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Ernährung:Die ganze Stadt ein Gemüsegarten

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Das Kartoffelkombinat ist eine Genossenschaft - gemeinsam bauen deren Mitglieder an, was die Jahreszeiten hergeben.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Kartoffelanbau für jedermann: Der Münchner Ernährungsrat legt ein Strategiepapier für eine nachhaltigere Lebensmittelversorgung vor. Die Ziele klingen sehr ehrgeizig, fast utopisch.

Von Franz Kotteder

Künftig wird gesund gelebt. Die Münchner sollen sich vorwiegend pflanzlich ernähren, ihre Nahrung gerne auch bei kommunalen "Lebens Mittel Punkten" holen, die es in jedem Wohnquartier geben soll. Sie können sich ihre Lebensmittel aber gerne auch selbst anbauen, in öffentlichen Grünflächen, in Parks, am Straßenrand, in Hochbeeten oder auf Dächern. Jedenfalls, wenn es nach dem Münchner Ernährungsrat geht. Der Verein hat jetzt ein 56 Seiten dickes Strategiepapier vorgelegt, in dem er die "Ernährungswende" für München beschreibt, die er sich zum Ziel gesetzt hat. Der Ernährungsrat ist zwar keine städtische Einrichtung, sondern ein Zusammenschluss von vielen kleinen und großen Initiativen und Vereinen, sein Einfluss dürfte aber trotzdem beträchtlich sein. Denn viele Mitglieder sind eng mit den Grünen in der Stadt verbandelt, und die dürfen demnächst die Führung des Umweltreferats stellen, das auch für das Programm "Biostadt München" zuständig ist.

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Die Ziele für die Ernährungswende klingen erst einmal ausgesprochen ehrgeizig, fast utopisch. Bis 2030 sollen 30 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in der gesamten Metropolregion München, die fast den gesamten Regierungsbezirk Oberbayern und Teile von Schwaben und Niederbayern umfasst, auf ökologische Erzeugung umgestellt sein. Ein Ziel, das dem des Volksbegehrens "Rettet die Bienen" entspricht; derzeit werden in ganz Bayern nur etwa elf Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch bewirtschaftet, in zehn Jahren ist also eine gewaltige Steigerung nötig. Schon fünf Jahre später, also 2035, soll es in der Metropolregion München aber nach den Vorstellungen des Ernährungsrats nur noch Biolandbau geben.

100 Prozent, das klingt verwegen. Angesichts der Klimakrise und der beschlossenen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen kann man aber auch schlicht von einer Notwendigkeit sprechen. Und das tun die Autoren des Strategiepapiers auch. Eine überwiegend pflanzliche Ernährung und ein deutlicher Rückgang der industriellen Fleischproduktion werden sowieso notwendig, will man der Klimakrise Herr werden. Der Ernährungsrat fordert deshalb, dass die Stadt artgerechte Tierhaltung noch viel stärker fördern muss und zum Beispiel auch in ihrem Schlachthof strengere Regeln anwenden soll, was den Tierschutz angeht.

Abgesehen davon müsse München zur Ökomodell-Region werden, so der Ernährungsrat. Bestehende Initiativen müssten besser vernetzt werden, die regionale Weiterverarbeitung ebenso unterstützt werden wie die Transportlogistik und die Lagerung regional und saisonal erzeugter Lebensmittel. Städtische "Bio-Regio-Manager" sollen sich darum kümmern, in allen Stadtvierteln und sogar in den einzelnen Wohnquartieren sollen "Lebens Mittel Punkte" entstehen - feste Einrichtungen, die auch als Verteil- und Lagerstationen für Lebensmittel von Biohöfen, Initiativen gegen Lebensmittelverschwendung, Erzeugnisse aus sogenannter solidarischer Landwirtschaft (Gruppen, die gemeinsam auf Äckern Grundnahrungsmittel anbauen) und Tauschbörsen dienen. Als Zentren der Begegnung sind diese "Lebens Mittel Punkte" auch gedacht.

Der Münchner Ernährungsrat

Was klingt wie eine städtische Einrichtung, ist in Wirklichkeit der Zusammenschluss vieler Vereine, Initiativen und Unternehmen sowie Einzelpersonen, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Thema Lebensmittel und Ernährung befassen. Gemeinsam ist fast allen von ihnen, dass sie entschiedene Verfechter der ökologischen Landwirtschaft sind, der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft stehen sie näher als dem Bauernverband. Wegen der Nähe zur Öko-Bewegung kann man den 2018 gegründeten Ernährungsrat durchaus auch als Vorfeldorganisation der Grünen im Stadtrat sehen.

Im erst kürzlich neu gewählten, sechsköpfigen Vorstand sind freilich keine Stadtpolitiker vertreten. Die Mitglieder - vier Frauen, zwei Männer - kommen aus einem Bio-Starthub, einem Tollwood-nahen Verein, einem nachhaltigen Caterer, einer Organisation der solidarischen Landwirtschaft und aus der Marktforschung. fjk

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Als Forum der Fortbildung und Informationszentrum soll in der Stadt zudem ein "House of Food" entstehen. Dort können interessierte Laien Kurse belegen, aber es werden auch Profis wie die Betreiber von Mensen und Kantinen durch Experten im Sinne der "Ernährungswende" geschult.

Das Strategiepapier enthält eine Fülle weiterer Projekte und Ideen, von der eigenen Bio-Fachmesse über die verstärkte Förderung des "Urban Gardening" - keine Grünfläche mehr ohne Gemeinschaftsgarten mit Beeten, Wassercontainer und Werkzeugkiste - bis hin zur Pflicht, bei Neubauvorhaben Mieter- und Bewohner-Gärten sowie Gemüsebeete auf dem Dach einzuplanen. Manches davon dürfte heftigen Widerspruch auslösen, nicht jeder möchte ja sein eigener Gemüsegärtner oder Kartoffelbauer werden. Anderes ist aber längst aufs Gleis gesetzt, wie die überwiegende Verwendung von Bio-Lebensmitteln bei städtischen Empfängen, in städtischen Kantinen und bei großen Veranstaltungen wie dem Christkindlmarkt, der Auer Dult oder dem Oktoberfest.

Aufwind könnte die Initiative des Ernährungsrats auch durch Corona bekommen. Denn bisher wird die Lebensmittelversorgung Münchens nur zu knapp zehn Prozent aus der Region bestritten. Und mit dem Lockdown ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit regionaler Versorgung und kurzer Lieferketten gestiegen. "Rechnerisch könnten wir die Stadtversorgung zu 90 Prozent aus Bayern decken", so der Ernährungsrat.

© SZ vom 20.10.2020/kafe
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