Prozess am Amtsgericht MünchenPerücken und Haarteile im Wert von 250 000 Euro gestohlen

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In zwei Läden in München und Ottobrunn wurden unter anderem Perücken gestohlen (Symbolbild).
In zwei Läden in München und Ottobrunn wurden unter anderem Perücken gestohlen (Symbolbild). (Foto: Stephan Rumpf)

Die Freundin des Angeklagten soll in Ungarn einen Online-Shop für solche Waren betreiben. Er bestreitet die Taten jedoch – und bekommt von seiner Mutter ein Alibi.

Von Susi Wimmer

Zsolt M. betritt den Gerichtssaal, und eines ist offensichtlich: An Haarpracht mangelt es dem 46-jährigen Ungarn nicht. Zwar ist der braune Schopf kurz geschoren, aber durchaus vorhanden. Weit mehr als 70 Kilogramm an Perücken, Haarteilen und Extensions im Wert von einer Viertelmillion Euro soll M. im Jahr 2023 bei Einbrüchen in zwei Läden in München und Ottobrunn gestohlen haben. Wohl nicht zum Eigenbedarf. Doch die Beweisführung vor dem Schöffengericht am Amtsgericht München gestaltet sich am ersten Prozesstag – mit Verlaub gesagt – als haarige Angelegenheit.

„Das sind weit hergeholte Indizien“, poltert Verteidiger Alexander Klein los. Die Lichtbilder aus den Überwachungskameras seien zu schlecht, und nur weil sein Mandant Fotos von Haarteilen auf dem Handy hatte, sei das noch lange nicht aussagekräftig. Die beiden Taten habe sein Mandant nicht verübt, einen dritten Einbruch bei einem Juwelier in Planegg räume er jedoch ein.

Der Modus Operandi, so zu lesen in der Anklage, war immer derselbe: Nachts die Eingangstüren der Geschäfte aufhebeln, Haare in jeglicher Form in Müllsäcke füllen und verschwinden. Einer der Geschädigten gab bei der Polizei an, das seien wohl Experten gewesen, zumal man gezielt auf die teuren Naturhaare gegangen sei. An Bargeld oder Handys etwa hatten die Einbrecher kein Interesse.

DNA-Spuren fand man an den Tatorten nicht. Dafür rekonstruierte der Hauptsachbearbeiter der Polizei haarklein, wie man auf Zsolt M. als Tatverdächtigen gekommen war: An den Tatorten der Einbrüche in Ottobrunn (September 2023) und München (November 2023) hatte man die Handy-Funkzellen ausgewertet. Tatsächlich blieben nur sechs identische Rufnummern übrig, die sich an den Tagen der Taten in die Funkzellen eingeloggt hatten. „Wenn man dazu noch die Tatzeiträume nahm, blieb nur eine einzige Nummer übrig – eine ungarische.“

Die Polizei überwachte die Nummer und stellte fest, dass sie zusammen mit ihrem Inhaber im Dezember 2023 nach Deutschland einreiste, genauer gesagt nach Geretsried, Germering und Planegg. Zwei Tage später wurde bei einem Juwelier in Planegg eingebrochen, ein stiller Alarm wurde ausgelöst. Als die Security eintraf, rannte ein Mann davon. Es fehlten Schmuck und Uhren im Wert von 5700 Euro.

Die Polizei vermutet, dass der Täter gestört wurde und der Schaden deshalb relativ niedrig blieb. Die Fahnder folgten der Nummer, die sich auf der A8 Richtung österreichische Grenze bewegte. Kollegen hielten den Wagen in Piding an, darin Zsolt M. und ein weiterer Mann sowie Funkgeräte und Masken zum Überziehen – aber kein Schmuck. M. wurde festgenommen, zumal ihn auch die Kripo Weilheim wegen vier Einbrüchen bei Juwelieren suchte.

„Andrea Friseur Haarverlängerung“ – unter diesen Schlagworten soll Zsolt M. seine Freundin in besagtem Handy gespeichert haben. Die Dame soll in Ungarn einen Online-Shop für Haarteile und Extensions betreiben. Auf dem Handy fanden Ermittler Fotos von Haarteilen sowie Screenshots von den geschädigten Geschäften.

Ein Rechtsgespräch zwischen Gericht, Verteidigung und Staatsanwaltschaft blieb ohne Erfolg. Man werde weitere Zeugen laden, kündigte das Gericht an, darunter auch die Mutter des Angeklagten. Zsolt M. hatte im Prozess eine Bestätigung von ihr vorgelegt, dass er in der Nacht des großen Haareinbruchs in Ottobrunn bei ihr in Ungarn gewesen sei. Der Prozess wird am 1. Oktober fortgesetzt.

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