festnahme- und Durchsuchungsaktion "Achei" angestoßen. 23 Personen wurden damals festgenommen, 80 Hausdurchsuchungen durchgeführt und mehr als 10.000 antike Fundstücke sichergestellt, die ebenfalls aus dem 4. und 3. Jahrhundert vor Christus stammen. Chefs der international agierenden Bande sollen zwei Männer aus der kalabrischen Provinz Crotone gewesen sein. Das antike Kroton war eine griechische Gründung - gut möglich also, dass der Helm von dort stammt.

© SZ vom 30.01.2020/kaal
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