Weltfrauentag:"Ein weiter Weg"

Lesezeit: 4 min

An diesem Sonntag demonstrieren weltweit Frauen für ihre Rechte. Sieben erfolgreiche Münchnerinnen berichten über ihre Erfahrungen mit Gleichberechtigung und Ungerechtigkeit.

Protokolle von Katharina Federl

Es war eine deutsche Friedensaktivistin und Frauenrechtlerin, die im Jahr 1910 die Einführung eines internationalen Frauentages vorschlug - Clara Zetkin. Bereits im folgenden Jahr, am 19. März 1911, wurde ihre Idee Wirklichkeit: Zum ersten Mal wurde der Tag gefeiert, zunächst in Deutschland, Österreich-Ungarn, Dänemark und der Schweiz. Auch wenn Zetkins Hauptziel, das Frauenwahlrecht, inzwischen längst erreicht ist und die gesellschaftliche Rolle der Frau seither einen Wandel erlebt hat, so ist die Gleichberechtigung der Geschlechter bis heute nicht vorhanden. Deshalb machen Frauen auf der ganzen Welt mit Veranstaltungen, Feierlichkeiten und Demonstrationen auf die noch immer herrschenden Ungerechtigkeiten aufmerksam. Der Internationale Frauentag findet an diesem Sonntag, den 8. März, statt. Und auch Frauen aus München finden, dass noch viel zu tun ist:

Weltfrauentag: Ivana Kokeza.

Ivana Kokeza.

(Foto: Catherina Hess)

Ivana Kokeza, Pädagogische Gesamtleitung in der Kindertageseinrichtung Tejay's: "Die frühkindliche Bildung und Erziehung gilt seit Jahrhunderten als Frauenberuf. Die Tätigkeit der Kindergärtnerin ermöglichte es Frauen, in die Arbeitswelt hineinzutreten, ohne dabei ihre weibliche Identität aufzugeben. Auch heute noch sind deutschlandweit 90 bis 95 Prozent aller pädagogischen Fachkräfte weiblich, weshalb es kaum möglich ist, eine reale Gleichberechtigung vorzuleben. Dies führt zu einer Stagnation der Rollenbilder. Das pädagogische Ziel in der Identitäts- sowie Rollenbildung liegt in meinen Augen jedoch darin, Kindern diverse Rollenbilder zu vermitteln und sie in ihren eigenen Interessen zu unterstützen. Jedes Kind hat individuelle Stärken, die es ausleben darf. Dabei sollte es ganz unabhängig davon sein, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist."

Weltfrauentag: Beate Ehrt.

Beate Ehrt.

(Foto: Catherina Hess)

Beate Ehrt, Präsidentin des Amtsgerichts München: "Ich denke, dass die bayerische Justiz in Sachen Gleichberechtigung schon sehr weit ist. In den 25 Jahren meiner Tätigkeit in der Justiz hat sich auch einiges getan: Der Frauenanteil ist gerade in der Gruppe der Richter und Staatsanwälte erheblich gestiegen und das auf allen Ebenen. Selbstverständlich sind hier auch die Frauen gefordert, aktiv mitzumachen und die gegebenen Möglichkeiten zu nutzen. Eine wichtige Rolle spielt dabei sicher, dass die Repräsentanz von Frauen in Führungspositionen seit einigen Jahren in Politik und Gesellschaft breiten Raum einnimmt. Es ist heute selbstverständlich, dass im Gerichtssaal Frauen als Richterinnen oder Staatsanwältinnen auftreten. Ich wurde als junge Richterin einmal von einem Prozessbeteiligten für die Protokollführerin gehalten. So etwas gehört mittlerweile dann doch der Vergangenheit an."

Weltfrauentag: Kristina Frank.

Kristina Frank.

(Foto: Catherina Hess)

Kristina Frank, OB-Kandidatin der CSU: "Der Weltfrauentag ist unverzichtbar, denn in vielen Teilen der Welt kommt das weibliche Geschlecht noch viel zu kurz. Es lohnt sich, über die Rolle der Frau in der Gesellschaft zu diskutieren, denn auch im gesetzlich gleichberechtigten Deutschland gibt es geschlechtsbezogene Benachteiligungen, wie beispielsweise den Gender Pay Gap (geschlechtsspezifisches Lohngefälle, Anm. d. Red.). Als Stadtministerin stelle ich in der Stadtverwaltung fest, dass bei der Besetzung von Führungspositionen Männer nach wie vor die Nase vorne haben. Es hat sich viel getan, doch in einigen Berufen oder in der Politik kommen wir zu langsam voran. Die Emanzipation der Frau und die gesellschaftliche Entwicklung müssen sich in allen Lebensbereichen adäquat widerspiegeln. Dafür müssen wir in der Politik die Rahmenbedingungen setzen: ausreichende Kinderbetreuung, familienfreundliche Terminausgestaltung, Frauenförderung."

Weltfrauentag: Katrin Habenschaden.

Katrin Habenschaden.

(Foto: Catherina Hess)

Katrin Habenschaden, OB-Kandidatin der Grünen: "Im Münchner Stadtrat kann es durchaus passieren, dass man nach einer inhaltlich scharfen Rede von einem Mann gefragt wird, ob es einem auch gut gehe. Dem Mann wird nach einer scharfen Rede auf die Schulter geklopft. Es ist immer noch so, dass von Frauen in der Politik ein konsensualer, verständnisvoller Stil erwartet wird. Erfüllt man diese Erwartung nicht, wird die Kritik oft unsachlich und auf die persönliche Ebene verlagert. Ich hoffe deshalb, dass bei der Kommunalwahl im März viele starke Frauen ins Münchner Rathaus einziehen und wir dann gemeinsam daran arbeiten, dieses Rollenbild aufzubrechen."

Verleihung des GQ Care Awards

Sara Nuru.

(Foto: Jörg Carsten/picture alliance)

Sara Nuru, Model und Gründerin des Vereins Nuru Women: "Auch 2020 habe ich weiterhin das Gefühl, dass Frauen sich für ihren beruflichen Wert mehr anstrengen müssen als Männer. Und oft sind Männer in der Überzahl: in Schlüsselpositionen, als Preisträger oder Gäste. Nur weil das Thema Women Empowerment (Frauenförderung, Anm. d. Red.) mehr Schlagzeilen besetzt, ist dadurch die berufliche Situation nicht wesentlich besser geworden. Wir machen Schritte in die richtige Richtung, dank ,Me Too' ist auch ein Quantensprung gemacht worden. Doch bis zum Ziel ist es noch ein weiter Weg."

Weltfrauentag: Antonia Wachter-Zeh.

Antonia Wachter-Zeh.

(Foto: Catherina Hess)

Antonia Wachter-Zeh, Professorin für Elektro- und Informationstechnik an der Technischen Universität München: "Ich bin häufig stolz darauf, mit Mitte 30 Professorin in einer von Männern dominierten Branche und zweifache Mutter zu sein. Heutzutage ist es zwar möglich, dass beide Partner trotz Kinder anspruchsvolle Jobs haben können, trotzdem ist es nicht immer einfach. Gerade die Kinderbetreuung muss in Deutschland und München noch deutlich verbessert werden. Es muss eine echte Krippen-, Kindergarten- und Hort-Platzgarantie geben. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist zwar im Generellen ein Familienthema, betrifft aber in der Realität Frauen häufig mehr als Männer."

Weltfrauentag: Stephanie Combs.

Stephanie Combs.

(Foto: Catherina Hess)

Stephanie Combs, Direktorin der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie im Klinikum rechts der Isar: "Das Medizinstudium in Deutschland ist zu 70 bis 80 Prozent von Frauen besetzt. Trotzdem gibt es kontinuierlich weniger Frauen, wenn man sich in der Hierarchieebene nach oben bewegt. Nur etwa 30 Prozent der Oberärzte sind weiblich. Auf der Chefarztebene machen Frauen nur etwa zehn Prozent aus. Die gläserne Decke gibt es also immer noch. Doch am Weltfrauentag geht es um weit mehr als um die berufliche Situation der Frau. Es gilt sich dafür einzusetzen, dass Frauen auf der ganzen Welt dieselbe Wertschätzung und die gleichen Rechte bekommen wie alle anderen."

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