bedeckt München

Weihnachtsgeschäft:Ihr Kundenlein kommet

Einkaufen trotz Corona im Advent in der Fußgängerzone

Entspannte Schlangen vor Modehäusern: Ohne Christkindlmarkt und mit verhaltenem Kundenandrang kein Problem am Samstag in der Münchner Fußgängerzone.

(Foto: Florian Peljak)

Keine andere Zeit des Jahres ist für den Einzelhandel so wichtig wie die Wochen vor Weihnachten. Doch am ersten Adventssamstag ist die Münchner Innenstadt deutlich leerer als sonst. Trotzdem gibt es dort auch Gewinner der Corona-Krise.

Von Tom Soyer

Frank Troch steht am Eingang des Herrenmode-Kaufhauses Hirmer und hat einen ziemlich untrüglichen Schnelltest dafür, wie es um die Corona-Disziplin an diesem Samstag in der Kaufingerstraße steht: In Deutschlands meistbesuchter Fußgängerzone kann er an einem Adventssamstag normalerweise nicht bis über die Straße sehen, zum Eingang des Kaufhauses C&A, es sind einfach zu viele Menschen im Weg. Normalerweise. Heute geht das locker. Für den Hirmer-Geschäftsführer ist das Testergebnis positiv und negativ zugleich: Angesichts der Corona-Situation freut er sich darüber, dass die Menschen vernünftig sind - für den Handel aber "sind es bittere Weihnachten".

Drei fesche junge Herren im dunklen Sakko drücken am Eingang auf einem Handy die Plus- und die Minus-Taste und zählen so mit, wie viele Menschen gerade bei Hirmer einkaufen. Mit seinen 9000 Quadratmetern Fläche lässt das Haus am Samstag maximal 450 Kunden gleichzeitig zu - und hat schon umgesetzt, was von Dienstag an als schärfere Regel eingeführt wird: Wo bisher ein Kunde auf zehn Quadratmetern erlaubt war, wird es dann nur noch einer auf 20 Quadratmetern sein. Handelssprecher retten sich bereits in dienstleistungsorientierten Sarkasmus: "Noch nie war Weihnachtseinkauf so entspannt wie dieses Jahr", sagt etwa Bernd Ohlmann als Oberbayern-Sprecher des Bayerischen Handelsverbandes.

Hirmer-Geschäftsführer Troch wahrt Haltung. Obwohl ihm natürlich nicht entgeht, dass dieses Weihnachtsgeschäft ein völlig anderes ist als gewohnt. Kein Christkindlmarkt vor der Tür, stattdessen so viel Platz in der Kaufingerstraße, dass es nicht einmal schwierig wird, wenn vor den Kaufhäusern von H&M oder Zara lange Warteschlangen quer über die Fußgängerzone stehen. Früher hätte der Strom der Kaufwilligen so eine Schlange glatt weggedrückt. Jetzt lassen alle mindestens eineinhalb Meter Abstand, und der Hauptverkehr kommt problemlos mittendurch, ohne enge Begegnungen.

So gesehen hat es sich wohl bewährt, dass der Christkindlmarkt nicht genehmigt wurde. Dennoch fehlt er den Händlern als Magnet, was sich an der "Kundenfrequenz" bemerkbar mache. Auch das ist so ein typischer Test der Branche, und der fällt ebenfalls negativ aus: Bis Oktober sei die Kundenfrequenz um gut 50 Prozent zurückgegangen, schätzt Troch. Jetzt, angesichts der höheren Inzidenzzahlen, sei die Zurückhaltung der Menschen sogar noch stärker geworden. "Bis zu 65 Prozent weniger Kundenfrequenz" seien die Folge, schätzt er mit Blick auf den C&A-Eingang. Da ist es licht geworden.

Handelsverbands-Sprecher Ohlmann beziffert den Corona-bedingten Umsatzverlust bayernweit auf "30 bis 40 Prozent", und in München sogar auf "30 bis 50 Prozent". Der Gesamtumsatz im November und Dezember in München belaufe sich auf 2,3 Milliarden Euro - 420 Millionen davon über Onlinekäufe. Was bei ihm große kaufmännische Statistik ist, manifestiert sich bei Annemarie Herrmann unmittelbar und ziemlich erbarmungslos in ihrem Souvenirladen an der ehemaligen Augustinerkirche. Immerhin gibt es bei ihr heute ab und zu sogar Wartezeit vor dem Laden, weil höchstens acht Personen hinein dürfen.

Aber ihr fehlten schon die Wiesn-Touristen, und nun auch die Winterbesucher in der Stadt, aus den USA, aus China. "Bei uns ist es fünf vor Zwölf", ihr Umsatz liege bei "10, 15 Prozent des Vorjahres". Fünf Mitarbeiter pausieren derzeit, dafür steht ihre 79-jährige Mutter mit im Laden. Im Sortiment fehlt nun Deutschland-Ware, dafür gibt es, in der Hoffnung aufs heimische Publikum, viele Bayern- und München-Geschenkartikel. Schwierig sei die Lage - und bisher nur zu stemmen, weil ihr der Vermieter sehr entgegengekommen sei. Der heiße "Freistaat Bayern", am Montag steht eine neue Verhandlungsrunde an. Bayern habe es nun mit in der Hand, ob es das frisch aufgemöbelte Geschäft auch nächsten August noch gebe. Da werde "Geschenke Herrmann" 60 Jahre alt.

Manchmal hat man Gewinner und Verlierer der neuen Situation auch innerhalb desselben Geschäftes, etwa im Musikhaus Hieber-Lindberg an der Sonnenstraße. In der Gitarrenabteilung kann einem Eric Mittenzwei davon erzählen, wie viele seiner Kollegen seit Monaten kein zweites Standbein mehr haben, weil Livemusik zwangspausiert. Das betreffe sogar einen der zwei Lindberg-Geschäftsführer, weil der in einer Wiesn-Band aktiv sei.

Einkaufen trotz Corona im Advent in der Fußgängerzone

Total gefragt sind derzeit Langlauf- und Tourenski im Traditionssporthaus - Alpinski hingegen weniger.

(Foto: Florian Peljak)

Und dann sitzt nebenan Philipp Cording als Chef der Abteilung Tasteninstrumente und freut sich, dass sich im Home-Office viele aufs Klavierspiel besinnen. "Das ist krass gestiegen." Gerade ist Cording etwas angespannt, weil ein generalüberholter Flügel bei einem Kunden in Schwabing mit dem Kran in eine Wohnung im fünften Stock gehoben wird. "Fliegende Flügel" machten ihn nervös, sagt er. Im Laden aber geht es ruhig und gediegen zu. Menschen desinfizieren ihre Finger am Eingang und schauen sich ein Einsteiger-E-Piano ab 400 Euro an. Oder den totalüberholten Konzertflügel für 60 000 oder 70 000 Euro. Cording freut sich über diese Renaissance der Hausmusik. Dass derzeit Akkordeons und Mundharmonikas als Mitbringsel nach China wegfielen, sei damit gut zu verschmerzen.

Vom überschaubaren Andrang profitieren Kunden auch bei Sport Schuster. "Wir können gut beraten", sagt Etagenmanager Michael Decker in der Skiabteilung. Sogar an einem Samstag. Für Alpinski interessiere sich vorerst mangels Pistenbetrieb ja kaum jemand - dafür umso mehr für Touren- und erst recht für Langlaufski. Letztere seien "absolut der Trend". Müsste jetzt eigentlich nur noch die Schneefallfrequenz nach oben gehen.

© SZ vom 30.11.2020/baso/van
Zur SZ-Startseite

Leben mit der Krise
:Die Stehauf-Familie

Dirndl und Lederhosen, Wegbier, Weihnachtssterne: So ziemlich alles, womit Uta Rausch und ihr Partner Geld verdienen, lässt sich derzeit kaum verkaufen. Ein Rückschlag folgte auf den nächsten, doch Aufgeben ist keine Option.

Von Thomas Anlauf

Lesen Sie mehr zum Thema