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Nach Randale:Polizei fordert Alkoholverbot im Englischen Garten

Englischer Garten in München

Polizisten kontrollieren in den späten Abendstunden im Englischen Garten - kurz vorher war es zu Auseinandersetzungen mit feiernden Menschen gekommen.

(Foto: dpa)

Feiern, trinken, pöbeln: Immer wieder kommt es im Englischen Garten zu heftigen Konflikten, vor einer Woche wurden 19 Beamte verletzt. Doch nicht mal mehr ein Feierabendbier soll künftig möglich sein? Das geht den meisten Politikern zu weit.

Von Heiner Effern und Julian Hans

Nach den Flaschenwürfen auf Polizistinnen und Polizisten auf der Großen Karl-Theodor-Wiese vor einer Woche könnte der Genuss von Alkohol im Englischen Garten bald ganz verboten werden. Das Polizeipräsidium führe deswegen Gespräche mit der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung, sagte Präsidiumssprecher Andreas Franken am Montag. Die Gastronomie soll allerdings von einem möglichen Verbot ausgenommen bleiben.

Alkohol sei unter den jungen Besuchern des Parks ein wesentlicher Faktor bei den Konflikten, die in den vergangenen Jahren immer wieder in Gewalt umschlugen. Am Samstag vor einer Woche hatten sich etwa einhundert angetrunkene Personen gegen die Polizei verbündet, als diese am Abend eine Schlägerei auflösen wollte. Glasflaschen flogen in Richtung der Einsatzkräfte, 19 Beamte wurden verletzt. Man könne von Glück sagen, dass niemand am Kopf getroffen wurde, sagte Franken, "das hätte auch tödlich ausgehen können". Die Beamten der Bereitschaftspolizei trugen keine Helme. Sie erlitten nur Prellungen und sind wieder im Dienst.

Schon heute gilt zwar ein Alkoholverbot für den Englischen Garten, aber ein bedingtes: Gemäß der "Verordnung der staatlichen Parkanlagen" ist der Genuss von alkoholischen Getränken nicht gestattet, "soweit andere dadurch mehr als unvermeidbar belästigt werden". Die kontrollierenden Beamten müssten also in jedem Fall nachweisen oder zumindest erklären, dass sich andere Besucher gestört fühlen. Oft beginnt der Streit aber erst, wenn die Flaschen bereits ausgetrunken sind. Ein grundsätzliches Verbot würde es der Polizei erlauben, Besucher mit großen Mengen Bier und Schnaps im Gepäck schon an den Eingängen zum Park abzuweisen, rechtzeitig bevor es knallt. Zuständig für den Englischen Garten ist die Polizeiinspektion in der Maxvorstadt.

An schönen Tagen, wenn es voll wird im Südteil des Englischen Gartens, wird sie von Einsatzkräften der Bereitschaftspolizei unterstützt, die ihre Mannschaftswagen in der Regel gut sichtbar unterhalb das Monopteros abstellen. Dazu kommt häufig noch die Reiterstaffel. Zwischenfälle gab es in den vergangenen Jahren oft an den ersten warmen Tagen im Frühling und Frühsommer. Als 2018 ein Rettungswagen über die als "Monowiese" bekannte Große Karl-Theodor-Wiese anrücken musste, weil ein junger Mann sich beim Alkohol übernommen hatte, kletterten Umstehende auf das Fahrzeug und machten sich eine Gaudi aus dem Hilfseinsatz. Flaschen flogen, die Polizei musste den Tumult mit mehr als hundert Beamten auflösen.

Im Münchner Rathaus trifft der Verstoß der Polizei bei Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) auf mehr Verständnis als bei den großen Fraktionen. "Wer gesehen hat, welche Szenen sich im Englischen Garten am vorletzten Wochenende abgespielt haben und welche Gewalt sich hier entladen hat, muss sich nicht wundern, wenn der Freistaat über eine Verschärfung der Maßnahmen, wie ein generelles Alkoholverbot nachdenkt", sagte Reiter.

"Das wäre eine Katastrophe für das Münchner Lebensgefühl."

Auch Grüne, SPD und CSU verurteilen Randale und Angriffe auf die Polizei, sehen aber in einem Alkoholverbot im Englischen Garten den falschen Weg. Am drastischsten drückte diese Meinung CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl aus: "Wir lehnen das ab. Wegen 100 Kriminellen kann man nicht Zehntausende Münchner in Sippenhaft nehmen, die hier seit Jahrzehnten friedlich ihr Bier trinken. Das wäre eine Katastrophe für das Münchner Lebensgefühl." Auch der SPD geht ein Verbot von Alkohol zu weit. "Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit ist hier nicht gewahrt", sagte Fraktionsvorsitzende Anne Hübner. Nur weil es einige Leute gebe, die sich daneben benähmen, könne man nicht dem Rest "ein Feierabendbier im Englischen Garten" versagen.

Zum gleichen Schluss, aber aus anderen Gründen als die CSU, kommen die Grünen. Ein Alkoholverbot sei nicht das richtige Mittel, und zu kontrollieren sei es auch kaum, sagte Fraktionsvize Dominik Krause. Er verurteilte auch die Angriffe auf Polizisten, sprach aber nicht von Kriminellen, sondern von einem Ventil, über das sich zum Teil Frust aus der Corona-Politik entlade. Gerade junge Menschen hätte das Gefühl, dass sie in der gesamten Pandemie und nun auch bei den Lockerungen als letzte an die Reihe kämen.

Unternehmen zum Beispiel dürften vieles auf freiwilliger Basis regeln, im Privaten gebe es seit langer Zeit massive Einschnitte, die auch ein nun möglicher Biergartenbesuch nicht lindern könne, weil sich junge Menschen den oft gar nicht leisten können. Wenn nun an den Rückzugsorten junger Menschen, die sich ohnehin beengt fühlen, noch massive Polizeipräsenz demonstriert werde, könne das auch in die falsche Richtung wirken. Dominik Krause schlägt den Weg der Stadt München vor, die mit Konflikt lösenden Teams in den Feierzentren der Innenstadt gute Erfahrungen gemacht habe. "Lieber vermitteln und erklären als anweisen", sagte Krause.

© SZ vom 18.05.2021/infu
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