Es ist bitterkalt an diesem frühen Morgen. Raureif liegt auf den Gräbern, die Rosen in Blumengestecken sind tiefgefroren, und die Pfützen vereist. Der Westfriedhof ist menschenleer. Es ist Totensonntag, und viele Menschen wollen die Gräber besuchen und ihrer Verstorbenen gedenken. Aber niemand darf hinein.
Alle Tore sind geschlossen und werden von der Polizei kontrolliert. Denn im nördlichen Teil des Friedhofs liegt eine 500 Kilogramm schwere Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg, die am Dienstag vorvergangener Woche bei Erdarbeiten entdeckt worden war. Sie muss entschärft werden. Und sie wird es auch: um 14.05 Uhr an diesem kalten Novembertag.
Bis es so weit ist, sind die Behörden reichlich gefordert. Die Drohne der Feuerwehr blinkt und steigt nach oben. Ein letzter Kontrollflug über eine Burg aus 26 gestapelten, mit Wasser gefüllten Containern. Mitten in dieser blau-weißen, mobilen Schutzwand aus Metall, die im Falle eines Falles die Detonation nach oben leiten soll, liegt der Sprengkörper 1,20 Meter unter der Erde. Man sieht ihn nicht, ahnt nur, wie wuchtig er sein muss. Viel schwerer als die Fliegerbombe, die im Juli mit 250 Kilogramm in Schwabing gefunden worden war. Der Blindgänger am Westfriedhof hat zwei Aufschlagzünder. Um die geht es.



Sprengmeister Sebastian Braun will sie lösen. Aus dem Gehäuse herausschrauben. Trotz des starken Rosts, der sich in 80 Jahren in der Erde auf die Zünder gelegt hat. Aber noch lehnt er am Auto des Sprengkommandos München. Schwarze Jacke, schwarze Mütze. Er raucht eine Zigarette und wirkt tiefenentspannt. Seine Ruhe speist sich wohl aus seiner langjährigen Erfahrung, glaubt er. „Seit meiner Bundeswehrzeit entschärfe ich Kampfmittel.“ Eben auch solche Bomben.
Prophezeien, wie schnell er die stark verrosteten Zünder lösen kann, will er nicht. „Erstmal wird alles sauber gemacht, dann entscheiden wir, was weiter geschieht“, sagt er und schaut in Richtung Containerburg. Angst? Man sieht sie ihm jedenfalls nicht an. Konzentriert ist er. Möchte nicht mehr reden als nötig.
„Aktuell liegen in Deutschland noch bis zu 300 000 Blindgänger im Boden“, sagt Franziskus Bronnhuber. Der Pressesprecher der Branddirektion München erklärt, dass jährlich an die 5000 Bomben entschärft werden. „Das Thema wird uns also immer wieder beschäftigen, auch in München.“ Zwischenfälle gebe es durchaus. Aber sie seien „sehr selten“. In Göttingen wurden etwa 2010 drei Menschen getötet, als eine der Bombe während der Entschärfungsvorbereitungen explodierte. 2021 detonierte in München ein Blindgänger an der S-Bahn-Baustelle zur zweiten Stammstrecke. Vier Menschen wurden verletzt.
Gefährlich sind vor allem Bomben mit chemisch-mechanischen Langzeitzündern. Sie dürfen laut Branddirektion nicht bewegt werden und können unvorhergesehen in die Luft gehen. Bei Bomben mit Aufschlagzündern, die dann explodieren sollen, wenn sie auf hartem Boden aufschlagen, ist die Gefahr geringer, dass sie unkontrolliert detonieren. Trotzdem: Bombe ist Bombe.
Die Sicherheit der Menschen steht bei solchen Einsätzen im Vordergrund. Daher muss an diesem kalten Tag der Bereich um den Fundort in einem Radius von 700 Metern evakuiert werden. An die 7000 Personen sind davon betroffen. Zum Glück mache der Westfriedhof einen „Großteil des Sperrgebiets“ aus, sagt Bronnhuber. Sonst hätten noch weit mehr Menschen ihre Wohnungen verlassen müssen.
Die Kirche von St. Mauritius ist geschlossen. Die meisten Gottesdienste sind abgesagt. Auch der Pfarrsaal ist für Veranstaltungen gesperrt. Moosachs Anwohner sind am Donnerstag über Postwurfsendungen, Radiomeldungen, Zeitungen und soziale Medien rechtzeitig informiert worden. Sie hatten im Gegensatz zur Schwabinger Bombe im Juli also Zeit, sich rechtzeitig um ein Ausweichquartier zu kümmern und pünktlich bis 9 Uhr am Sonntag die Wohnung zu verlassen. Trotzdem traf die Polizei bei ihrem Kontrollrundgang laut Bronnhuber noch Menschen in ihren Wohnungen an. „Das ist eigentlich meistens so“, sagt er. Geplant war der Start der Entschärfung gegen 12 Uhr. Es wird 12.25 Uhr. Und es beginnt die Zeit von Sprengmeister Sebastian Braun.

Julien ist 23. Er sitzt in der gut gefüllten Aula des Gymnasiums Moosach, in der warmen, temporären Unterkunft für alle, die kein Ausweichquartier gefunden haben. Er hat sich große Kopfhörer aufgesetzt und schaut einen Film. Sicherheitshalber habe er sich gleich mehrere Serien heruntergeladen, sagt der Student. Und ein paar Bananen dabei. Man wisse ja nicht, wie lange alles dauert. Er wohnt an der Hugo-Troendle-Straße.
Wie auch 94 Seniorinnen und Senioren. Auch sie mussten für kurze Zeit aus dem Seniorenzentrum Bethel München ausziehen, ihre gewohnte Umgebung verlassen. Sie wurden bis kurz vor elf Uhr mit Krankentransporten in die Aula gebracht. Diana-Susann Birghan-Wagner ist ganz ruhig. Die Bethel-Geschäftsführerin hat mit ihrem Team alles geplant. „Wir machen da alle miteinander einen besonderen Tag draus“, sagt sie. Dann wird das Lied. „Zum Geburtstag viel Glück“ angestimmt. Ein Geburtstagskind wird schließlich 94. Auch „Mensch ärgere Dich nicht“ wird gespielt. „Das lieben unsere Senioren“, sagt Birghan-Wagner.
Leicht ist es nicht für alle. Einige sitzen in ihren Rollstühlen und schauen ängstlich, was um sie herum geschieht. Andere lesen, ratschen. Angst hat Gertraud Loibl nicht. „Warum sollte ich das?“, sagt die 85-Jährige in einem pinkfarbenen Pullover und den farblich dazu passenden Spangen im weißen Haar. „Da passiert schon nichts“, sagt sie und erzählt. Von ihrem älteren Bruder etwa, der nach dem Krieg auch Munition entschärft habe.

Dann ist Lutz, 67, vom Roten Kreuz wieder mit seinem Geschirrwagen unterwegs. In Pappbechern dampft heiße Orange. Mal was anders als nur Tee. Als Mittagessen gibt es Kartoffeleintopf mit Würstchen. Helfer vom Roten Kreuz und den Maltesern kümmern sich um alle.
Und was macht Sebastian Braun? Während andere im Warmen umsorgt und sicher sind? Es ist 14.05 Uhr. Entwarnung. Er hat die Zünder ohne Probleme lösen können, eineinhalb Stunden hat die eigentliche Entschärfung gedauert. Nichts kann mehr passieren.

