Erinnerungskultur:Sollte eine Straße in Schwabing nach einem Sklavenhalter benannt sein?

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Straßenschilder mit Zusatz "Kolonialgeschichte offenlegen" in Waldtrudering, 2012

Die Schilder der Hererostraße und der Tangastraße in Waldtrudering sind mit einer Zusatztafel "Kolonialgeschichte offenlegen" versehen.

(Foto: Claus Schunk)

Die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit möchte Debatten über die Erinnerungskultur stärker in die Schulen tragen.

Von Jakob Wetzel

Ist Carl Friedrich Philipp von Martius ein Mann, dem ein Straßenname gebührt? Oder Johann Baptist Spix? Die zwei Forscher sind 1817 im Auftrag des bayerischen Königs nach Brasilien gereist, das damals eine portugiesische Kolonie war. Dort erwarben sie sich wissenschaftliche Verdienste, die Zoologische und die Botanische Staatssammlung in München verdanken ihnen viel.

Doch Martius und Spix brachten nicht nur Tiere und Pflanzen mit zurück nach München, sondern auch zwei Kinder, genannt Juri und Miranha. Martius hatte sie als Sklaven gekauft. In München wurden sie im Hause Spix' staunenden Gästen präsentiert. Nach wenigen Monaten waren sie tot.

In München erinnert heute eine Straße in Schwabing an Martius, außerdem eine Büste im Botanischen Garten, deren Direktor er war. Spix ist eine Straße in Obergiesing gewidmet. Ist das angesichts dieser Geschichte angemessen, oder eher nicht? Darauf gebe es keine einfache Antwort, sagt Konrad Sziedat, Referent für Demokratiestärkung und Wertebildung bei der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (BLZ). Doch gerade deswegen hätten sie dieses Beispiel für Schulen ausgewählt. Es gehe um die Diskussion. "Man muss wirklich abwägen", sagt Sziedat. Die Schülerinnen und Schüler sollten nicht zu allzu schnellen Ergebnissen kommen.

Bei 327 Straßennamen sieht das Stadtarchiv "möglicherweise Handlungsbedarf"

Martius und Spix sind dabei nur ein Beispiel. Geht es nach der BLZ, wird an bayerischen Schulen künftig überhaupt stärker über Erinnerungskultur diskutiert, über Straßennamen und Denkmäler, darüber, an wen eine Gesellschaft erinnern soll und wie. Seit diesem Schuljahr bietet die Landeszentrale Lehrerinnen und Lehrern einen neuen Schuber mit Unterrichtsmaterial an, erarbeitet von ihr sowie von Studenten und Mitarbeitern des Lehrstuhls für Geschichtsdidaktik an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. "Erinnern elementar" heißt das Paket. Gedacht ist es für Klassen ab Jahrgangsstufe neun. Und es adressiert Fragen, vor denen ganz München künftig immer wieder stehen wird.

Denn die Stadt legt sich gerade Rechenschaft darüber ab, an wen sie erinnert; die Verwaltung arbeitet an einem Konzept zum Umgang mit kritischen Denkmälern, aktuell läuft ein Kunstwettbewerb. Und das Stadtarchiv hat zuletzt eine "Shortlist" mit 45 Straßennamen veröffentlicht, bei denen "erhöhter Diskussionsbedarf" bestehe - Martius und Spix sind nicht darunter. Bei 327 weiteren Straßennamen sieht das Stadtarchiv "möglicherweise Handlungsbedarf"; diese Liste ist bislang unter Verschluss.

Die Erinnerungskultur ist nicht nur in München umstritten. Dabei ist jüngst besonders das Andenken an Personen mit kolonialer Vergangenheit in den Blick geraten, durchaus gegen massive Widerstände. Ihr Eindruck sei, der selbstkritische Umgang mit der Geschichte werde in jüngster Zeit überhaupt zunehmend infrage gestellt, sagte Christina Morina, Zeithistorikerin an der Universität Bielefeld, zuletzt bei einer Online-Fortbildung von BLZ und LMU für Lehrkräfte.

Es gibt Bestrebungen, die Geschichte von Völkermord und Gewalt wegzudrängen

Es werde versucht, eine neue Haltung zu verankern, sagte auch Jürgen Zimmerer, Globalhistoriker an der Universität Hamburg. Man wolle wieder als Land der Dichter und Denker gelten. Die Geschichte von Völkermord und Gewalt werde weggedrängt und versucht, an eine vermeintlich heile Geschichte vor dem Ersten Weltkrieg anzuknüpfen. Deshalb der Streit über Kolonialverbrechen. "Denn die Geschichte vor 1914 ist eben keine heile Geschichte, sondern auch eine von Rassismus bis hin zum Genozid."

Die BLZ möchte Diskussionen dieser Art nun stärker in die Schulen tragen und knüpft dabei auch an Münchner Debatten an. Auf der Vorderseite des Unterrichtspakets ist das Straßenschild der Hererostraße in Waldtrudering abgebildet; diese Straße war bis 2006 nach Lothar von Trotha benannt gewesen, einem Kommandeur der deutschen Kolonialtruppe. Jetzt trägt sie den Namen eines Volkes in Namibia, an dem die Deutschen unter Trotha 1904 einen Völkermord verübt hatten.

Im Inneren des Pakets geht es aber nicht nur um die koloniale Vergangenheit. Zwölf Themen werden angesprochen, sie reichen vom 19. Jahrhundert über den Nationalsozialismus bis in die Gegenwart. Einzelne Blätter befassen sich mit dem Münchner Olympia-Attentat 1972 oder dem Erinnern an rechtsextreme Anschläge, festgemacht am Attentat am Olympia-Einkaufszentrum 2016. Ein letzter Block befasst sich gar mit der Corona-Pandemie und fragt: Wie erinnern wir daran in Zukunft?

Wie sehr die Erinnerungskultur auch Schülerinnen und Schüler umtreibt, habe man vor den Sommerferien gesehen, sagt Konrad Sziedat von der BLZ. Bei einem Workshop im Juli hätten mehr als 1000 bayerische Schülerinnen und Schüler über Rassismus und Sprache diskutiert und dabei nicht zuletzt auch über problematische Straßennamen gestritten. Der Workshop habe mit den Anstoß gegeben zu dem neuen Schwerpunkt der Landeszentrale. Und die Schülerinnen und Schüler hätten sehr differenziert debattiert. Sie hätten von sich aus drei Lösungen erarbeitet - Straßen umzubenennen, eine Infotafel aufzuhängen - oder auch gar nichts zu tun. Im Vordergrund sei gestanden, offen zu reden und sich gegenseitig zuzuhören.

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Prof. Willy Messerschmitt

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