Energiekrise:Kalte Saunen, aber strahlend weiße Weihnachten

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Energiekrise: Ein Bild, das es auch in diesem Jahr geben soll: Passanten vor dem festlich beleuchteten Weihnachtsbaum am Münchner Rathaus.

Ein Bild, das es auch in diesem Jahr geben soll: Passanten vor dem festlich beleuchteten Weihnachtsbaum am Münchner Rathaus.

(Foto: Lennart Preiss/dpa)

München unternimmt viel, um Energie zu sparen. Da verwundert es, dass die Innenstadt in der Adventszeit trotzdem leuchten soll. Doch es gibt eine Erklärung.

Von Thomas Anlauf

Es wird ungemütlich in den Münchner Amtsstuben. Die Temperaturen sinken, in den öffentlichen Gebäuden sollen die Thermometer in der Heizperiode nicht mehr über 19 Grad steigen. Das sieht die bundesweite Energiesparverordnung vor, die Anfang September in Kraft getreten ist. In den ersten Wochen hat sich diese noch nicht sonderlich auf den Strom- und Gasverbrauch ausgewirkt, haben die Stadtwerke München (SWM) festgestellt. "Beim Gas tragen die Sommermonate jeweils weniger als drei Prozent zum Gesamtjahresverbrauch bei", sagt SWM-Sprecher Michael Silva. "Einsparungen in diesem Bereich dürften also erst in einigen Wochen bemerkbar sein." Doch das Referat für Klima- und Umweltschutz (RKU) rechnet damit, dass allein das Herunterdrehen der Heizungen in den städtischen Büroräumen von 22 auf 19 Grad 18 Prozent an Heizenergie im Vergleich zu vergangenen Wintern spart.

Die Münchner Energiesparmaßnahmen greifen nicht erst seit der bundesweiten Verordnung. Nach Angaben des städtischen Informationsamts wurde bis heute der Wärmeverbrauch um rund 29 Prozent gesenkt - ein Beitrag der Stadt, dass die Münchner Stadtverwaltung möglichst bis 2030 klimaneutral wird. Flure in Behörden sollen nun übrigens überhaupt nicht mehr geheizt werden, in Waschbecken gibt es nur noch kaltes Wasser.

Ähnlich spartanisch geht die Stadt seit Jahren mit der Beleuchtung im öffentlichen Raum um. Seit 3. August werden etwa 140 öffentliche Gebäude, Brunnen, Denkmäler nicht mehr angestrahlt. Das spart laut Baureferat im Jahr etwa 120 000 Kilowattstunden Strom. Die meisten Brunnen werden nun in den Sommermonaten nachts abgedreht, im Winter sind die meisten ohnehin abgestellt und hinter Holzverschalungen verborgen.

Nicht erst seit der Energiesparverordnung sucht die Stadt nach Möglichkeiten, Strom, Gas und Wasser zu sparen. "Unabhängig von der aktuellen Situation haben das Thema Energiesparen und der Ausbau der erneuerbaren Energien für die Landeshauptstadt München schon seit Jahren oberste Priorität", sagt Stefan Hauf, Leiter des städtischen Informationsamts. Großes Potenzial gibt es beispielsweise bei der Straßenbeleuchtung.

In Südkorea gilt München als Vorbild

Sukzessive tauschen Mitarbeiter des Baureferats die alten Leuchtkörper in den Straßenlaternen aus. In Freiham startete 2019 ein Pilotprojekt mit intelligenten und energiesparenden Straßenleuchten. "Freiham Nord ist der erste Stadtteil in München, der komplett in LED ausgebaut wird", erklärte der Ingenieur Ralf Noziczka vom Baureferat damals einer Delegation aus Südkorea, die Seoul bis 2025 mit LED-Technik ausstatten will.

Für Freiham Nord wurde ein Licht-Masterplan erstellt: Wie viel Licht und in welcher Tönung ist nötig? Wie viel intelligente Technik kann man in einen Lichtmast packen? Und wo können Leuchten bis auf zehn Prozent ihrer Leistung heruntergedimmt werden, wenn gerade niemand auf dem Gehweg unterwegs ist?

Seit einigen Jahren werden stadtweit LED-Lampen in die knapp 100 000 Straßenleuchten Münchens installiert, bislang jedoch nur 4000, teilt das Baureferat mit. Die bringen eine jährliche Stromeinsparung von 500 000 Kilowattstunden. Außerdem werden in verkehrsarmen Zeiten knapp die Hälfte aller Ampeln abgeschaltet - allerdings natürlich nur dort, wo es die Verkehrsteilnehmer nicht gefährdet. Und mittlerweile sind mehr als 99 Prozent aller Verkehrsampeln mit energiesparender LED- oder Zehn-Volt-Technik ausgestattet.

Auch die Münchnerinnen und Münchner bekommen die städtischen Energiesparmaßnahmen zu spüren. Die großen Freibecken des Dantebads sind bis auf weiteres gesperrt. "Sie haben einen besonders hohen Energieverbrauch, vor allem, wenn die Umgebungsluft saisonbedingt kälter wird", teilt ein Sprecher der Stadtwerke mit. So verbrauche das Dantebad zwischen Oktober und März drei Mal so viel Heizenergie wie der Durchschnitt der anderen zehn Bäder, die in dem Zeitraum geöffnet haben.

Bereits im Sommer wurde die Mindesttemperatur in den Freibädern sowie in den Warmwasser-Außenbecken der Hallenbäder abgesenkt - was allein schon zehn Prozent Energieeinsparung je Becken ergab. Seit 1. August sind auch alle zehn Saunen der Stadtwerke vorübergehend geschlossen. Weitere Maßnahmen werden im Rathaus bereits diskutiert, etwa was mögliche Einschränkungen beim Eislaufbetrieb angeht.

Aber was passiert zum Beispiel mit Dingen, die vielleicht einfach nur stimmungsvoll aussehen, aber keinem besonderen Zweck dienen? Natürlich denken da viele an das Blinken und Leuchten auf der Wiesn, und schon in wenigen Wochen werden die Geschäftsleute der Innenstadt Straßen und Plätze mit Tausenden Adventslichtern schmücken. Muss das denn sein?, fragt die Deutsche Umwelthilfe.

Tatsächlich sind temporäre Veranstaltungen wie Oktoberfest und Adventsbeleuchtung offiziell nicht von den Energiesparmaßnahmen betroffen. Der Stromverbrauch ist zwar enorm - 2019 waren es 2,87 Millionen Kilowattstunden, allerdings fallen davon lediglich 15 Prozent auf die größeren Schausteller mit ihren Fahrgeschäften, die Festzelte verbrauchen 70 Prozent des Stroms. Die größten Gasschleudern fallen übrigens mit 80 Prozent des Wiesnverbrauchs auf die Zelte und Hühnerbratereien. Da nehmen sich die rund 60 000 LED-Leuchten, die jedes Jahr im Advent Promenadeplatz, Maximilianstraße und Teile der Fußgängerzonen beleuchten, ziemlich bescheiden aus.

2013 hat der Zusammenschluss der Innenstadt-Unternehmern (City Partner) die Beleuchtung komplett auf LED umgestellt. "Früher war der Stromverbrauch für die Beleuchtung 15 Mal so hoch", sagt Wolfgang Fischer, Geschäftsführer von City Partner. Jetzt liege er bei einer Leistung von etwa 1000 bis 1500 Watt, was einem Staubsauger entspricht. Für Fischer seien die Diskussionen über die Energieeinsparungen für Händler "viel Polit-PR-Aktionismus". Schließlich seien die Händler angesichts der stark steigenden Energiepreise selbst kräftig am Sparen.

Forderungen, wonach auch der Christbaum vor dem Münchner Rathaus in diesem Jahr auf die 3000 LED-Lichter verzichten soll, erteilte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) kürzlich eine Absage. Dann könne man sich gleich fragen, ob man überhaupt einen Baum aufstellen solle - für den OB trotz Energiekrise eigentlich unvorstellbar.

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