Denkmäler:Wie man die Berliner Mauer zum Sprechen bringt

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Denkmäler: Die Studentinnen Nora Giersiepen (links) und Luise Möller haben für das Seminar von Moritz Pöllath ein digitales Erinnerungsprojekt zum Stück der Berliner Mauer im Englischen Garten entwickelt.

Die Studentinnen Nora Giersiepen (links) und Luise Möller haben für das Seminar von Moritz Pöllath ein digitales Erinnerungsprojekt zum Stück der Berliner Mauer im Englischen Garten entwickelt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Am Rand des Englischen Gartens steht ein Stück der Mauer. Zwei Studentinnen der LMU haben daraus nun einen digitalen Erinnerungsort gemacht.

Von Jakob Wetzel

Es stecken Geschichten in diesem Stück Beton. Etwa die des Schreckens. Für ihn stehe die Mauer für unglaublichen Terror, erzählt der Lichtkünstler Rainer Ludwig. Für einen Terror, der eine Konstante gewesen sei, "das war ja etwas, womit wir aufgewachsen sind". Doch im Beton steckt auch eine andere Geschichte: die eines Wunders. So erzählt es Johannes Singhammer. An der deutsch-deutschen Grenze seien sich Armeen gegenübergestanden, Panzer, Massenvernichtungswaffen, sagt der frühere Vizepräsident des Deutschen Bundestages (CSU). "Und dann fällt diese Mauer, ohne dass ein Schuss fällt", Stacheldrähte seien verschwunden, "diese ganze schreckliche, mörderische Grenze löst sich auf". Die Moral daraus: "Die Freiheit hat eine Chance, wenn man an sie glaubt, und wenn man nicht die Hoffnung verliert", sagt Singhammer. Das gelte heute genauso wie damals.

Das Betonstück, um das sich diese Geschichten ranken, stand früher in Berlin und trennte Ost von West. Heute steht es an der Königinstraße in München, unmittelbar vor dem US-amerikanischen Generalkonsulat. Johannes Singhammer hatte das Teilstück der Berliner Mauer dem Freistaat Bayern geschenkt, am 2. Oktober 1996 hat es Bayerns damaliger Ministerpräsident Edmund Stoiber am Südrand des Englischen Gartens enthüllt. Seitdem steht es dort, ein stilles Denkmal, wie es eben die Art einer Mauer ist. Doch Nora Giersiepen und Luise Möller möchten diese Mauer jetzt zum Sprechen bringen.

Die beiden Studentinnen haben sich für ein Seminar an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) über digitale Geschichtsvermittlung mit dem Mauerstück befasst. Am Ende haben sie alle besucht, die das Denkmal in München geschaffen und gestaltet haben, so wie Singhammer und Ludwig. Sie ließen sich deren Geschichten erzählen und dabei ein Tonband laufen. Johannes Singhammer etwa sprach vom Wunder des Mauerfalls, warum er das Mauerstück 1995 als junger Abgeordneter kaufte und wie er es mit einem Tieflader nach München bringen ließ.

Der Künstler Joachim Maria Hoppe erklärte ihnen, wie er aus dem Betonstück ein Denkmal schuf. Und seine Kollegen Berkan Karpat und Rainer Ludwig, die das Ensemble 2020 um einen blau leuchtenden Rahmen ergänzten, erzählten, wie es war, dieses Denkmal zu erweitern. Geht es nach den beiden Frauen, sollen sich künftig alle diese Geschichten anhören können, unmittelbar an diesem Betonstück, über das Handy.

Stücke der Berliner Mauer stehen überall auf der Welt

Ob es so kommt, ist freilich noch nicht ausgemacht. An der LMU gebe es seit 2017 Kurse zu der Frage, wie man Geschichte digital vermitteln kann, sagt der Historiker Moritz Pöllath, der Möllers und Giersiepens Kurs als Dozent geleitet hat. Im vergangenen Semester befassten sich Studierende etwa mit den Denkmälern im Lichthof der Universität; andere beschäftigten sich mit den sogenannten Stolpersteinen des Kölner Künstlers Gunter Demnig, die an Menschen erinnern, die im Nationalsozialismus ermordet wurden. Die Ergebnisse sind jetzt zunächst zum Teil auf einer Seite der Universität abrufbar. Im kommenden Semester wolle man überlegen, welche der bisherigen Projekte weitergeführt werden.

Ausprobiert haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit ihren Studierenden bereits einiges. Manche Projekte setzten auf Tonspuren wie das von Möller und Giersiepen, andere auf Videos und Augmented Reality, also auf Programme, bei denen das Handy das reale Kamerabild um virtuelle Elemente ergänzt. So erwachen etwa Büsten scheinbar zum Leben und sprechen, oder der Bildschirm zeigt im Lichthof der LMU, wie das sechste Flugblatt der Weißen Rose zu Boden flattert.

Zum Mauerstück am Englischen Garten gibt es ähnliche Ideen. Denn auf der Nordseite der Mauer ist ein großer Kreis zu erahnen. Einst prangte dort ein großer, gelber Smiley; die Farbe ist mittlerweile verblasst. Über diesen Kreis könne man etwa eine Weltkugel einblenden, meint Pöllath. Dann könne man zeigen, wo heute überall Teilstücke der Berliner Mauer zu finden sind.

Tatsächlich ist das Denkmal in München nicht einzigartig. Stücke der Mauer stehen auch in Südafrika und Südamerika. Einige stehen in Nordamerika, eines steht im Garten von Heidi Klum. Zwei stehen in Japan, eines in Moskau. Das Münchner Mahnmal erinnere nicht nur an die deutsch-deutsche Teilung, sagt Giersiepen, sondern an die einstige Aufteilung der ganzen Welt in Ost und West.

Die allererste Schwelle hätten sie mit ihren Kursen allerdings noch nicht überschritten, sagt Pöllath: Sie besteht darin, überhaupt Aufmerksamkeit zu erregen und auf das digitale Angebot zu lenken. Alle Ideen setzen voraus, dass der Nutzer sich gezielt mit ihnen beschäftigt. Was tun? Man könnte die Angebote in offizielle Touristik-Apps einbetten, meint Pöllath. Oder man könne zum Beispiel QR-Codes am Mauerstück anbringen, schlägt Möller vor: "Ich glaube, dass das gut angenommen würde." Am Ende gehe es darum, Denkmäler präsenter zu machen, sagt Pöllath. Denn an den meisten gingen die Menschen einfach vorbei, sie nähmen sie nicht wahr, meint er. Steine seien stumm. "Wir überlegen uns, wie man sie zum Sprechen bringen kann."

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