Theater:Ein Teufelspakt im Hier und Jetzt

Theater: Der junge Faust und sein Gretchen: Oliver Exner und Katharina Mayer.

Der junge Faust und sein Gretchen: Oliver Exner und Katharina Mayer.

(Foto: Benedikt Frank)

Anna Funk inszeniert mit ihrem Ensemble Goethes "Faust" im Amphitheater im Englischen Garten. Der Klassiker soll bei ihr ganz aktuell werden.

Von Karl Forster, München

Jetzt also "Faust". Anna Funk, Studienrätin für Deutsch am Maria-Theresia-Gymnasium, Theaterwissenschaftlerin und Regisseurin mit eigenem Ensemble, kommt nach dem erfolgreichen "Jedermann" in der Kirche St. Maximilian, mit Goethes "Faust" am 5. und 6. August ins Amphitheater im Englischen Garten. Sie hat versucht, das Werk durch ein paar Kürzungen und Umstellungen ins Hier und Heute zu versetzen, und spielt selbst den Mephisto.

SZ: Zuletzt haben Sie Hofmannsthals "Jedermann" in der Kirche St. Maximilian inszeniert. Jetzt mit Goethes "Faust", Teil eins, das weltweit vielleicht berühmteste Bühnenstück in deutscher Sprache. Warum gerade den "Faust"?

Anna Funk: Es ist ein Werk, das alles umfasst. Mich fasziniert diese Verbindung zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, da ist auf der einen Seite der Mensch, auf der anderen ist das Weltengeschehen, und beides verbindet sich hier in all seiner jeweiligen Komplexität, sodass man kaum weiß, was zuerst da war, Mensch oder Kosmos.

Sie haben den Text gekürzt, das ist nicht so ungewöhnlich. Aber Sie haben auch ganze Textbausteine versetzt, zum Beispiel die Passage "Hab doch studiert ..." Ist das nicht ein bisschen kühn?

Das war sehr spannend. Das Ziel war, durch ein paar Umstellungen, dass das Stück eigentlich komplett im Jetzt, also 2021 spielen kann, dass es also letztendlich zeitlos wird. Dass also alles, was auf das Damals hinweist, weg ist, also das Frömmelnde von damals, die Gesellschaftsstrukturen. Der Zuschauer soll nicht in die Vergangenheit zurückgeworfen werden. Aber ich habe kein Wort im Text verändert.

Sie selbst spielen den Mephisto, allerdings weniger als Hosenrolle, eher als teuflisches Weib oder gar als Wesen zwischen den Geschlechtern. Hat da der Zeitgeist der Gender-Diskussion geweht?

Also eigentlich ist mein Mephisto schon eine Frau, wenn auch mit ein paar burschikosen Zügen. Dass er ein wenig zwischen den Geschlechtern gesehen wird, ist ja nicht so neu. Ich sehe die ganze Genderdiskussion auch etwas gespalten. Auf der einen Seite ist es schon wichtig, dass da etwas umgedacht wird, was die Vermännlichung der Sprache angeht. Aber ich sehe da den Menschen auch als Ganzes, den man nicht auf das Geschlechtliche reduzieren sollte.

Wie kompliziert ist es, Regie zu führen und eine der Hauptrollen zu spielen, bei der man sich quasi selbst inszenieren muss?

Das ist schon eine große Herausforderung, weil man sich ja nicht sieht und nicht weiß, wie das dann so aussieht. Einerseits brauchst du als Schauspieler diesen Tunnelblick für die Rolle, andererseits brauchst du den Regieblick fürs große Ganze. Meine Schauspielkollegen haben mir da sehr geholfen. Im Prinzip waren wir sechs Regisseure.

Theater: Studienrätin Anna Funk spielt als Regisseurin auch selbst mit: als Mephisto.

Studienrätin Anna Funk spielt als Regisseurin auch selbst mit: als Mephisto.

(Foto: Benedikt Frank)

Wie haben sie die Schauspieler gefunden und für ihr Ensemble rekrutieren können? Sie spielen ja im Amphitheater des Englischen Gartens bei freiem Eintritt.

Die Ulrike Dostal (spielt die Marthe) vom Gärtnerplatztheater kenne ich schon lange, die hat ja auch den "Jedermann" meiner letzten Arbeit gespielt. Und den Oliver Exner zum Beispiel , der den jungen Faust spielt, habe ich kennengelernt, als wir beide bei Martin Kušejs "Faust" als Statisten mitgewirkt haben. Und das Gretchen Katharina Mayer kenne ich vom "frechen Volkstheater".

Wann haben Sie zu proben angefangen?

Ende Februar, Anfang März.

Und Corona?

Wir gelten ja juristisch gesehen als professionelles Theater. Also durften wir zusammen proben. Die Schauspieler hatten da ja auch nicht so viel zu tun. So konnten wir schön in Ruhe arbeiten. Das war, insgesamt gesehen, ein Glück.

Wir haben heuer einen sehr kulturunfreundlichen Sommer. Was ist, wenn's regnet?

Dann fällt die Vorstellung aus. Ersatztermine müssten wir dann neu planen. Also: Wenn es am 5. und 6. August regnet, gibt es keinen "Faust" im Amphitheater.

Nach dem "Faust" kann eigentlich fast nichts mehr kommen. Oder haben Sie noch weitere Pläne?

Erstens habe ich eine lange Liste von Orten, die an unserem "Faust" Interesse haben, darunter sogar Den Haag in den Niederlanden. Und zweitens arbeite ich an einem neuen Text für ein Solostück für mich. Mal sehen, wie das wird.

"Faust" von Johann Wolfgang von Goethe, Anna Funk und Ensemble, Amphitheater im Englischen Garten, 5. und 6. August, 20 Uhr, Eintritt frei

© SZ/chj/pop
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