Open-Air-Veranstaltungen in München:Rock'n'Roll im Park

Entertainment Themen der Woche KW20 Entertainment Bilder des Tages  Günther Sigl bei der Pressekonferenz zum Eulenspiege

Schwabing macht wieder große Sprünge: Günter Sigl von der Spider Murphy Gang freut sich bei der Pressekonferenz sichtlich auf seinen Auftritt im Park der Katholischen Akademie vor dem Schloss Suresnes.

(Foto: Steffi Adam/imago)

Kleinkunst-Magnat Till Hofmann zieht mit seinem "Eulenspiegel Flying Circus" wieder ins Freie und entdeckt alte Flächen und Grünanlagen in Schwabing neu. Musik- und Kleinkunstfreunde erwartet ein spannendes Programm mit einigen Premieren.

Von Oliver Hochkeppel

Auf dem Weg zur Technik-Besprechung klingelt Till Hofmanns Handy. Ein Adlatus von Markus Söder ist am Apparat. Hofmann spricht mit ihm über die Öffnungsregeln der neuesten Corona-Verordnung. Seine Drähte reichen also offensichtlich bis in höchste Stellen. Was wohl nicht nur damit zusammenhängt, dass Hofmann über die vergangenen 25 Jahre als Betreiber von Schwabings magischem Dreieck Lach- und Schießgesellschaft, Lustspielhaus und Vereinsheim, aber auch vom Musikclub Milla und dem Label Millaphon zu Münchens "Mister Kleinkunst" geworden ist. Sondern vor allem damit, dass er die Haltung, die er im Kabarett gerne sieht, selbst in die Praxis umsetzt und so auch im politischen Raum mitmischt: von diversen Hilfsaktionen für Flüchtlinge über Protest-Initiativen gegen Neonazis, Pegida oder Rassismus bis zu hin zur Mitgründung der Sozialgenossenschaft Bellevue di Monaco.

Vielleicht ist es also gar ihm zu verdanken, dass die Open-Air-Kultur in Bayern nun mit 250 Zuschauern statt nur mit 100 starten konnte. Denn darauf pochte Hofmann vehement, um seinen "Eulenspiegel Flying Circus" im Innenhof des Deutschen Museums anlaufen lassen zu können.

Die Kooperation mit dem Deutschen Museum ist ein frühes Kind der Corona-Krise. Schon im vergangenen Juni erblickte sie das Licht, nachdem Hofmann sich auf die Suche nach einem Ausweichquartier vor allem für das Lustspielhaus gemacht hatte. Schon immer war Hofmann ein gewiefter Location-Scout, und so wurde er auch anderswo fündig. Der lauschige Innenhof der Schwabinger Seidlvilla wurde mehr oder weniger der Spielort für das Programm der kleineren Lach- und Schießgesellschaft. In seiner Heimatstadt Passau platzierte Hofmann den Eulenspiegel Flying Circus auf dem Domplatz und an der Ortsspitze. Und mit einer Wanderbühne bespielte man die schönsten Plätze in ganz Bayern, vom Geschichtspark in Bärnau über die Klöster Raitenhaslach und Niederaltaich bis zur Riedlhütte im Bayerischen Wald.

So erfolgreich, dass schnell beschlossen war, alle Open-Air-Geschichten heuer unabhängig von der Corona-Lage wieder in Gang zu setzen. Was nun passiert. In der Seidlvilla etwa geht es am 16. Juni los, mit Sigi Zimmerschied und der Premiere seines neuen Programms "Maskenball", das er dann gut einen Monat lang fast am Stück dort spielen wird.

"Wir haben ganz Schwabing sogar mit Google Earth abgeklappert, um Plätze zu finden"

Hofmann ruht sich freilich nie auf Erreichten und Bewährten aus, und schon unter dem Druck diverser Jubiläen - 65 Jahre Lach- und Schießgesellschaft, 15 Jahre Vereinsheim und vor allem 25 Jahre Lustspielhaus - suchte er weiter. "Wir haben ganz Schwabing sogar mit Google Earth abgeklappert, um Plätze zu finden", berichtet er.

Einen besonders schönen kannte er freilich schon: den Park zwischen der Katholischen Akademie und dem von ihr ebenfalls genutzten Schloss Suresnes, auch Werneckschlössl genannt. "Ich war hier schon bei Veranstaltungen, zum Beispiel am Tag der offenen Tür. Bislang hatten wir nur keinen Grund, hier zu spielen", sagt Hofmann. Jetzt schon, und erfreulicherweise stieß er auf offene Ohren: "Wir sehen uns in dieser Krise privilegiert und in der Pflicht, der getroffenen Kultur zu helfen. Zumal, wenn sie programmatisch so gut zu unseren Themen passt", sagt der Direktor der Katholischen Akademie Achim Budde.

Open-Air-Veranstaltungen in München: Till Hofmann beim Aufbau der Eulenspiegel Flying Circus Bühne im Innenhof des Deutschen Museums.

Till Hofmann beim Aufbau der Eulenspiegel Flying Circus Bühne im Innenhof des Deutschen Museums.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

So wird der Park nun Schauplatz für einige besondere Geschichten. Zum Beispiel wird Georg Schramm wieder einmal aus seinen Kabarettisten-Ruhestand zurückkehren und, begleitet von den Well-Brüdern, aus Dieter Hildebrandts nachgelassenem Werk lesen. Bodo Wartke soll kommen. Die Spider Murphy Gang wird ihr traditionelles Unplugged-Osterkonzert im Lustspielhaus hier nachholen - quasi in Hörweite der ehemaligen Standorte von "Memoland" und "Podium", wo die Karriere der Band vor 45 Jahren begonnen hat. "Wir wollten hier vor allem Sachen, die zum Ort passen und den Genius loci aufnehmen", sagt Hofmann. Er meint damit den der Katholische Akademie genauso wie die der von Ludwig Ganghofer bis zu Franziska von Reventlow belebte Geschichte des Schlosses, in dem auch Paul Klee einst sein Atelier hatte, sozusagen Seite an Seite mit dem Revolutionär Ernst Toller, der hier versteckt und schließlich verhaftet wurde.

Für Musik und mehr hat Hofmann zudem bei einer weiteren Institution Gehör gefunden: Auch die Academie française hat einen - kleineren, aber fast noch schöneren - Park im Hof, wo nun nicht nur die Lustspielhaus-Produktion "Siegfried" mit ihrer Parodie des Teutonischen einen angemessenen Ort findet, sondern auch der Milla Club ein kleines Festival mit deutsch- und französischsprachige Bands ausrichtet. Unter dem Motto "München - Bordeaux", ist die Wein-Hochburg doch eine der mitunter fast vergessenen neun Münchner Partnerstädte.

Aus all dem lässt sich ablesen, dass es Hofmann um weit mehr als nur um Ausweichquartiere für seine Bühnen geht. "Ich halte es gerade nach den aktuellen Erfahrungen für sehr wichtig, dass man alles wieder ein bisschen zusammenbringt," erklärt Hofmann. "Es war ein Ergebnis dieser Zeit, dass die freie Szene und die großen, öffentlichen Häuser ein bisschen zusammengerückt sind. Jeder begreift jetzt, dass die Kultur geschlossener auftreten muss." Dem Passauer schwebt nicht zuletzt auch ein Revival des alten Schwabinger Geists vor.

Auch den Englischen Garten würde er gerne einbeziehen

"Was man mit dem Begriff Schwabing verbindet, sollte wieder wachsen. Die seit Langem voranschreitende Gentrifizierung wird man zwar nicht verhindern können, aber man kann sich die Plätze zurückholen. Indem man die Orte niederschwellig für alle öffnet, so wie wir das jetzt tun. Ob man nun Kindertheater macht, mit den Galerien zusammenarbeitet oder die alte Schwabinger Tradition der gemischten Abende wieder aufleben lässt. Ob man mit der Oper kooperiert, mit dem Metropol Theater oder mit allen. Nischen sind nämlich endlos da, räumlich wie im Kopf. Die muss man jetzt nutzen: Nach dieser Distanz-Lebensphase brauchen wir wieder eine analoge Annäherung. Auch um die Debatte wieder zu lernen, die jetzt im Netz stattfindet. Dafür muss man nun einen Kraftakt hinlegen, übrigens in ganz Bayern."

Insgeheim hofft er auch darauf, dass mit dem Home-Office-Boom wieder Läden und Büroräume frei werden. "Und dass es junge Typen gibt, die etwas auf die Beine stellen wollen, und die man auch machen lässt, selbst wenn das eine oder andere scheitert. Natürlich fehlt in Schwabing - nur so als Beispiel - ein Jazzclub. Diese Musik war ja früher hier in der Stadt zu Hause." Auch den Englischen Garten würde er gerne einbeziehen, "was knallhart wird, weil die Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung da draufsitzt". Obwohl es jetzt eigentlich vom Land gewollt werde, dass da etwas passiert. "Wenn man das knacken würde, könne man den Grundstein für so etwas wie das Fringe Festival in Edinburgh legen", meint er. Auf all das wäre man früher nicht gekommen, aber damit könne man die Stadt ganz anders erleben.

Für einen solchen "Sommer in der Stadt" (um noch einmal die Spider Murphy Gang zu zitieren) schiebt das Logistik-Talent Till Hofmann mit seinem Team jetzt kräftig an. Im Herbst soll dann die vom zweiten Lockdown verhinderten Premiere der Kooperation mit dem "Leo 17" kommen, dem ebenfalls weithin unbekannten 500-Plätze-Theatersaal der Rudolf-Steiner-Schule direkt vor der U-Bahn-Station Giselastraße. Und irgendwann um diese Zeit wird es wohl hoffentlich auch zurück in die angestammten Häuser gehen, ins Lustspielhaus und in die Lach- und Schießgesellschaft. Bis dahin wird vermutlich noch manch wichtige Figur Hofmanns Handynummer anwählen.

Alle Termine an allen Spielorten unter eulenspiegel-flying-circus.de

© SZ vom 26.05.2021/van/blö
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