Klimaschutz in München:Wie Hausbesitzer Energie sparen können

Klimaschutz in München: Julia Kreienbrink und die Energieberaterin Natalie Neuhausen (rechts).

Julia Kreienbrink und die Energieberaterin Natalie Neuhausen (rechts).

(Foto: Robert Haas)

Am Beispiel des Österreicherviertels will die Stadt erproben, wie man den Klimaschutz in Siedlungen vorantreiben kann. Dafür schickt sie Berater kostenlos von Tür zu Tür. Es zeigt sich: Oft braucht es nur den richtigen Anstoß.

Von Ellen Draxel

Es ist grau an diesem Samstag Ende Januar. Kein Sonnenstrahl dringt durch die Wolkendecke - weshalb das Lebendige der holzverschalten Fassade eines Reihenmittelhauses an der Veldener Straße in Pasing nur bedingt zum Tragen kommt. Für den Effekt fehlt das Licht- und Schattenspiel. Der Begeisterung von Natalie Neuhausen tut das aber keinen Abbruch. 15 Eigenheimbesitzer des Österreicherviertels hat die Architektin und Energieberaterin vom Referat für Klima- und Umweltschutz an diesem Nachmittag zum Haus der Familie Kreienbrink geführt - um zu zeigen, wie erfolgreich und zugleich charmant eine energetische Sanierung in ihrem Quartier aussehen kann.

"Man beachte die wunderschönen Übergänge", sagt Neuhausen und deutet auf ein Wellblech, das etwa 20 Zentimeter aus dem Boden ragt. Das Metall verkleidet eine Dämmplatte, die den Sockelbereich einpackt. "Mit so etwas mindestens einen Meter in die Tiefe zu gehen ist wichtig, weil die Kälte auch in den Keller zieht."

Das Österreicherviertel, eine zwischen Attersee-, Agnes-Bernauer-, Willibald- und Landsberger Straße gelegene Siedlung mit überwiegend aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren stammenden Reihen- und Einfamilienhäusern, ist seit einigen Monaten Modellprojekt. Am Beispiel dieses Viertels will die Stadt erproben, wie es gelingen kann, Siedlungen zukunftsfähig zu machen. Bis 2035 soll München klimaneutral werden, um dieses Ziel zu erreichen, setzt die Stadt auf die transformative Kraft im Quartier.

Julia und Holger Kreienbrink haben ihr Haus vor einigen Jahren als Bastlerobjekt gekauft. Zuerst kümmerten sie sich um den Innenausbau. Neue Elektrik, neue Bäder, eine Gas- statt der bisherigen Ölheizung. 2015 dann die Dachsanierung. "Das Dach hatte keine Dämmung, da war nur eine dünne Platte drin", erinnert sich die Eigentümerin. Also: eine Schutzschicht aus Mineralwolle anbringen lassen, neue Ziegel drauf. 2017 gab es neue Holz-Alu-Fenster, dreifach verglast. "Einen Tag hat der Fenstereinbau gedauert, das ging ziemlich schnell", erzählt Holger Kreienbrink den Besuchern.

Und schließlich die Fassade. Die Eigenheimbesitzer legten selbst Hand an, sprachen mit einem Profi, entschieden sich für ein Nut-Feder-System aus lasierter sibirischer Lärche über einer isolierenden Steinwolle-Dämmschicht. Kostenpunkt der gesamten Aktion: rund 200 000 Euro. Davon 10 000 Euro für die Fassade. Hat sich der Aufwand gelohnt? "Wir haben seit der Sanierung etwa 30 Prozent weniger Gasverbrauch als vorher", berichtet der Hausherr.

Im vergangenen Jahr setzte das Paar noch einen drauf und ließ für rund 15 000 Euro zehn Photovoltaikmodule aufs Süddach montieren mit einem jährlichen Stromertrag von insgesamt rund 4000 Kilowattstunden. Möglicherweise kommen noch weitere Solarzellen auf der Nordseite hinzu, die brächten zusätzliche 2500 Kilowattstunden.

Klimaschutz in München: Das kleine Haus im Österreicherviertel ist ein Beispiel für gelungene energetische Sanierung.

Das kleine Haus im Österreicherviertel ist ein Beispiel für gelungene energetische Sanierung.

(Foto: Robert Haas)

So hat es den Kreienbrinks Energieberater Peter Zitzelsberger erklärt, der seit Mitte November mit zehn weiteren Kolleginnen und Kollegen in den rund 780 Ein- und Zweifamilienhäusern des Quartiers Interessenten berät. Die ersten Impulsberatungen, inzwischen 250 an der Zahl, gehen auf Kosten der Stadt. "Diese aufsuchende Energieberatung im Quartier ist so ein Mega-Erfolg, wir kommen damit sogar in den Jahresbericht des Klima-Bündnisses", berichtet Projektleiterin Neuhausen.

Der Ablauf der ein- bis eineinhalbstündigen Erstberatung ist immer gleich: Zunächst erstellen Zitzelsberger und seine Kollegen mithilfe der Hausbesitzer einen Ministeckbrief für das Gebäude - inklusive Verbrauchszahlen für Wasser, Strom und Heizung. Anschließend erläutern sie, was alles machbar wäre, um die Energiebilanz zu verbessern: das Dämmen von Dach und Fassade, der Austausch von Fenstern, eine neue Heizung. Und die Möglichkeit, selbst Energie am Gebäude zu erzeugen. "Ich picke in der Regel einen Schwerpunkt raus und zeige den Kunden, welche Fördermöglichkeiten es gibt", sagt Zitzelsberger. Photovoltaik werde besonders häufig nachgefragt.

Entschließen sich die Eigentümer dann, aktiv zu werden, folgt Schritt zwei: das Verfassen eines energetischen Gutachtens mit Empfehlungen. Für diesen sogenannten Energetischen Sanierungsbericht müssen die Kunden selbst aufkommen, die Kosten werden aber zu 90 Prozent von der Stadt gefördert - bis zu einer Maximalsumme von 2300 Euro. Außerdem unterstützt die Kommune alle im Bericht aufgeführten Maßnahmen, die mithilfe einer Förderung des Bundes realisiert werden, mit weiteren 15 Prozent.

Wie wichtig es ist, "nicht mit der Gießkanne über die Stadt zu gehen", wenn man die Menschen erreichen will, beweise das Engagement der Bewohner des Österreicherviertels, sagt die Projektleiterin für Neuhausen. Dort gibt es inzwischen eine Gruppe, die sich Gedanken zur Mobilität macht. Andere beschäftigen sich mit dem Grün und der Biodiversität. Eine Arbeitsgruppe hat die Quartierswärme im Fokus und möchte wissen, ob die Einrichtung eines Nahwärmenetzes mit Nutzung des Grundwassers im Viertel sinnvoll sein könnte. Denn ans Fernwärmenetz ist das Quartier bisher nicht angeschlossen. "Wir machen dazu jetzt eine Machbarkeitsstudie", sagt Neuhausen.

Vom 24. Januar bis zum 3. Februar gab es unter dem Motto Re-Think außerdem ein Informations- und Unterhaltungsprogramm vor Ort, um noch mehr Anwohner ins Boot zu holen - auch der Spaziergang zu Kreienbrinks fand in diesem Rahmen statt. Neuhausen jedenfalls hat in den vergangenen Monaten viel gelernt. Etwa, dass es Netzwerker und Plattformen braucht, um Gleichgesinnte zu finden. Und dass die Beratungen künftig auch für ganze Gruppen durchgeführt werden sollten, weil sich die Themen ohnehin ähneln "und wir uns die Einzelinfos gar nicht mehr leisten können".

Die Politik, weiß die Architektin, "hätte gerne 20 Quartiere gleichzeitig" bespielt. "Aber das müssen wir auch erst mal schaffen." Zitzelsberger und seine zehn Energieberater-Kolleginnen und Kollegen werden schon in ein paar Wochen in ein neues Quartier gehen mit denselben Problemen, das Österreicherviertel als Blaupause im Gepäck. Ihr Ziel diesmal: Sendling-Westpark. Zwischen Mittlerem Ring, Westpark, Fürstenrieder Straße und Garmischer Autobahn.

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