Der Mann, um den sich am Dienstagvormittag alles dreht im Medienzentrum der Münchner Polizei, wird von den anwesenden Ermittlerinnen als „Coach Ben“ bezeichnet. Unter diesem Spitznamen sei der 43-Jährige weithin in der oberbayerischen Fußball-Szene bekannt gewesen – wie weit, das versuchen die Staatsanwaltschaft München I und das für sexualisierte Gewalt gegen Kinder zuständige Kommissariat 17 der Münchner Kriminalpolizei derzeit noch herauszubekommen.
Seit Oktober 2024 läuft ein Ermittlungsverfahren wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern gegen den Mann, der zuletzt im Einzugsgebiet von Bad Tölz/Wolfratshausen gewohnt hat; seit Dezember 2025 sitzt er in Untersuchungshaft. Weil er beharrlich von seinem Recht Gebrauch macht, die Aussage zu verweigern, gehen die Ermittlungsbehörden nun an die Öffentlichkeit und suchen nach weiteren Geschädigten oder Zeugen.
Dabei gehe es in erster Linie um mehr oder weniger schweren Missbrauch – das Ausnutzen eines aufgebauten Vertrauensverhältnisses, ohne Anwendung von körperlicher Gewalt, betont die Erste Kriminalhauptkommissarin Sabine Lainer, die Leiterin des Kommissariats 17.
„Coach Ben“ habe auch außerhalb der sportlichen Betätigung intensiven Kontakt zu den minderjährigen Spielern gepflegt. Ein Verdrängungseffekt bei den Opfern sei dabei nicht ungewöhnlich, sagt Lainer. So erklärt sie, warum die Betroffenen sich manchmal erst nach Jahren melden.
Bislang können „Coach Ben“ fünf Fälle zur Last gelegt werden, der erste stammt aus dem Jahr 2009. In allen diesen Fällen seien die Opfer männlichen Geschlechts gewesen. Die Taten ereigneten sich demnach im Rahmen von Übernachtungen, bei gemeinsamen Filmabenden zum Beispiel. Die mittlerweile erwachsenen Männer waren zum Tatzeitpunkt zwischen acht und dreizehn Jahre alt, nur in einem Fall war der Geschädigte bereits 16.
Ins Rollen gebracht wurden die Ermittlungen durch einen 21-Jährigen, der 2024 bei der Polizeiinspektion Olching Anzeige erstattet hatte wegen eines damals bereits mehr als zehn Jahre zurückliegenden Vorfalls, der sich bei einem Probetraining in Köln ereignet haben soll. Im Zuge der Ermittlungen stießen die Beamten dann auf die weiteren Fälle, die sich überwiegend in Südbayern zugetragen haben sollen.
„Wir gehen davon aus, dass es noch mehr Opfer gibt“, sagt Oberstaatsanwältin Johanna Steyrer-Meißner. „Wir können bislang nicht alle erreichen, die von ihm trainiert worden sind“, fügt Lainer hinzu.
Bislang haben die Ermittler mehr als 70 Personen angeschrieben; ob damit das gesamte Ausmaß der möglichen Taten erfasst wird, ist zweifelhaft: „Coach Ben“ war bei vielen Fußballvereinen in München und im Münchner Umland als Trainer tätig, außerdem bei nationalen und internationalen Fußball-Camps aktiv.
„Er hat die Vereine sehr häufig gewechselt“, stellt Sabine Lainer fest. „Die Ermittlungen lassen vermuten, dass er auch bei Vereinen trainiert hat, die wir noch nicht kennen“, sagt Polizeisprecher Thomas Schelshorn.
Deshalb, so Juliane Grotz, die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, wolle man den Zeugenaufruf sowohl örtlich als auch inhaltlich möglichst breit und offen halten: „Es sollen sich auch Personen angesprochen fühlen, die vielleicht nicht selbst betroffen sind, aber etwas mitbekommen haben.“
Auch den zeitlichen Rahmen haben die Ermittler weit gespannt, über zwei Jahrzehnte hinweg: „Es ist uns bekannt, dass er ab 2005 als Trainer im Fußball tätig war“, sagt Oberstaatsanwältin Steyrer-Meißner. Wer von diesem Zeitpunkt an bis zu seiner Festnahme von „Coach Ben“ trainiert worden sei und Angaben machen könne, wird gebeten, sich mit dem Kommissariat 17 in Verbindung zu setzen.
Dessen Leiterin Sabine Lainer weiß, dass es sich um ein sensibles Thema handelt, über das Betroffene nicht leicht sprechen. Deshalb hat sie auch ein E-Mail-Postfach einrichten lassen – „wenn man die Erlebnisse nicht am Telefon erzählen will“. Zu erreichen sind die Ermittler per Mail an: pp-mue.muenchen.k17.jms@polizei.bayern.de

