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Eisbachsurfer:Schlange stehen an der Welle

Surfer / Eisbachsurfer in München

Beim Surfen wird den Sportlern warm, aber beim Anstehen kühlen sie schnell aus.

(Foto: Robert Haas)

Erfahrenen Surfern gefällt es nicht, dass immer mehr Neulinge in den Englischen Garten kommen. Auch im Winter ist hier inzwischen viel los, von den kalten Temperaturen lassen sich die Sportler nicht abschrecken.

Von Andreas Schubert

Einen kleinen Frust erleben die Surfer, die sich an diesem Samstagnachmittag am Eisbach treffen, schon am Parkplatz am Haus der Kunst, als sie kurz die Lage sondieren. Mehr als 20 andere Surfer stehen bereits im Line-up, also der Schlange an der Welle, und warten, bis sie dran sind. Warten, das bedeutet bei drei Grad Lufttemperatur vor allem Frieren. Einer steigt gleich wieder ins Auto. Keine Lust, sagt er, ehe er davonfährt. Die anderen, ein Grüppchen erfahrener Locals, wie sich die Einheimischen im Surfer-Sprech nennen, lassen sich nicht abschrecken.

Anstellen komme für ihn nicht infrage, sagt Daniel Osswald. Der 53-Jährige surft schon seit mehr als 30 Jahren hier und bekommt schlechte Laune, wenn es mal nicht geht. "Surfen im Winter ist wie Surfen im Sommer", sagt er. Mit den Neoprenanzügen hält man es durchaus auch bei eisigen Temperaturen eine Zeitlang am und im Eisbach aus, der aktuell knapp fünf Grad kalt ist. "Nach dem Surfen ist einem warm", sagt Osswald, "das ist wie nach dem Joggen".

Surfer / Eisbachsurfer in München

In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Eisbachsurfer kontinuierlich zugenommen.

(Foto: Robert Haas)

Wie das schon immer so ist am Eisbach: Unerfahrene Neulinge, die leicht abfällig Newbies genannt werden, sind an der Welle nicht gerade wohlgelitten. Da gab es früher schon mal handfeste Auseinandersetzungen. Weggeschickt werde heute aber niemand mehr, erzählt Osswald. "Die lassen sich nicht mehr wegschicken." Jetzt beschränken sich die Alteingesessenen aufs Lästern über "gesponserte Kinder" und "Anwälte in der Midlife-Crisis", die sich laienhaft in die Flut stürzen.

In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Eisbachsurfer kontinuierlich zugenommen. Das dürfte nicht zuletzt an Filmen wie "Keep Surfing" liegen, der vor bald elf Jahren das Lebensgefühl der Isarsurfer schilderte, an unzähligen Youtube-Clips oder Beiträgen in Surfer-Foren, und natürlich an der Tatsache, dass das Surfen seit Juni 2010 legal ist. Früher hätten sich alle gekannt, sagt Osswald. Das sei schon lange nicht mehr der Fall. Schätzungen zufolge gibt es mehr als 2500 aktive Isarsurfer. Und weil die Floßlände, wo Anfänger sonst Erfahrung sammeln können, nicht zur Verfügung steht, kommen immer mehr von ihnen eben zum Eisbach. Auch im Winter.

Freilich geht es im Sommer sehr viel mehr zu als an einem Januartag. Nach dem Geschmack von Laura Haustein sind aber selbst 20 Anstehende bei der Kälte schon zu viel. Vor einem Jahr hat sie sich in einem Online-Magazin für Surfer über die zunehmende Zahl der Wintersurfer beklagt, mit dem Appell: "Bleibt lieber alle auf der warmen Couch und zieht Euch was auf Netflix rein." Mit ihren 23 Jahren zählt die Studentin zu den richtig Guten, weshalb sie auch von einem Münchner Surfboard-Hersteller gesponsert wird. Und auch sie ist, so oft es geht, an der Welle, nur dass sie im Winter mit Papas Auto kommt statt mit der Vespa. Müsse man dauernd anstehen, erzählt sie, kühlt man aus. "Und der Flow ist nicht da."

Sieht man Haustein eine Weile zu, wie sie mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit auf der Welle surft und Tricks vorführt, bevor sie nach etwa einer halben Minute wieder für andere Platz macht, kommt es einem als Laie vor, als sei dies alles doch gar nicht so schwierig. Bis dann der oder die Nächste schon nach ein paar Sekunden von der Welle wieder brüsk abgeworfen wird wie von einem Rodeo-Gaul. Haustein und die anderen guten Surfer sind der Grund, warum es das ganze Jahr über Zuschauer zur Eisbachbrücke zieht.

Surfer / Eisbachsurfer in München

Gegen die Kälte hilft nur heißer Tee aus der Thermoskanne.

(Foto: Robert Haas)

Ein paar Dutzend sind auch an diesem Samstag gekommen, eingehüllt in warme Daunenjacken, Mützen und Handschuhe. Schilder ermahnen die Surfer wegen der Corona-Pandemie zum Abstandhalten - mindestens eine Surfbrettlänge -, die Zuschauer sind angehalten weiterzugehen, worum sich allerdings kaum einer etwas schert - aber Abstandhalten ist trotzdem kein Problem. Auf Publikum legen viele Surfer dem eigenen Bekunden nach aber wenig Wert. "Ich surfe für mich, nicht für die Zuschauer", sagt Haustein.

Freilich gehört die Selbstinszenierung am Eisbach für einige trotzdem dazu. Einer lässt es sich nicht nehmen mit der Eitelkeit eines Sixpack-Männchens seinen Neoprenanzug lässig herunterhängen zu lassen und mit nacktem Oberkörper zu surfen. Die anderen halten auch ihren Kopf mit der Neoprenkapuze bedeckt. Tut man das mal nicht, erzählt Laura Haustein, holt man sich schon mal den "Eisbachschnupfen".

Der Wasserstand, der in jüngster Zeit oft relativ niedrig war und das Surfen erschwerte, ist an diesem Nachmittag mit 140 Zentimetern ganz passabel, wie Daniel Osswald einräumt. Nach einer Stunde reicht es ihm und anderen aus der Clique dann aber auch wieder. Am Parkplatz pellen sie sich aus ihren Anzügen und freuen sich auf ein wärmendes Getränk. Es gibt heißen Apfelsaft mit - weil's ja wieder erlaubt ist - Calvados.

© SZ vom 25.01.2021/amm/van
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