Im jüngsten Lagebild zur organisierten Kriminalität in Bayern, das basierend auf Zahlen von 2024 am Mittwoch veröffentlicht wurde, spielen Chilenen keine Rolle. Das könnte sich jedoch ändern. Nach zahlreichen Festnahmen in den vergangenen zwei Wochen hat ein Ermittlerteam des Münchner Polizeipräsidiums eine gut organisierte Einbrecherbande im Visier. Die Spur führt weit über die Stadtgrenzen hinaus – und möglicherweise bis zu einer Gruppierung der chilenischen Mafia in deren Heimatland.
„EG Muesca“ nennt sich die vor zehn Tagen gegründete bald sechsköpfige Ermittlungsgruppe. Muesca ist Spanisch und bedeutet so viel wie Scharte oder Kerbe. Das soll auf die eher rustikale Vorgehensweise der Dämmerungseinbrecher anspielen, die sich mit Feinheiten ihres kriminellen Handwerks erst gar nicht aufhalten. Lieber greifen sie zu Brech- und Stemmeisen und hebeln dann auf gut Glück Terrassentüren auf. Acht solcher Einbrüche konnte die Münchner Polizei in den vergangenen zwei Wochen aufklären.
Dabei wurden elf Personen aus fünf Einbrecherteams festgenommen. Zehn der inzwischen Inhaftierten kommen aus Santiago de Chile, der Hauptstadt des südamerikanischen Andenstaats. „Das gibt dann schon zu denken“, sagt Muesca-Leiter Thomas Schmidt, genannt Waldschmidt (übrigens ein direkter Nachkomme des Oktoberfest-Trachtenzug-Erfinders). 14 weitere, ähnlich gelagerte Fälle aus ganz Bayern haben Waldschmidt und sein Team jetzt schon identifiziert, die wohl derselben Gruppierung zugerechnet werden können. Der Verdacht des Ersten Kriminalhauptkommissars: „Es gibt noch viele weitere.“
Denn DNA-Spuren belegen, wie weit die Kreise sind, die die Chilenen ziehen. In Hamburg, Hannover und Frankfurt am Main haben sie schon Häuser und Wohnungen geknackt, in Österreich, der Schweiz, in Luxemburg, Italien, Frankreich und Spanien. Auch in ihrem lateinamerikanischen Heimatland sind sie keine Unbekannten. Die chilenischen Behörden liefern ihren deutschen Kollegen Namen und Daten. Alles deutet darauf hin: Hier sind Profis am Werk. Und sie haben wohl Hintermänner. Die organisierte Kriminalität ist derzeit ein großes Thema im Heimatland der chilenischen Tatverdächtigen.
Neben Mafia-Ermittlern aus vielen Ländern haben die Münchner Muesca-Experten vom Kommissariat 51 („Eigentumsdelikte mit Bandenbezug“) weitere wichtige Helfer: aufmerksame Nachbarn. Mit deren Hilfe gelang es der Polizei am 5., 7. und 8. November in Harlaching, Bogenhausen und auf der Autobahn neun Einbrecher auf frischer Tat oder auf der Flucht in Mietautos festzunehmen, alle bis auf einen stammen aus Chile. Ein weiterer Hinweis führte die Ermittler zu einem Sendlinger Airbnb-Zimmer. Dort wurden fast 300 Schmuckstücke, Uhren, Münzen und Bargeld im Gesamtwert von etwa 50 000 Euro sichergestellt. Sie stammen wohl aus weiteren Einbrüchen aus der Zeit vor dem 8. November.
Das Phänomen ist nicht ganz neu. Banden aus Südamerika, die in München ihr Unwesen treiben, machten in den vergangenen Jahren wiederholt Schlagzeilen. Mit immer neuen kriminellen Vorgehensweisen. Im Juni 2022 hatte es eine sechsköpfige Gang aus Lateinamerika speziell auf Schmuck und Uhren abgesehen, die sie aus den Transportern von Lieferdiensten stahlen. Die fünf Täter – zwei Ecuadorianer, zwei Chilenen und ein Spanier – spionierten Routen von Paketlieferdiensten aus. Wenn der Fahrer seinen Wagen verließ, drangen sie in das Fahrzeug ein und nahmen gezielt Pakete von Juwelieren, Edelmetall- und Uhrenhändlern mit.
Weil es in Frankfurt und in Hamburg sowie in Barcelona, Paris und Luzern zu ähnlichen Taten kam, ergab sich für die Münchner Ermittler ein immer genaueres Bild. Als dann zwei Bandenmitglieder im Februar 2023 erneut die bayerische Landeshauptstadt heimsuchen wollten, schlugen die Fahnder zu: In der Landsberger Straße konnten sie die Tatverdächtigen auf frischer Tat festnehmen, als sie aus einem Fahrzeug Pakete mit Uhren im Wert von 170 000 Euro stehlen wollten. Zwei Komplizen waren bereits in Paris festgenommen worden, ein fünftes Bandenmitglied schnappten Münchner Ermittler im Jahr darauf in der Nähe von Barcelona.
2017 hatten ebenfalls spezialisierte Banden aus Lateinamerika der Münchner Kriminalpolizei jede Menge Arbeit beschert. Die Gangster aus Chile, Kolumbien oder Mexiko waren auch damals vorwiegend „im grobmotorischen Bereich“ tätig, wie es ein Ermittler formulierte: Sie sprengten Geldautomaten von Banken. Das wurde später zur kriminellen Kernkompetenz der aus den Niederlanden agierenden „Audi-Banden“. Die südamerikanische Mafia hatte sich da längst neue Betätigungsfelder in München gesucht.

