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"München erlesen":Von Hölderlin zu Ho Chi Minh

Wie seine Figur Ullrich in „Heißer Sommer“ ging auch der Schriftsteller Uwe Timm (vierter von links) auf Demos in München, hier im Mai 1968.

(Foto: Volkhard Brandes)

In seinem ersten Roman "Heißer Sommer" beschrieb Uwe Timm die Studentenrevolte der Sechzigerjahre

Es beginnt mit einem letzten Beischlaf. Zerknüllte Laken, ein Geruch aus Schweiß und Parfüm, quietschende Sprungfedern unter der Matratze - und eine schluchzende Frau mit Tränenspuren unter den Augen: Der Student Ullrich Krause hat gerade Schluss gemacht mit seiner Freundin Ingeborg. "Von der Straße herauf Stimmen, Schritte, dahinter: das gleichmäßige Rauschen der Stadt."

Gleichmäßig rauscht von diesem Moment an nichts mehr. "Heißer Sommer", der erste Roman Uwe Timms aus dem Jahr 1974, macht seinem Titel alle Ehre: Es geht hoch und heiß her. Die Temperaturen: hochsommerlich. Die Gesellschaft: ansteigend aufgeregt. Der Sex: fiebrig, wenn es dazu kommt. Denn im München der Sechzigerjahre wohnen viele Studenten noch zur Untermiete bei Wirtinnen wie jener "gnazigen alten Witwe", bei der Ullrich in der Schwabinger Kaiserstraße unterkommt; Damenbesuch unerwünscht.

Es ist eine irritierend ferne Epoche, die einen anweht, nimmt man den Roman heute wieder zur Hand. Doch einiges erscheint auch seltsam vertraut in diesem vibrierenden München-, Studentenrevolte- und ja, Kneipenroman. Denn die wichtigste Parole im Jahr 1967 schien doch zu lauten: "Komm, wir zischen ein Bier!" Und so zischt der Germanistikstudent Ullrich Biere im "Rolandseck" oder "Hahnhof", in Straßencafés auf der Leopoldstraße, und überall wird diskutiert, über Godard-Filme, über Altnazis. Manchmal kramt Ullrich aber auch lustige Anekdoten hervor, um Kneipenbekanntschaften zu beeindrucken. Erzählen, das kann er wirklich, und das hat er mit seinem Schöpfer gemein: Die Zuhörer, die Leser mit Geschichten verführen - man könnte es als ein Leitmotiv Uwe Timms bezeichnen, der an diesem Montag 80 Jahre alt wird und mit einem vielschichtigen Werk längst zu einem der wichtigsten deutschen Schriftsteller geworden ist (siehe auch Feuilleton).

Auch den derzeit wieder einmal viel gerühmten Dichter Hölderlin spannt er in "Heißer Sommer" ein: Der Student Ullrich plagt sich mit einem Referat über eine Hölderlin-Ode. "Wachs und werde zum Wald!", so kann er in der Kneipe deklamieren. Das Referat allerdings bekommt er einfach nicht fertig. Wichtiger sind ihm nach dem Tod Benno Ohnesorgs ohnehin Lektüren wie "Persien, Modell eines Entwicklungslandes" von Bahman Nirumand - oder eine Demo vor der Universität. Hier fühlt er sich unter Gleichgesinnten. "Wut und Empörung" keimen in ihm, aber auch Freude, "eine Freude, die er zu unterdrücken suchte, weil sie ihm unpassend erschien". Und eine "ziellose Unruhe", nur bedingt vergleichbar mit der Unruhe der Jugendlichen von heute, die freitags auf die Straßen gehen, um die Welt zu verbessern.

Dass das nicht so einfach ist, auch das wird in diesem Roman deutlich. Zwischen Theorie und Praxis zum Beispiel ist ein großer Unterschied, weshalb Studenten bei einem Bauarbeiter-Hilfsjob schon mal dem "Kümmeltürken" der Truppe die härteste Arbeit zuschanzen. Auch die Sicht auf die eigenen Eltern ist eher eindimensional, und Leute, die all das differenziert sehen wollen, beschimpft Ullrich schon mal als "Scheißliberaler". Das ist bereits im zweiten Teil des Buches, der wie der dritte in Hamburg spielt, wo die Studentenrevolution noch radikaler ausgetragen wird.

Ullrich macht nach Kräften mit, ob bei Sprühaktionen oder einer neuen Seminararbeit. "Die Arbeiterliteratur der zwanziger Jahre im Spiegel der Kritik" lautet nun sein Thema, doch er kommt wieder nicht voran, obwohl er fordert: "So eine Arbeit muss uns doch verändern." Diese "tendenziell bewusstseinsbildende Funktion von Literatur", ihre weltgestaltende Kraft, interessiert auch Uwe Timm bis heute. Im gerade erschienenen Essayband "Der Verrückte in den Dünen" schreibt er: "Wo andere Formen des Zusammenlebens sichtbar werden, bilden sie eine Gegenwirklichkeit. Einen Nicht-Ort im Vergleich zu dem, an dem wir leben. Andere Welten scheinen auf, nicht unähnlich dem Konjunktiv. Die Literatur bringt in der Sprache solche Gegenwelten, die einen nicht realen Ort haben, hervor, insofern ist sie utopisch."

Timms Figur Ullrich allerdings wird nicht Schriftsteller, um utopische Gegenwelten zu entwerfen, sondern Lehrer, um Kinder zu prägen. Darauf hatte der Student ursprünglich wenig Lust, doch "Heißer Sommer" ist auch ein Entwicklungsroman, in dem irgendwann die "Gefühlslehrjahre" des Protagonisten abgeschlossen sind. Um sein Studium zu beenden, setzt Ullrich Krause sich daher wieder in einen Zug gen Süden. "Abends würde er in München sein. Er freute sich."

Uwe Timm: Heißer Sommer, 1974, Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten, Hardcover 19,99 Euro, E-Book 9,99 Euro, dtv-Taschenbuch 10,90 Euro

© SZ vom 30.03.2020

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