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Verkehr in München:Tausende Tonnen im Schlepptau

Andreas Zimmerhackl

Andreas Zimmerhackl lernt Lokfahren - und achtet auch als Passagier besonders auf die fahrerischen Finessen.

(Foto: Paul Göhler/Bahn AG/oh)

Andreas Zimmerhackl hat sich schon als Kind für die Eisenbahn begeistert. Nach der Schule fand er heraus, dass er kein Büromensch ist. Jetzt lässt sich der 21-Jährige zum Lokführer für Güterzüge ausbilden.

Von Patrik Stäbler, Laim

Im Oktober ist Andreas Zimmerhackl nach Berlin gereist, im ICE-Sprinter, "der braucht bis Berlin-Südkreuz nur knapp unter vier Stunden", sagt der 21-Jährige - so etwas weiß er natürlich. In die Hauptstadt gefahren ist der Münchner wegen eines Konzerts der Berliner Philharmoniker, nicht sein einziges in diesem Monat. "Mit Kirill Petrenko", sagt Zimmerhackl, als erübrige der Name des Dirigenten jede weitere Erklärung.

Ein 21-Jähriger, der klassische Musik ebenso liebt wie die Oper, der seit Kindesbeinen in Chören singt, aktuell im Münchner Domchor, und der überdies als Statist in der Bayerischen Staatsoper auftritt, zuletzt in "La Bohème"? All das ist durchaus ungewöhnlich, obschon Zimmerhackl selbst überzeugt ist, "dass sich erstaunlich viele Menschen in meinem Alter für klassische Musik begeistern".

Bei dem jungen Mann, der im Stadtteil Laim aufgewachsen ist, kommt indes noch etwas anderes hinzu. Denn Andreas Zimmerhackl begeistert sich nicht nur für Arien und Sinfonien, sondern auch für Lokomotiven - von der Modelleisenbahn bis zum 3000 Tonnen schweren Güterzug. Letzteren könnte er selbst bald durchs Land lenken. Denn Zimmerhackl macht derzeit eine Ausbildung zum Lokführer für Güterzüge bei der Bahn-Tochter DB Cargo. Er gehört somit zu den circa 1600 jungen Menschen, die bei dem Staatskonzern den Beruf des Triebfahrzeugführers erlernen, so die offizielle Bezeichnung.

Allein heuer werde man 650 Azubis in dem Bereich einstellen, teilt die Bahn mit - 2017 waren es noch 390. Ihre Berufsaussichten sind exzellent, denn Lokführer werden auf dem Arbeitsmarkt händeringend gesucht. Laut einer Untersuchung des Verbands "Allianz für Schiene" aus dem Jahr 2019 ist der Fachkräftemangel sogar größer als bei Altenpflegerinnen und Installateuren. Demnach standen im Jahresdurchschnitt 100 offene Stellen bloß 25 arbeitssuchenden Lokführern gegenüber.

Dabei rangiert der Job im Führerstand nach wie vor weit vorne auf der Liste der deutschen Traumberufe - wenn es um die unter Achtjährigen geht. Auch er selbst sei schon als kleines Kind fasziniert von Eisenbahnen gewesen, sagt Andreas Zimmerhackl. Nicht nur lernte er die Stationen der S- und U-Bahn-Netze verschiedener Städte auswendig, sondern er verbrachte auch Stunden und Tage mit seiner Modelleisenbahn - und tut es heute noch, wenn er seine Eltern besucht. Während bei vielen Gleichaltrigen die Begeisterung für Züge im Teenageralter verfliegt wie der Rauch aus dem Schornstein einer Dampflok, lebte bei Zimmerhackl der Lokführertraum fort - bis er 2018 die Realschule an der Blutenburg verließ, in der Tasche die Mittlere Reife, im Kopf nur eine vage Idee von der Zukunft.

"Ich finde es auch faszinierend, so eine 80 Tonnen schwere Maschine zu bewegen"

"Ich habe erst mal ein Jahr lang verschiedene Praktika gemacht", erzählt Andreas Zimmerhackl, der im Gespräch äußerst höflich ist und Fragen erst nach kurzer Bedenkzeit beantwortet - in nahezu druckreifen Sätzen. Das Ziel sei es gewesen, sagt er, "herauszufinden, was ich machen will". Doch stattdessen habe er in dem Jahr herausgefunden, "was ich nicht machen will". Nämlich: "Ich habe festgestellt, dass ich kein Büromensch bin. Ich will nicht immer am selben Ort sein, sondern ich brauche auch im Beruf die Bewegung." Und so kam Zimmerhackl zurück auf seinen Kindheitstraum, bewarb sich bei der Deutschen Bahn und begann 2019 eine Ausbildung als Triebfahrzeugführer im Güterverkehr. Für sein Umfeld sei die Entscheidung kaum überraschend gekommen, erzählt er. "Die meisten meiner Freunde haben gesagt: Ja, das passt zu dir. Und einige meinten auch: Es war klar, dass du sowas machst."

Seit circa eineinhalb Jahren lernt Andreas Zimmerhackl nun also alles, was es braucht, um einen circa 700 Meter langen Güterzug durch die Lande zu fahren. Angefangen habe die Ausbildung mit den Sicherheitsregeln, "sozusagen unsere Lebensversicherung", sagt der 21-Jährige. Danach folgten Lernblöcke zur Brems- und Wagenprüfung sowie zwischendrin eine Ausbildung zum Rangierbegleiter - eine Art Co-Pilot des Lokführers. Seit Herbst geht es nun um das eigentliche Steuern der Lokomotive: Nach etlichen Theorieeinheiten startet jetzt der Praxisteil, sowohl im Fahrsimulator im Trainingszentrum an der Leienfelsstraße als auch im Führerstand. Dort hat Zimmerhackl bei Ausbildungsfahrten schon mehrfach dem Lokführer über die Schulter geschaut. "Mich begeistert die ganze Technik von Lokomotiven", sagte er. "Und ich finde es auch faszinierend, so eine 80 Tonnen schwere Maschine zu bewegen."

Ob es Parallelen zwischen seiner Begeisterung für Lokomotiven und für die klassische Musik gebe? "Nein, ich glaube nicht", sagt Andreas Zimmerhackl - ehe ihm doch etwas einfällt. "Als Mitarbeiter der Bahn bekommen wir jedes Jahr ein bestimmtes Kontingent an Freifahrten. Und das habe ich im Sommer genutzt, um zu verschiedenen Konzerten in ganz Deutschland zu fahren. Das ist ein sehr angenehmer Nebeneffekt meiner Ausbildung." Nicht nur war er mehrfach bei Konzerten der Berliner Philharmoniker, sondern auch in der Wiener Staatsoper und der Semperoper in Dresden.

Die Hin- und Rückreise erfolgte dabei stets mit der Bahn, wobei Zimmerhackl - das ist wohl Berufskrankheit - weniger Augen für die vorbeirauschende Landschaft hatte, sondern eher auf die fahrerischen Finessen des Lokführers achtete. "Man fährt nicht mehr Zug wie ein normaler Fahrgast, sondern nimmt die Dinge ganz anders wahr", sagt er, "vor allem das Bremsen und Losfahren".

Wenn alles glatt läuft, wird Andreas Zimmerhackl seine Ausbildung 2022 abschließen und fortan selbst im Führerstand durch Deutschland brausen - mit Tausenden Tonnen Fracht im Schlepptau. "Wenn man im Auto aufs Gaspedal drückt, dann fährt es sofort los", sagt er. Bei einem Güterzug sei das anders. "Wenn man da den Fahrhebel nach vorne schiebt, dann dauert es ein paar Sekunden, bis sich die Lok in Bewegung setzt. Das ist schon ein tolles Gefühl."

© SZ vom 03.04.2021/lfr
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