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München:Eisbaden ist die neue Religion zu Pandemiezeiten

Nichts für Frostbeulen: Wer sich im Winter in die Isar wagt, sollte abgehärtet sein.

(Foto: Stephan Rumpf)

Sie findet in der Stadt rege Anhängerschaft. Ein gutes Kontrastprogramm zum Dornröschenschlaf des Pandemiestillstands - und wie jede ordentliche Religion hat auch das Eisbaden einen Guru.

Glosse von Laura Kaufmann

Im Sommer noch schielten Gastronomen angstvoll Richtung Herbst. Mit Heizpilzen sollten die Schanigärten so lange wie möglich in Betrieb gehalten werden; aber wie lange würden das die Schönwettermünchner mittragen? Das Terrassen-im-Winter-Experiment erledigte kurzerhand ein neuer Lockdown. Und die Schönwettermünchner? Die entdeckten ihren inneren Briten, stoisch kurzhosig.

Kälte ist relativ, Kälte ist, was man draus macht. Heizpilze? Lächerlich. Des Münchners neues Hobby ist das Eisbaden. Unter dem Hashtag "Eisbach" finden sich nicht mehr nur Bilder von Surfern in Neoprenanzügen in sozialen Netzwerken. Nein, auch Bilder von Menschen in Badehose, Bikini und Mütze. Sie stehen und sitzen im Wasser, mitten in einer Schneelandschaft, und lächeln.

Eisbaden ist die neue Religion zu Pandemiezeiten, die in der Stadt rege Anhängerschaft findet. Am Eisbach, an der Isar, überall reißen Leute euphorisch ihre Wintermäntel auf, um ins Wasser zu steigen oder gleich zu köpfen, am besten täglich. Menschen, die nahe Badeseen wohnen, klemmen sich die Spitzhacke unter den Arm, um dem vereisten Gewässer ein Bad abzutrotzen.

Nach dem Abtauchen ins kalte Wasser fühle man sich frisch, wach und lebendig, sagen sie. Von Endorphinen ist die Rede und von mentaler Stärkung. Ein gutes Kontrastprogramm zum Dornröschenschlaf des Pandemiestillstands und der stillen Verzweiflung, die er gelegentlich mit sich bringt. Und das Immunsystem stärkt ein Bad im Eisbach obendrein. Etwas fitter sollte man allerdings sein, um seinem Körper den Kälteschock zuzutrauen, und mit Wechselduschen üben.

Wie jede ordentliche Religion hat auch das Eisbaden einen Guru: Wim Hof, ein niederländischer Extremsportler mit Jesusbart, der mit einer Stunde, 52 Minuten und 42 Sekunden den Rekord im Eisbaden hält und in Shorts und Sandalen auf dem Mount Everest herumspaziert. Wie ein guter Guru das tut, verteilt er achtsame Sprüche in sozialen Netzwerken.

"Du kannst die Kontrolle über deinen Körper zurückgewinnen, indem du die immense Kraft deines Geistes entfesselst", "Ohne Seele ist da nur Dunkelheit", solche Sachen. Eisbaden ist also nahe dran, das neue Yoga zu werden. Wim Hof sagt, er könne Kälte einfach gut ertragen. Sollte die Gastronomie also in frischeren Zeiten wieder öffnen dürfen - seine Jünger werden abgehärtet die Terrassen besiedeln. Und die Plätze unter den Heizpilzen den Warmduschern überlassen.

© SZ vom 09.01.2021/infu
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