Seit Jahren hält eine Serie von Brandanschlägen auf Infrastruktur-Einrichtungen in und um München Sicherheitsbehörden und Ermittler in Atem. Mehr als 50 derartige Fälle gab es bisher. Jetzt hat die Münchner Generalstaatsanwaltschaft Anklage erhoben. Allerdings nur gegen einen Verdächtigen, dem die Beteiligung an drei Attacken zur Last gelegt wird. Es geht um Brandstiftungen an einem bei Oberhaching abgestellten Bauzug der Bahn und auf einer Industrieanlage an der Detmoldstraße im Münchner Norden.
Außerdem soll der Verdächtige – er wird in linken Publikationen als „Manuel“ bezeichnet – Anfang September 2024 versucht haben, eine Windkraftanlage bei Berg am Starnberger See in Brand zu setzen. Alle drei Anschläge wurden der „Raute-Serie“ zugerechnet, die ihren Namen von der darauf angesetzten Ermittlungsgruppe des Polizeipräsidiums München hat. Die Ermittlungen leitet die bayerische Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET).
Nicht zuständig ist die ZET nach Auskunft einer Sprecherin dagegen für einen weiteren Angriff auf den Berger Windpark, der sich erst vor zwei Monaten ereignete. Am 8. Januar registrierte das Polizeipräsidium Oberbayern-Nord einen versuchten Einbruch in eine der Anlagen. Hebel- und Werkzeugspuren wurden gesichert, daneben der Buchstabe „A“ in weißer Schrift. Die Täter waren offenbar über die Umzäunung gestiegen und hatten – wie die Brandstifter eineinhalb Jahre zuvor – versucht, über eine Tür in das Innere der Anlage zu gelangen.
Für diesen erneuten Anschlagsversuch zu Jahresbeginn interessierte sich sogar das Bundeskriminalamt (BKA). Es nahm den Einbruch in sein internes Lagebild mutmaßlicher russischer Sabotageaktionen an deutschen Infrastruktur-Einrichtungen auf. Es gab demnach also zwei Attacken auf dieselbe Anlage, einmal verübt von einem Tatverdächtigen aus der Münchner Anarchisten-Szene, das andere Mal von Unbekannten, die möglicherweise im Sold Putins stehen.
Überlegungen, zumindest einige Fälle der „Raute-Serie“ könnten auf das Konto von Tätern im Auftrag Moskaus gehen, sogenannten „Wegwerf-“ oder „Low-Level-Agenten“, gibt es in Sicherheitskreisen schon länger. 30 Sabotageverdachtsfälle aus Bayern gegen Einrichtungen der kritischen Infrastruktur (Kritis) listet das interne BKA-Papier für 2025 auf. Vor einem Jahr ließen Sicherheitsexperten des Bundes durchblicken, man könne bei der Münchner Anschlagserie einen russischen Sabotagehintergrund nicht kategorisch ausschließen.
Andere Sicherheitsexperten wie Hans-Jakob Schindler warnen vor vorschnellen Schlüssen: „Generell hat Russland mit seiner hybriden Kriegsführung das Ziel, Europa zu destabilisieren“, sagte der Senior Director beim Counter Extremism Project (CEP) im SZ-Interview. „Dafür sind die Brandfolgen in München aber nicht bedeutend genug.“ In Münchner Sicherheitskreisen sieht man in der Brandanschlagserie eher das Werk einer auch international vernetzten Gruppe aus dem linksextremen Milieu.
Die Hoffnung war und ist: Wenn es erste Ermittlungserfolge gibt, kann man eher einschätzen, welche Taten zu der Serie gehören – und wer dafür verantwortlich ist. Möglicherweise ist es so, dass etwa die beiden Attacken auf zwei Münchner Polizeistationen, wie auch Insider glauben, „etwas ganz anderes, eine neue Qualität“ waren. Nach dem zweiten Anschlag vom Mai machte in diesem Zusammenhang erstmals offiziell der Begriff „hybride Bedrohung“ die Runde. Für die beiden Attacken wurde dann auch eine eigene Ermittlungsgruppe „Brand“ ins Leben gerufen.

Die Anklage gegen den 32 Jahre alten Deutschen wegen Brandstiftung und Billigung von Straftaten ist also nur ein erster Schritt zur Aufklärung der Serie. „Manuel“ war im Februar 2025 zusammen mit einer Partnerin von Zivilpolizisten im Lesesaal der Münchner Stadtbibliothek im Gasteig-Ausweichquartier an der Brudermühlstraße festgenommen worden. Bis Ende September saßen die beiden in München und Aichach in Untersuchungshaft.
Sympathisanten machen sich über die „absurd schlecht geschriebene Anklageschrift“ lustig
„Hinsichtlich der oben genannten Brandstiftungsdelikte wurde gegen keine weiteren Personen Anklage erhoben“, erklärt jetzt eine Sprecherin der Generalstaatsanwaltschaft auf Nachfrage. „Gegen eine Beschuldigte wurde das Verfahren mangels Tatnachweises eingestellt.“ „Manuels“ Partnerin soll nach SZ-Informationen lediglich wegen Diebstahls angeklagt werden. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gelte die Unschuldsvermutung, heißt es aus der Generalstaatsanwaltschaft.
Jetzt muss das Landgericht München I über die Eröffnung des Hauptverfahrens und die Zulassung der Anklage entscheiden. Eine reine Formsache ist das wohl nicht. Das macht Laurent Lafleur, Pressesprecher des Oberlandesgerichts, auf Nachfrage deutlich: Im Rahmen eines Zwischenverfahrens prüfe das Gericht, ob ein sogenannter „hinreichender Tatverdacht“ besteht. Nach Aktenlage müsse danach eine Verurteilung wahrscheinlicher sein als ein Freispruch. Lafleur: „Diese Prüfung wird in dem Verfahren sicherlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen.“
Im Internet machen sich Sympathisanten des Beschuldigten derweil über die „absurd schlecht geschriebene Anklageschrift“ lustig: „Der Spannungsbogen funktioniert nicht, die Logik der Erzählung hinkt und die Charaktere sind unterirdisch schlecht ausgearbeitet.“ Sie kündigen an, mit der „Anarchisterei“ weitermachen zu wollen. Und sie verweisen auf eine linke Publikation im Netz. Dort werden drei weitere Münchner Brandanschläge, die während der Untersuchungshaft des 32-Jährigen verübt wurden, in eine Serie von Angriffen auf Kritis-Einrichtungen in Deutschland, Europa und Übersee eingeordnet.
Ob tatsächlich ein Zusammenhang besteht, ist allerdings fraglich. Denn im Gegensatz etwa zu den Taten der „Vulkan-Gruppe“ gab und gibt es in München niemals Bekennerschreiben. Wer die jüngsten Anschläge auf Bahnlinien, Baumaschinen und Polizei tatsächlich verübt hat, wissen auch die linken Propagandisten offenbar nicht zu sagen.

